Im späten 15. Jahrhundert war der herzogliche Hof in Urbino eine hochkultivierte Umgebung, in der die Ideale des Humanismus gepflegt und gefördert wurden. In dieses Umfeld wurde am 28. März oder 6. April 1483 Raffaello Sanzio/Santi hineingeboren, dessen Vater, Giovanni Santi, als Hofmaler und -dichter in herzoglichen Diensten stand. Santi führte eine eigene Werkstatt, in der er seinem Sohn die Grundzüge der Malerei beigebracht haben dürfte. 1491 starb Raffaels Mutter, Magia di Battista di Nicoló Ciarla, drei Jahre später schied auch sein Vater aus dem Leben, wodurch der erst 11 Jahre alte Raffael zur Vollwaise wurde. Bald darauf muss Raffael seine Lehre begonnen haben. Darüber, wo er diese absolvierte, existieren jedoch keine zeitgenössischen Quellen. Seit Giorgio Vasari, der seine Raffael-Biografie jedoch erst 30 Jahren nach dessen Tod veröffentlichte, wird Perugino, einer der angesehensten Maler seiner Zeit, der Werkstätten in Perugia und Florenz betrieb, genannt. Dafür sprechen würden die stilistischen Gemeinsamkeiten, die in vielen frühen Werken Raffaels zu finden sind.

Bestes Beispiel dafür sind die Altarbilder mit der Verlobung Marias, die beide bis spätestens 1504 entstanden. Trotz der Ähnlichkeit der Bilder wird jedoch deutlich, dass Raffael seinen (potenziellen) ehemaligen Meister zu diesem Zeitpunkt bereits überflügelt hatte. In einem Vertragsdokument vom 10. Dezember 1500 wird Raffael erstmals als Meister bezeichnet, musste seine Lehrzeit im Alter von 17 Jahren also beendet haben. Der Auftrag für ein Altarbild für die Kirche Sant’Agostino in Città di Castello war eine Gemeinschaftsarbeit mit Evangelista da Pian de Meleto, einem langjährigen Mitarbeiter von Giovanni Santi, der die Werkstatt nach dessen Tod möglicherweise weitergeführt hatte, bis der junge Raffael sie übernehmen konnte.

Nach Aufträgen in Perugia und Città di Castello sowie für die Herzöge von Urbino zog es Raffael schließlich in die bedeutende Kunstmetropole Florenz, wo die großen Meister Leonardo da Vinci und Michelangelo wirkten. Raffael wurde Zugang zu deren Werkstätten gewährt und setzte sich mit deren Arbeiten auseinander, was die Weiterentwicklung seines eigenen Stil beeinflusste. Ein Großteil seiner Aufträge bestand aus den damals sehr populären Madonnenbildern, die in den unterschiedlichsten Größen bestellt wurden. Raffaels Werke zeichneten sich durch einen außerordentlichen Einfallsreichtum in der Komposition aus, was beim Publikum gut ankam. Seinen Madonnen wohnte eine besondere Lieblichkeit inne, die sie, trotz ihrer göttlichen Stellung, zutiefst menschlich und nahbar erscheinen ließ. Auch die Tatsache, dass er schnell lieferte, trug zum guten Ruf des noch jungen Malers bei.
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Sein guter Ruf, sein außerordentliches Talent sowie die Verbindungen, die er von Kindheit an in Urbino aufbauen konnte, führten 1508 schließlich dazu, dass er nach Rom berufen wurde, wo Papst Julius II. damit beschäftigt war, aus der Stadt wieder die glanzvolle Metropole zu machen, die sie in der Antike gewesen war. Im Mittelpunkt dieser Bestrebungen stand der Neubau des Petersdoms, der die alte Basilika ersetzen sollte. Dombaumeister war Donato Bramante, der aus der Umgebung von Urbino stammte und noch immer Kontakte zu der Stadt, in der er seine Lehrjahre absolviert hatte, pflegte.

