Obwohl gleichgeschlechtliche Beziehungen in Europa bis weit in das 20. Jahrhundert hinein illegal waren, gab es viele Künstler, die sowohl die Konventionen, als auch das Gesetz umgangen haben. Bei Barnebys sind wir auf Spurensuche gegangen und haben fünf queere Künstler aufgespürt, die durch ihr Werk und ihr Leben Pioniere ihrer Kunst waren.
Rosa Bonheur (1822-1899)

Die französische Künstlerin Rosa Bonheur war bereits zu Lebzeiten eine angesehene und erfolgreiche Künstlerin, die sich auf Tiermalerei spezialisiert hatte. Heute hat ihre einstige Popularität stark abgenommen, aufgrund der Tatsache, dass ihr Stil ein sehr akademischer war, der leicht als konservativ eingestuft wird. Bereits mit 14 Jahren zeichnete sie die großen Meisterwerke im Louvre nach. Sie stammte aus einer Künstlerfamilie und wurde von ihrem Vater unterrichtet, der eine eigene Akademie leitete. Seit ihrer Kindheit nahmen Tiere, vor allem Pferde, einen besonderen Platz in ihrem Herzen ein. Das Reiten war ihre große Leidenschaft und dank der vielen Stunden, die sie im Stall verbrachte, war sie in der Lage, die Anatomie der Pferde naturgetreu wiederzugeben. 1841 stellte sie erstmals im prestigeträchtigen Pariser Salon aus und hatte wenige Jahre später ihren Durchbruch mit Labourage Nivernais. Das Gemälde zeigt einen Bauern beim Pflügen eines Feldes, doch das Bemerkenswerteste ist die Darstellung der kraftvollen Ochsen.
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Nach diesem Erfolg nahm ihre Karriere an Fahrt auf und sie erhielt Aufträge von bedeutenden Sammlern in England und den USA. So kaufte Cornelius Vanderbilt neben weiteren Werken das Gemälde La Foire du Cheval (1853) für das neu gegründete Metropolitan Museum of Art in New York, wo es noch heute hängt. 1865 wurde Bonheur als erste Frau in die französische Ehrenlegion aufgenommen; der Orden wurde ihr von Kaiserin Eugénie verliehen. Dank ihres Erfolgs war es ihr möglich, ein Anwesen auf dem Lande zu erwerben, wo sie zurückgezogen mit ihrer Partnerin Nathalie Micas lebte. Obwohl es Frauen in Frankreich verboten war, Hosen zu tragen, trug Bonheur für gewöhnlich Männerkleidung. Während einer Reise nach England verliebte sie sich in Tweed und Krawatten. Sie ließ ihr Haar kurz schneiden, rauchte und war geistreich und freimütig. 1889 starb Nathalie Micas und obwohl Bonheur später eine neue Frau kennenlernte, kam sie über den Verlust ihrer ersten großen Liebe nie hinweg. Rosa Bonheurs Stil mag traditionell gewesen sein, mit ihrem Lebensstil war sie ihrer Zeit weit voraus.
Sigrid Blomberg (1863-1941)

Die Bildhauerin Sigrid Blomberg wuchs zusammen mit fünf Geschwistern auf dem Anwesen Skärshult im südschwedischen Småland auf. Aus einer Familie der Oberschicht stammend, erhielt sie eine gute Ausbildung an der Nisbeth-Schule für Mädchen in Kalmar und zeigte schon froh ein Interesse an Holzschnitzereien. Im Alter von 25 Jahren zog Blomberg nach Stockholm, um dieses Interesse an der Konstfack zu vertiefen. In dieser Zeit begann sie, mit Ton zu arbeiten, das ihr bevorzugtes Material werden sollte. Nach nur einem Jahr beendete sie ihr Studium der Holzschnitzerei und ging stattdessen an die Königliche Kunsthochschule, wo sie 1898 ihren Abschluss machte. Während ihrer Zeit an der Akademie erhielt sie viele Auszeichnungen und anschließend mehrere Stipendien.
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Die Jahrhundertwende war zweifellos ein aufregende Zeit, um als Künstler zu arbeiten. Dank der Innovationen des 19. Jahrhunderts wie die Eisenbahn und Elektrizität, war das Reisen sehr viel einfacher geworden und Blomberg verbrachte viel Zeit in Deutschland und Italien. Vor allem die ausdrucksstarken Skulpturen der Renaissance hinterließen einen starken Eindruck bei ihr und sie spezialisierte sich auf religiöse Motive. Ein Beispiel dafür, Die Verkündigung von 1900, kann im Schwedischen Nationalmuseum in Stockholm bewundert werden. Gemeinsam mit ihrer lebenslangen Partnerin, der Historikerin und Autorin Sigrid Leijonhufvud, begann sich Blomberg in der Frauenbewegung zu engagieren. Das Paar war außerdem im Frauenverein Nya Idun aktiv, welcher sich für Gleichheit der Geschlechter in allen sozialen Schichten einsetzte.
Ethel Sands (1873-1962)

