Wenn Jane Austen in ihrem 1796 begonnenen und 1813 veröffentlichten Roman Stolz und Vorurteil erwähnt, dass gleich zwei der darin agierenden Männer einen blauen Frack tragen, so wusste die damalige Leserschaft sofort, dass es sich dabei um zwei sehr modebewusste Männer handeln musste. Das modische Blau war jedoch nicht etwa auf die Uniformen der Offiziere der hochgeschätzten Royal Navy zurückzuführen – Jane Austen selbst hatte zwei Brüder, die jeweils bis zum Admiral aufsteigen sollten – sondern auf den Romanhelden eines deutschen Schriftstellers namens Johann Wolfgang Goethe.

Die Rede ist hier natürlich vom Werther, dessen in Form eines Briefromans wiedergegebene Leiden im September 1774 auf der Leipziger Buchmesse erstmals veröffentlicht wurden. Praktisch über Nacht wurde das Buch berühmt und entwickelte sich zu einem Bestseller, und das nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern in ganz Europa und sogar darüber hinaus: Bereits Anfang 1775 erschien der Roman auf Französisch, 1779 auf Englisch (1784 gab es die erste amerikanische Ausgabe), 1781 auf Italienisch und 1783 auf Schwedisch. Es folgten viele weitere Sprachen, darunter Spanisch im Jahr 1835.
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Das Erscheinen eines neuen Romans war auch im späten 18. Jahrhundert nichts Außergewöhnliches und die Form des Briefromans im Jahr 1774 ein bereits erprobte Darbietungsform. Doch Die Leiden des jungen Werthers war anders als alles bisher Dagewesene und drohte die gewohnte Ordnung zu erschüttern.

Der Roman schildert die Erlebnisse eines jungen Mannes namens Werther, der sich in dem fiktiven Städtchen Wahlheim in Lotte verliebt, die jedoch bereits einem anderen Mann, Albert, versprochen ist. Als ihn seine Gefühle zu übermannen drohen, flüchtet Werther aus Wahlheim, um bei einem Gesandten am Fürstenhof zu arbeiten. Doch dort wird er, der Bürgerliche, aus den aristokratischen Kreisen ausgeschlossen und so auf seinen Platz in der Gesellschaft verwiesen. Werther kehrt nach Wahlheim zurück, wo Lotte und Albert mittlerweile verheiratet sind. Als schließlich droht, dass er Lottes Ehre beschmutzt, sieht Werther keine Hoffnung mehr und nimmt sich das Leben.
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Das war natürlich Stoff, der die Gemüter der Epoche des Sturm und Drang und der Empfindsamkeit mindestens bewegte. Es kam zum sogenannten „Wertherfieber“. Eine harmlose Folge war, dass sich junge Männer wie der unglückselige Romanheld kleideten: blauer Frack mit gelber Weste und gelben Hosen. Doch kam es im Laufe der Zeit immer wieder zu Verboten durch die Obrigkeiten verschiedener Städte, diese „Werthertracht“ zu tragen. Denn der Roman war nicht nur emotional, sondern auch radikal.

Zum einen wurde Werther von konservativen und moralisierenden Kreisen als Störer des Ehefriedens wahrgenommen. Doch war es vor allem sein Ende, das für Empörung sorgte, galt Selbstmord doch als große Sünde, die eine christliche Bestattung auf einem Friedhof verbot (wie im Roman beschrieben, geschah selbiges mit Werther). Tatsächlich kam es unter den jugendlichen Lesern in den Folgejahren zu einigen Fällen von Selbstmord. Welches Ausmaß diese tragischen Vorkommnisse wirklich hatten, war schon damals und ist bis heute umstritten. Die Bezeichnung „Werther-Effekt“ für einen Anstieg der Selbstmordrate nach einer ausführlichen Berichterstattung über Fälle von Suizid hat allerdings Eingang in die Medien- und Sozialforschung gefunden.
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Die unmittelbare Wirkung, die der Roman auf seine Leserschaft hatte, resultierte nicht nur auf seinem Inhalt, sondern auch auf seinem Aufbau. Zunächst einmal hatte Goethe darin eigene Erfahrungen verarbeitet (seine Begegnung mit der ebenfalls bereits verlobten Charlotte Buff in Wetzlar). Die größte Inspiration war jedoch das Schicksal seines Freundes Karl Wilhelm Jerusalem, der sich aufgrund seiner hoffnungslosen Liebe zu einer verheirateten Frau tatsächlich das Leben genommen hatte.