Raffael erhielt von Julius II. den Auftrag, im Apostolischen Palast die päpstlichen Gemächer, die Stanzen, mit Fresken auszuschmücken. Das berühmteste Werk aus dieser Reihe ist die Schule von Athen, das die großen Denker der griechischen Antike in einem grandiosen Gruppenbild vereint. Am rechten Rand fügte Raffael sich selbst hinzu, dem grauhaarigen Platon im Zentrum verlieh er die Züge seines großen Vorbilds Leonardo da Vinci. Im Vordergrund fügte er schließlich, als Verkörperung des Heraklit, einen weiteren zeitgenössischen Künstler hinzu, den er in Florenz kennengelernt hatte und der sich damals in Rom aufhielt: Michelangelo Buonarroti.
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Der muntere Raffael und der eher in sich gekehrte Michelangelo hatten im Gegensatz zu der früheren Begegnung in Florenz nun keinen guten Draht mehr zueinander. Besonders übel nahm es Michelangelo dem acht Jahre jüngeren Kollegen, als dieser sich eines Nachts unerlaubt in die Sixtinische Kapelle schlich, um das noch nicht fertiggestellte Deckengemälde, das Michelangelo dort ausführte, in Augenschein zu nehmen. Tatsächlich übernahm Raffael in der Folge einige Elemente des Stils Michelangelos.
Deutlich wurde dies bereits bei einem der Aufträge, die Raffael neben der Arbeit an den Stanzen, bei der er von den Mitarbeitern seiner Werkstatt, allen voran Giulio Romano, unterstützt wurde, annahm. Er hatte sich am päpstlichen Hof gut integriert und galt als angenehmer Zeitgenosse. Vom Bankier des Papstes, Agostino Chigi, erhielt er den Auftrag zur Ausschmückung seiner neuen Villa, die heute unter dem Namen Villa Farnesina bekannt ist. In dem um 1512 entstandenen Fresko Der Triumph der Galatea sind die verdrehten Körper „à la Michelangelo“ zu erkennen.
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Viele bedeutende Persönlichkeiten ließen sich von Raffael porträtieren, darunter der Schriftsteller und Diplomat Baldassare Castiglione, der als Botschafter des Herzogs von Urbino in Rom weilte, und Kardinal Bernardo Dovizi da Bibbiena, ein Vertrauter von Papst Leo X., dem Nachfolger Julius’ II. Tatsächlich verlobte sich der dem schönen Geschlecht sehr zugetane Raffael mit einer Nichte des Kardinals, Maria da Bibbiena, zur Hochzeit kam es jedoch nie.
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Leo X., der 1513 zum neuen Papst gewählt wurde, ließ die von seinem verstorbenen Vorgänger angestoßenen Baumaßnahmen fortsetzen. Nachdem auch Bramante 1514 verstorben war, wurde Raffael zum leitenden Architekten des Dombauprojekts ernannt – ein weiterer Schlag für Michelangelo, der mit diesem Posten geliebäugelt hatte (erst 1547 wurde ihm die Bauleitung anvertraut). Hinzu kam 1515 die Oberaufsicht über die Antiken in der päpstlichen Sammlung sowie über jene, die in und unmittelbar außerhalb Roms gefunden wurden. Das war eine bedeutsame Aufgabe, hatte die Wiederentdeckung der Antike nach dem Mittelalter doch einen enormen Einfluss auf die Ästhetik der Architektur der kommenden Jahrhunderte. Wie sehr sich Raffael damals mit der antiken Kunst auseinandersetzte, wird in den Fresken deutlich, die er ab 1514 im Vatikan ausführte, wie etwa in den Loggien.