Die Künstlerin und Salonière Ethel Sands wurde 1873 in Newport, Rhode Island, geboren, wuchs allerdings in England auf. Sie stammte aus einer reichen Industriellenfamilie und ihre Eltern waren Teil der internationalen Gesellschaft. Mit 21 zog Ethel Sands nach Paris, um beim Künstler Eugène Carrière Malerei zu studieren. Dort verliebte sie sich in eine Mitstudentin: Anna Hope „Nan“ Hudson. Die beiden wurden ein Paar und verbrachten den Rest ihres Lebens gemeinsam. Lange Zeit wurde die Beziehung der beiden in kunsthistorischen Schriften als freundschaftlich beschrieben – was oft der Fall ist bei lesbischen Partnerschaften. Ende des 19. Jahrhunderts verlor Sands beide Elternteile und sie erhielt Zugriff auf ein gewaltiges Erbe, weshalb sie niemals heiraten musste. Das Geld verschaffte ihr kreative und gesellschaftliche Freiheit.
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Ethel Sands war stark von ihren zeitgenössischen Kollegen Walter Sickert und Édouard Vuillard beeinflusst, musste allerdings hart darum kämpfen, in der männlich dominierten Kunstszene ernst genommen zu werden. Trotz oder gerade aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung genoss sie als Frau nicht dieselbe Bewegungsfreiheit wie ihre männlichen Kollegen, ein Zustand, durch den sie sich hauptsächlich auf Interieurs konzentrierte. Zwischen 1898 und 1920 wohnten Ethel und Nan auf dem Newington-Anwesen in Oxfordshire, wo alle angesehenen kulturellen Persönlichkeiten der damaligen Zeit lebten. Als Salonière genoss Sands hohes Ansehen und sie freundete sich mit der Autorin Virginia Woolf an. Trotz ihrer privilegierten Stellung engagierte sie sich in sozialen Bereichen und arbeitete in beiden Weltkriegen als Krankenschwester. 1957 starb Nan und Ethel Sands überlebte ihre große Liebe nur um wenige Jahre. Bedauerlicherweise sind nicht viele von Sands Arbeiten erhalten geblieben, da die Londoner Wohnung des Paares durch Fliegerbomben zerstört wurde, doch die Erinnerung an ihr außergewöhnliches Leben lebt weiter.
Duncan Grant (1885-1978)

