Obwohl seit dem Untergang der Titanic mehr als 100 Jahre vergangen sind, fasziniert die tragische Geschichte des Schiffes und seiner Passagiere noch immer. Als er im April 1912 zu seiner Jungfernfahrt in See stach, war der Ozeandampfer das größte Schiff, das jemals über die Meere gereist war. Von den insgesamt 1300 Passagieren besaßen 319 ein Ticket für die 1. Klasse, die ein wahres Who-is-Who des europäischen Adels und amerikanischer Millionäre darstellte. Und diese Passagiere reisten mit umfangreichen Gepäck, das so manchen Schatz beinhaltete – vom Kunstwerk bis zum Automobil. Das teuerste Gepäckstück brachte der 29-jährige Schwede Mauritz Håkan Björnström-Steffansson, dessen Familie ihr Vermögen mit Holzzellstoff gemacht hatte, mit an Bord: Das Ölgemälde La Circassienne au Bain des klassizistischen Malers Merry-Joseph Blondel.

Merry-Joseph Blondel war 1781 in Paris zur Welt gekommen. Bereits in jungen Jahren wurde sein künstlerlisches Talent entdeckt und gefördert. Im Alter von 22 Jahren stellte er erstmals im Salon des Paris aus und gewann für seine Werk Énée portant son père Anchise ("Aeneas trägt seinen Vater") den renommierten Prix du Rome, der ein Studium an der Villa Medici in Rom beinhaltete.
Lesen Sie auch: Jacques-Louis David: Der revolutionäre Revolutionär
Blondels Abreise nach Rom verzögerte sich bis 1809. Sein Studium dort dauerte drei Jahre. Nach seiner Rückkehr nach Paris wurde 1814 ein weiteres seiner Gemälde im Salon ausgestellt: La Circassienne au Bain. Das Ölgemälde zeigt eine entblätterte Tscherkessin, die in ein antikes, von dichtem Laub und Fontänen umgebenes Badebecken steigt. Die Kritiken dazu fielen unterschiedlich aus, letztendlich überwogen jedoch die wohlmeinenden Stimmen. 1823 erschien eine gedruckte Reproduktion des Gemäldes im französischen Almanach des Dames.

Blondel blieb seiner Heimatstadt Paris treu und erhielt viele Aufträge, unter anderem für Dekorationen in den Schlössern von Versailles und Fontainebleau sowie im Louvre. In seinem Stil folgte er dem französischen Klassizismus. Er malte elegante höfische Porträts sowie große historische und mythologische Szenen, die er mit viel Liebe zum Detail, leuchtenden Farben, dynamischen Bewegungen und einer Idealisierung der menschlichen Anatomie ausführte. Während seines Studiums an der Villa Medici hatte er sich mit Jean Auguste Dominique Ingres angefreundet. 1824 wurden beide Maler durch König Karl X. in die Legion d'Honneur aufgenommen. In jenem Jahr begann Blondel an der École des Beaux-Arts zu unterrichten. Beinahe 30 Jahre hatte er diesen Lehrauftrag inne, bis zu seinem Tod im Jahr 1853.
Lesen Sie auch: Dominique Ingres und die Kraft der Kontur
Was derweil mit La Circassienne au Bain geschah ist nicht überliefert. Rund 100 Jahre nachdem das Gemälde im Pariser Salon ausgestellt worden war, befand es sich jedenfalls im Besitz von Mauritz Håkan Björnström-Steffansson, der mit der Titanic in die Vereinigten Staaten reisen wollte, um in Washington, D.C., sein Studium der Chemieingenieurwissenschaften fortzusetzen. Das Gemälde nahm er mit.

An Bord der Titanic freundete sich Björnström-Steffansson mit dem englischen Börsenmakler Hugh Woolner an. Als das Schiff auf den schicksalhaften Eisberg traf, saßen die beiden im Rauchsalon. In den wenigen Stunden bis zum Untergang halfen sie anderen Passagieren in die Rettungsboote, bevor sie ganz zum Schluss selbst in eines der letzten Boote sprangen. In diesem wurden sie von der RMS Carpathia aufgelesen, die die Überlebenden nach New York brachte.
Lesen Sie auch: Ist der Hope-Diamant wirklich verflucht?
Die Überlebenden begannen schon bald, die White Star Line für den Verlust von Angehörigen und Besitztümern zu verklagen. Björnström-Steffansson verlangte für sein verlorenes Gemälde 100.000 US-Dollar (heute mehr als 2,5 Millionen USD), die größte Einzelsumme aus der insgesamt eingeforderten Summe von 6 Millionen US-Dollar (heute rund 150 Millionen US-Dollar). Die White Star Line konnte die Forderungen schließlich auf 664.000 US-Dollar (heute rund 17 Millionen US-Dollar) herunterhandeln, weshalb es unwahrscheinlich ist, dass Björnström-Steffansson tatsächlich die volle von ihm geforderte Summe erhielt.

Aufgrund seines hohen Wertes und den Umständen seines Verschwindens hat das Interesse an dem Gemälde die letzten 100 Jahre überdauert. 2013 versuchte sich ein britischer Künstler mit dem Pseudonym John Parker in einer Reproduktion von La Circassienne au Bain. Das Ergebnis wurde 2016 im englischen Auktionshaus Plymouth Auction Rooms für rund 2.700 GBP versteigert.
Lesen Sie auch: Barnebys' Top 10 der wiederentdeckten Meisterwerke
Auch wenn das Blondel-Gemälde als das teuerste Kunstwerk an Bord der Titanic gilt, war es aber nicht das einzige erwähnenswerte, das Opfer des Untergangs wurde. Ebenfalls verloren gingen ein Porträt des italienischen Freiheitskämpfers Giuseppe Garibaldi sowie eine mit Edelsteinen besetzte Ausgabe des Rubaiyat, einer persischen Gedichtsammlung aus dem 11. Jahrhundert.




