Das teuerste Kunstwerk, das mit der Titanic unterging

Hier ist die Geschichte hinter "La Circassienne au Bain", ein Gemälde, das im frühen 19. Jahrhundert vom französischen Salonmaler Merry-Joseph Blondel ausgeführt wurde und im April 1912 gemeinsam mit der Titanic im Nordatlantik unterging.

Das teuerste Kunstwerk, das mit der Titanic unterging

Obwohl seit dem Untergang der Titanic mehr als 100 Jahre vergangen sind, fasziniert die tragische Geschichte des Schiffes und seiner Passagiere die Menschen noch immer. Als er im April 1912 zu seiner Jungfernfahrt in See stach, war der Ozeandampfer, das größte Schiff, das jemals über die Meere gereist ist. Von den insgesamt 1300 Passagieren besaßen 319 ein Ticket für die 1. Klasse, die ein wahres Who-is-Who des europäischen Adels und amerikanischer Millionäre bildete. Und diese Passagiere reisten mit umfangreichen Gepäck, das so manchen Schatz beinhaltete - vom Kunstwerk bis zum Automobil. Das teuerste Gepäckstück brachte der 29-jährige der Schwede Mauritz Håkan Björnström-Steffansson, dessen Familie ihr Vermögen mit Holzzellstoff gemacht hatte, mit an Bord: Das Ölgemälde La Circassienne au Bain des klassizistischen Malers Merry-Joseph Blondel.

Mauritz Håkan Björnström-Steffansson | Foto via Encyclopedia Titanica
Mauritz Håkan Björnström-Steffansson | Foto via Encyclopedia Titanica

Merry-Joseph Blondel war 1781 in Paris zur Welt gekommen. Bereits in jungen Jahren wurde sein künsterlisches Talent entdeckt und gefördert. Im Alter von 22 Jahren stellte er erstmals im Salon des Paris aus und gewann für seine Werk Énée portant son père Anchise ("Aeneas trägt seinen Vater") den renommierten Prix du Rome, der ein Studium an der Villa Medici in Rom beinhaltete.

Merry-Joseph Blondel, Énée portant son père Anchise, 1803 | Foto via École Nationale Supérieure des Beaux-Arts
Merry-Joseph Blondel, Énée portant son père Anchise, 1803 | Foto via École Nationale Supérieure des Beaux-Arts

Blondels Abreise nach Rom verzögerte sich bis 1809. Sein Studium dort dauerte drei Jahre. Nach seiner Rückkehr nach Paris wurde 1814 ein weiteres seiner Gemälde im Salon ausgestellt: La Circassienne au Bain. Das Ölgemälde zeigt eine nackte Tscherkessin, die in ein antikes, von dichtem Laub und Fontänen umgebenes Badebecken steigt. Die Kritiken dazu fielen unterschiedlich aus, letztendlich überwogen jedoch die wohlmeinenden Stimmen. 1823 erschien eine gedruckte Reproduktion des Gemäldes im französischen Almanach des Damesin.

1823 erschien ein Druck von "La Circassienne au Bain" im Almanach des Dames | Foto via Wiki Commons
1823 erschien ein Druck von "La Circassienne au Bain" im Almanach des Dames | Foto via Wiki Commons

Blondel blieb seiner Heimatstadt Paris treu und erhielt viele Aufträge, u.a. für Dekorationen in den Schlössern von Versailles und Fontainebleau sowie im Louvre. In seinem Stil folgte er dem französischen Klassizismus. Er malte elegante höfische Portraits und große historische und mythologische Szenen, die er mit viel Liebe zum Detail, leuchtenden Farben, dynamischen Bewegungen und einer Idealisierung der menschlichen Anatomie ausführte. Während seines Studiums an der Villa Medici hatte er sich mit Jean Auguste Dominique Ingres angefreundet. 1824 wurden beide Maler durch König Charles X. in die Legion d'Honneur aufgenommen. In jenem Jahr begann Blondel an der École des Beaux-Arts zu unterrichten. Beinahe 30 Jahre hatte er diesen Lehrauftrag inne, bis zu seinem Tod im Jahr 1853.

"Der Sturz des Ikarus" - ein Deckengemälde von Merry-Joseph Blondel im Louvre | Foto: Musée du Louvre
"Der Sturz des Ikarus" - ein Deckengemälde von Merry-Joseph Blondel im Louvre | Foto: Musée du Louvre

Was derweil mit La Circassienne au Bain geschah ist nicht überliefert. Rund 100 Jahre nachdem das Gemälde im Pariser Salon ausgestellt worden war, befand es sich jedenfalls im Besitz von Mauritz Håkan Björnström-Steffansson, der mit der Titanic in die Vereinigten Staaten reisen wollte, um in Washington, DC sein Studium der Chemieingenieurwissenschaften fortzusetzen. Das Gemälde nahm er mit.

Rettungsboot D, mit dem Björnström-Steffansson dem Untergang entkam | Foto via Wiki Commons
Rettungsboot D, mit dem Björnström-Steffansson dem Untergang entkam | Foto via Wiki Commons

An Bord der Titanic freundete sich Björnström-Steffansson mit dem englischen Börsenmakler Hugh Woolner an. Als das Schiff auf den schicksalhaften Eisberg traf, saßen die beiden im Rauchersalon. In den wenigen Stunden bis zum Untergang halfen sie anderen Passagieren in die Rettungsboote, bevor sie ganz zum Schluss selbst in eines der letzten Rettungsboote sprangen. In diesem wurden sie von der RMS Carpathia aufgelesen, die die Überlebenden nach New York brachte.

Die Überlebenden begannen schon bald, die White Star Line für den Verlust von Angehörigen und Besitztümern zu verklagen. Björnström-Steffansson verlangte für sein verlorenes Gemälde 100.000 USD (heute mehr als 2,5 Millionen USD), die größte Einzelsumme aus der insgesamt eingeforderten Summe von 6 Millionen USD (heute rund 150 Millionen USD). Die White Star Line konnte die Forderungen schließlich auf 664.000 USD (heute rund 17 Millionen USD)herunterhandeln. Daher ist es unwahrscheinlich, dass Björnström-Steffansson tatsächlich die volle, von ihm geforderte Summe erhielt.

Die von John Parker ausgeführte Kopie des Originalgemäldes von Merry-Joseph Blondel | Foto via Wiki Commons
Die von John Parker ausgeführte Kopie des Originalgemäldes von Merry-Joseph Blondel | Foto via Wiki Commons

Aufgrund seines hohen Wertes und den Umständen seines Verschwindens hat das Interesse an dem Gemälde die letzten 100 Jahre überdauert. 2013 versuchte sich ein britischer Künstler mit dem Pseudonym John Parker in einer Reproduktion von La Circassienne au Bain. Das Ergebnis wurde 2016 im englischen Auktionshaus Plymouth Auction Rooms für rund 2700 GBP versteigert.

Auch eine kostbare Ausgabe des Rabaiyat ging beim Untergang der Titanic verloren | Foto: Booktryst
Auch eine kostbare Ausgabe des Rabaiyat ging beim Untergang der Titanic verloren | Foto: Booktryst

Auch wenn das Blondel-Gemälde als das teuerste Kunstwerk an Bord der Titanic betrachtet wird, war es aber nicht das einzige erwähnenswerte, das Opfer des Untergangs wurde. Ebenfalls verloren ging ein Portrait des italienischen Freiheitskämpfers Giuseppe Garibaldi sowie eine mit Edelsteinen besetzte Ausgabe des Rubaiyat, einer persischen Gedichtsammlung aus dem 11. Jahrhundert.

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