Dies alles wird im Roman natürlich nicht erwähnt, doch baute Goethe ihn so auf, dass der Leser glaubte, es mit echten Geschehnissen zu tun zu haben. Auf diesen Effekt zielen die Kommentare eines fiktiven Herausgebers ab, die die zwischen dem 4. Mai 1771 und 24. Dezember 1772 datierten Briefe Werthers begleiten. Anders als bei früheren Briefromanen war jedoch, dass man es hierbei nicht mit einer oder mehreren Korrespondenzen zu tun hatte. Ausschließlich Werthers Briefe, die er an einen Freund namens Wilhelm schrieb, sind "enthalten". So erlebt der Leser also alles nur aus Werthers Blickwinkel und fühlt sich dadurch mit ihm stark verbunden. Es kommt zu keinem moralisch-edlen Ende, bei dem sich der aus der Bahn geworfene Held wieder in die Gesellschaft einfügt, sondern zu einem radikalen In-die-Hand-nehmen des eigenen Schicksals, das die damalige in Stände eingeteilte Gesellschaftsordnung untergrub.
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Trotz der vielen Verbote war das „Wertherfieber“ nicht mehr einzudämmen und Motive aus dem Roman zierten schon bald dekorative Objekte wie Schalen, Tassen, Dosen oder sogar Knöpfe. Als Vorlage dienten Stiche und andere Kunstwerke verschiedener Künstler (auch englische), die immer wieder aufgegriffen wurden. Ebenso regte der Roman zu weiteren schriftstellerischen Ergüssen (die sogenannten „Wertheriaden“) an, die seine Handlung, mal positiv, mal negativ, aufgriffen und weitersponnen. So entstanden bereits 1775 etwa die Parodie Die Freuden des jungen Werthers von Christoph Friedrich Nicolai und das Gedicht Lotte bei Werthers Grabe von Carl Ernst von Reitzenstein. In England erschien mit The Letters of Charlotte eines unbekannten Autors 1786 eine der ersten Wertheriaden in englischer Sprache. Ja, auch Napoleon, der ein großer Werther-Fan war und sein Exemplar sogar 1798 während des Ägyptenfeldzugs mit sich führte, steuerte eine Wertheriade in Form eines Monologs bei.
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Goethe selbst wurde der „Hype“ um seinen Erfolgsroman jedoch schon bald lästig. Ähnlich wie Romy Schneider ihr „Sissi-Image“ loswerden wollte, hasste Goethe es in späteren Jahren, immer wieder auf seinen Werther, den er 1787 überarbeitete, wobei das „s“ am Ende von „Werthers“ wegfiel, angesprochen oder sogar reduziert zu werden. Als Napoleon und der mittlerweile zu Johann Wolfgang von Goethe aufgestiegene Dichter sich 1808 trafen, bezeichnete Goethe, der Napoleon bewunderte, dies später als einen Höhepunkt seines Lebens. Doch dass sich ein Großteil des Gesprächs um den Werther drehte, hat ihn vielleicht nicht ganz so sehr erfreut.



![Gazette du Bon Ton. Art, modes & frivolités (Croquis de modes) [herausgegeben von Lucien Vogel]. Paris, Emile Lévy, November 1912-Juni 1914, Januar-Juni 1920. 23 Ausgaben in 4 Bänden. Foto © Sotheby's](https://images.prismic.io/barnebys/0e86ef30-d7d1-47aa-8b87-16c6f2e484f5_GazetteTitel.png?auto=compress,format)
