Das Studieren und auch Kopieren der Werke anderer Künstler gehört zur Ausbildung eines Malers. Auch Vincent van Gogh (1853-1890) setzte sich während des Zeichenunterrichts in seiner Jugend, der, abgesehen von dem zweijährigen Unterricht an der renommierten Mittelschule „Wilhelm II.“, eher sporadisch ausfiel, mit den Werken seiner Vorgänger auseinander.
Später, nachdem er sich 1880 im Alter von 27 Jahren dafür entschieden hatte, als professioneller Maler zu leben, kopierte er hin und wieder Werke von Malern, die er bewunderte, in seiner ihm eigenen Malweise oder übernahm Elemente für seine eigenen Gemälde.
Die ersten Kopien entstanden, nachdem van Gogh 1886 zu seinem Bruder Theo (1857-1891) nach Paris gezogen war. Vincent wurde schnell Teil der avantgardistischen Kunstszene und vermittelte diese Kontakte an Theo, der als Kunsthändler arbeitete.

In Paris war damals der Japonismus in Mode, wovon sich auch van Gogh anstecken ließ. Er begann, Blätter mit japanischen Holzschnitten zu sammeln. Nach Vorlagen von Utagawa Hiroshige (1797-1858) schuf er die Gemälde Blühender Pflaumenbaum und Brücke im Regen. Auf der Titelseite der Zeitschrift Paris Illustré vom Mai 1886 entdeckte er zudem den Holzschnitt Die Kurtisane des ukiyo-e-Künstlers Keisai Eisen (1790-1848), den er ebenfalls mit einem Gemälde kopierte. Er veränderte jedoch die Körperhaltung der Dargestellten und wählte als Hintergrund einen Teich mit Seerosen und Bambus, statt eines japanischen Zimmers.
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Zum Kreis der jungen Künstler, mit denen van Gogh in Paris verkehrte, gehörte auch Émile Bernard (1868-1941), mit dem ihn schon bald eine enge Freundschaft verband. Bernards Stil der schwarzen Konturlinien, aus dem sich Cloisonismus und Synthetismus entwickeln sollten, beeinflussten van Gogh sehr. Bernard gehörte auch zu den Kollegen, mit denen er Gemälde tauschte.

Im Februar 1888 reiste Vincent van Gogh nach Südfrankreich, wo er in Arles hängenblieb und davon träumte, dort eine Künstlergemeinschaft zu gründen. Bernard sollte einer dieser Künstler sein. Doch statt sich selbst schickte er van Gogh lediglich das Gemälde Bretonische Frauen auf der Wiese, das er im August 1888 gemalte hatte. Im November fertigte van Gogh eine Aquarellkopie mit dem Titel Bretonische Frauen und Kinder an.
Während eines Streits mit Paul Gauguin (1848-1903), der ihm als einziger der Pariser Kollegen nach Arles gefolgt war, schnitt sich van Gogh im Januar 1889 einen Teil seines Ohres ab und erlitt einen Nervenzusammenbruch, weshalb er ab Mai in der Nervenheilanstalt Saint-Paul im unweit von Arles gelegenen Saint-Rémy-de-Provence untergebracht wurde.
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Die Unterbringung in der Anstalt dämpfte van Goghs Enthusiasmus für die Malerei keineswegs und schon bald kehrte er zu seiner erstaunlichen Schaffenskraft zurück. Zunächst malte er die Dinge, die er vom Fenster seines Zimmers aus sah. Später durfte er seine Staffelei auch im Garten und in der näheren Umgebung aufstellen. Das berühmteste Bild aus dieser Zeit ist Sternennacht.
Der eingeschränkte Radius, in dem van Gogh sich bewegen durfte, führte jedoch zu Langeweile und er griff zur Abwechslung auf Werke anderer Künstler, die er bewunderte und die ihn inspirierten, zurück.

Schon früh hatte van Gogh sich in seinen Werken mit dem Leben und der Arbeit auf dem Land auseinandergesetzt. Zu seinen großen Vorbildern für dieses Sujet zählte der realistische Maler Jean-François Millet (1814-1875), einer der frühesten Künstler der Schule von Barbizon. Im September 1889 begann er, nach Holzstichen von Millet, die Bauern und Bäuerinnen, Mägde und Knechte bei der Arbeit zeigten, Gemälde anzufertigen. Insgesamt entstanden 21 Arbeiten nach Millet.
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Am meisten beeindruckte van Gogh das Motiv des Sämanns, das er bereits zuvor in Gemälden verarbeitet hatte. Auch Millets Gemälde Die Grabenden von 1850/55, das er im Oktober 1889 mit Zwei Bauern beim Umgraben kopierte, hatte van Gogh vermutlich bereits 1880 als Vorlage für eine Zeichnung gedient.

Obwohl van Gogh der Sohn eines Geistlichen war, spielten religiöse Motive in seinem Œuvre keine große Rolle. In Saint-Rémy kopierte er allerdings einige religiöse Werke von zwei Künstlern, die ihn inspiriert hatten: Eugène Delacroix’ (1798-1863) Werk hatte van Gogh zu mehr Farbigkeit ermuntert, Rembrandts (1606-1669) Einsatz von Licht bewunderte er seit seiner Zeit in Amsterdam in den 1870er Jahren.
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Nach Delacroix malte er Pièta und Der barmherzige Samariter, nach verschieden Arbeiten von Rembrandt entstanden Halbfigur eines Engels und Die Auferweckung des Lazarus. Auffällig ist, dass der Christus der Pieta und die Figur des Lazarus mit ihren roten Haaren van Gogh durchaus ähnlich sehen.

Wie eingeschränkt sich van Gogh in de Nervenheilanstalt gefühlt hat, kommt am deutlichsten mit dem Anfang 1890 gemalten Die Runde der Gefangenen zum Ausdruck, das er nach einem Holzstich von Gustave Doré (1832-1883) aus dem 1872 erschienen Buch London: A Pilgrimage malte.

Die letzte Kopie van Goghs entstand im Juli 1890, also kurz vor seinem Tod. Seit Mitte Mai lebte er in dem nordwestlich von Paris gelegenen Auvers-sur-Oise, wo der Arzt und Kunstsammler Paul Gachet (1828-1909) ein Auge auf seinen Gesundheitszustand haben sollte.

Bei dem Gemälde handelte es sich um die Kopie einer Ölstudie mit fünf Kühen des flämischen Barockmalers Jacob Jordaens (1593-1678) aus dem Jahr 1620, von der Dr. Gachet eine Zeichnung besaß.
In dem fast 2.000 Gemälde und Zeichnungen umfassenden Œuvre Vincent van Goghs sind die wenigen Kopien, die er schuf, eindeutig in der Unterzahl, gewähren jedoch einen interessanten Einblick in das Leben des Künstlers.