Mit 30 Jahren war Raffael als Künstler ganz oben angekommen. Während seines triumphalen Aufenthalts in Rom entstanden berühmte Werke wie die Sixtinische Madonna (1512/13) und Madonna della Seggiola (1513/14) und er schuf Porträts der Päpste Julius II. und Leo X. Doch über das, was noch hätte werden können, kann man nur spekulieren, denn Raffael starb, möglicherweise an Malaria, vielleicht auch an den Folgen einer Geschlechtskrankheit, am 6. April 1520 im Alter von nur 37 Jahren in dem von ihm selbst entworfenen Palazzo im Borgo Nuovo in Rom. Bereits am darauffolgenden Tag wurde er – seinem Wunsch entsprechend – im Pantheon bestattet.
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Zum Zeitpunkt seines Todes befand sich in seinem Atelier die fast vollendete Transfiguration, ein monumentales Altargemälde, das die Verklärung Christi zum Thema hat. Es war dieses letzte Gemälde Raffaels, das seinen andauernden Ruhm begründete, galt es in den folgenden drei Jahrhunderten doch als das beste und berühmteste Gemälde überhaupt. Tatsächlich kann es als ein wegweisendes Werk betrachtet werden, das Elemente des Manierismus und sogar der barocken Malerei vorwegnahm. Die Verehrung Raffaels hatte bereits zu dessen Lebzeiten begonnen und steigerte sich nach seinem frühen Tod enorm.
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Seine ganz der Schönheit gewidmete Kunst wurde in den höchsten Kreisen, in denen er verkehrte, sehr geschätzt. Raffael war allerdings nie gewillt, sich auf geernteten Lorbeeren auszuruhen. Kontinuierliche Fortbildung war bei ihm an der Tagesordnung. So studierte er die Arbeiten seiner Kollegen und blieb „up to date“, was die Kunstströmungen seiner Zeit betraf. Und dies ging auch über die Alpen hinaus. In den italienischen Sammlungen befanden sich Gemälde niederländischer und flämischer Künstler, die er studierte, und mit Albrecht Dürer, den er sehr bewunderte, stand Raffael sogar in persönlichem Kontakt. Was ihm bewundernswert erschien, übernahm Raffael für sein eigenes Schaffen, wobei er nicht einfach kopierte, sondern das Übernommene in seinem eigenen Stil der perfekten Malerei und der harmonischsten Komposition ausführte. Rund 300 Jahre lang hielt ihn das an der Spitze der Liste der zu verehrenden und nachzuahmenden Maler.
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Erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann Raffaels Stern zu verblassen, als die Kunst neue Wege einschlug und andere Künstler zum Vorbild nahm, wie etwa die Präraffaeliten in England, die sich an der mittelalterlichen Kunst vor Raffael – der Name ist hier Programm – orientierten. Um 1900 galt Raffaels Kunst als „langweilig“ in ihrer Perfektion und scheinbar ohne tiefere Bedeutung. Andere Werke italienischer Künstler erhielten zunehmend mehr Beachtung und wurden im Laufe der Jahrzehnte zu Ikonen der Popkultur, darunter Leonardo da Vincis Mona Lisa, Botticellis Geburt der Venus und Michelangelos David. Doch nicht ganz so offensichtlich ist auch Raffael hier mit von der Partie, denn die beiden Engel am Fuße der Sixtinischen Madonna haben – unabhängig vom Gesamtkunstwerk – einen gewissen Kultstatus erreicht und werden immer wieder auf allen möglichen Objekten, vom Kaffeebecher bis zum Kissenbezug, reproduziert.
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Raffaels Beitrag zur Kunstgeschichte ist unbestritten, auch wenn er aktuell nicht mehr so hoch im Kurs steht, wie es jahrhundertelang der Fall war. Auf dem Auktionsmarkt erzielen seine Werke jedenfalls Preise in Millionenhöhe. Raffaels noch immer gültiger Rekord wurde 2012 erzielt, als die Studie Kopf eines jungen Apostels bei Sotheby’s London für 29,7 Millionen GBP versteigert wurde.
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