Der britische Künstler Duncan Grant war eines der berühmtesten Mitglieder der Bloomsbury Group, einer Gruppe von Künstlern, Autoren und Intellektuellen, die in der strengen viktorianischen Ära aufgewachsen waren, jedoch nach einer neuen und freieren Art zu leben suchten. Weitere namhafte Mitglieder waren Virginia Woolf und ihre Schwester Vanessa Bell sowie der Ökonom Maynard Keynes. Über die Bloomsbury Group wurde gesagt, dass sie „in Kreisen malte und in Dreiecken liebte“ – eine wenig schmeichelhafte Beschreibung. Ihre Mitglieder wollten sich ästhetisch, intellektuell und gesellschaftlich von den starren bürgerlichen Konventionen befreien. Obwohl Vanessa Bell verheiratet war, wurden sie und Duncan Grant ein Paar und hatten ein gemeinsames Kind. Doch der gut aussehende und charmante Duncan konnte ihr nicht treu bleiben. Ständig hatte er neue Romanzen und das fast ausschließlich mit Männern. Dennoch blieben Grant und Bell lebenslang ein Paar, das in der Zwischenkriegszeit von London auf eine Farm namens Charleston in Sussex zog.
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Grant und Bell richteten das Haus neu ein und bauten ein großes Atelier. Da sie ständig in Geldnot waren, dekorierten sie die Räume mit Flohmarktfunden sowie gebrauchtem Mobiliar und Keramik. Das Ergebnis war gemütlich-eklektisch: alles, von den Türen über Lampenschirme bis hin zu den Tischplatten, war von dem Paar mit hübschen Mustern bemalt worden. An den Wänden hingen natürlich die eigenen Werke, vermischt mit vielen Porträts von Freunden und Familienmitgliedern. Grant wurde besonders von den sinnlichen Männerkörpern der Renaissancemalerei inspiriert und produzierte endlos viele Männerakte. Oft lud er Männer aus der Nachbarschaft, darunter den Elektriker oder verschiedene Arbeiter, ein, für ihn zu posieren. Bedauerlicherweise war Grant 1885 geboren, dem Jahr in dem das Labouchere Amendment vom Parlament verabschiedet worden war, ein Gesetz, das gleichgeschlechtliche Beziehungen illegal machte. Doch nachdem er über 80 Jahren mit diesem gelebt hatte, erlebte Grant 1967 wie Homosexualität in Großbritannien endlich entkriminalisiert wurde. Mit Charleston hatte er jedoch bereits früher einen Zufluchtsort gefunden, an dem er – abgeschirmt von den verurteilenden Blicken der Gesellschaft – nach seinen eigenen Idealen hatte leben können.
Keith Vaughan (1912-1977)

Heute gilt der Künstler Keith Vaughan als einer der Pioniere der britischen Moderne, doch statt zu seinen Lebzeiten das Dasein eines angesehenen Künstlers zu führen, sah er sich aufgrund seiner Sexualität immer wieder mit Sorgen und Scham konfrontiert. Während des Zweiten Weltkriegs nutzte er sein Recht, den Dienst an der Waffe zu verweigern und wurde stattdessen Krankenwagenfahrer. Vor dem Krieg hatte er als Zeichner für Werbecartoons gearbeitet, doch im Laufe der 1940er Jahre konzentrierte er sich mehr und mehr auf seine Kunst. Während seines Diensts als Krankenwagenfahrer hatte er sich mit den Künstlern John Minton und Graham Sutherland angefreundet, die beide bekannte Vertreter der Neo-Romantik waren. Vaughan ließ die suggestive Bildsprache und den poetischen Einfluss dieser Gruppe jedoch schnell hinter sich und verschrieb sich voll und ganz der männlichen Aktmalerei.
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Im Laufe der Geschichte begeisterten sich homosexuelle Männer immer wieder für das antike Griechenland, wo sexuelle Begegnungen zwischen Männern in einigen Fällen gesellschaftlich akzeptiert waren. Wie alle Jungen, die in England eine Privatschule besucht hatten, besaß auch Vaughan eine gute Ausbildung in klassischer Literatur und Kultur und in den 1960er Jahren reiste er wiederholt nach Griechenland, um Inspiration zu finden. Indem er klassische und mythologische Motive malte, fand Vaughan einen gesellschaftlich akzeptierten Weg, nackte Männer malen zu können. Die griechische Mythologie bot ihm viele Möglichkeiten, der „Liebe, deren Name nicht genannt werden darf“ Ausdruck zu verleihen. Er entwickelte eine beinahe abstrakte künstlerische Sprache mit eleganten geometrischen Formen, oftmals ausgeführt in meerblauen Tönen. Nachdem er lange schwer krank gewesen war, beschloss Keith Vaughan 1977, sein Leben zu beenden. Posthum wurden seine Tagebücher veröffentlicht, die heute nicht nur eine wichtige kunsthistorische Quelle darstellen, sondern auch einen tragischen und nicht weniger bedeutsamen Einblick darin geben, was es bedeutete, im England des 20. Jahrhunderts ein schwuler Mann zu sein.



