Gustave Le Gray (1820-1884), der vor allem für seinen Beitrag zur Fotografie bekannt ist, war auch Schöpfer einiger weniger Gemälde von sehr hoher Qualität. Diesen Herbst wird ein bislang unbekanntes Porträt, das Le Gray von seiner Frau Palmira anfertigte, bei Marc Labarbe in Toulouse versteigert.
Erfahren Sie mehr über den genialen Erfinder Gustave Le Gray, der sich einst in die schönen Augen jener Frau verliebte, die „Madame GL“ werden sollte!

Gustave Le Gray wurde 1820 in Villiers-le-Bel bei Paris geboren. Sein Talent und seine Kreativität zogen ihn früh in die Hauptstadt, wo er sich in Malerei und Fotografie ausbilden ließ.
Doch schon bald verließ er die französische Metropole zugunsten Roms, wo er seine zukünftige Ehefrau traf: die schöne Römerin Palmira Madeleine Gertrude Leonardi (*1823; Todesdatum unbekannt, wohl zwischen 1865 und 1882), die er im Mai 1844 heiratete. Sechs Kinder entsprangen der Verbindung, von denen jedoch vier vorzeitig starben.
Lesen Sie auch: 5 Skulpturen in Italien, die man gesehen haben muss

Dazu Sylvie Aubenas, Kunsthistorikerin und Autorin des Katalogs zur Auktion: „Für den visionären Fotografen, der er werden wird, sind diese Jahre wiederkehrender und heftiger Trauer trotz allem seine stärksten, in denen er seine schillerndsten Erfolge erlebt und unter der Pracht und Opulenz des Zweiten Kaiserreichs zum Liebling der Gelehrten, der Reichen und Mächtigen wurde“. Neben seiner erfindungsreichen Arbeit auf dem Gebiet der Fotografie war Le Gray auch als Maler tätig. Im Pariser Salon von 1853 stellte er ein auf Leinwand ausgeführtes Ölgemälde aus, das unter dem eindrucksvollen Titel Portrait de Madame GL seine Frau Palmira darstellte.
Im Bereich der Fotografie war Gustave Le Gray eine Schlüsselfigur und Vater verschiedener Innovationen. 1848 erfand er das Negativverfahren auf Wachspapier, 1850 das nasse Kollodiumglasnegativ und 1851 das trocken gewachste Papiernegativ. Alle Erfindungen haben die Geschichte der Fotografie revolutioniert. 1851 gründete Jean-Baptiste Gustave Le Gray gemeinsam mit anderen die Heliographische Gesellschaft, die später in Société française de photographie umbenannt wurde. Er erhielt zudem den Auftrag, eine „fotografische Zählung“ nationaler Denkmäler durchzuführen, die „Missions Héliographiques“. Während dieser Zeit fotografierte Le Gray routinemäßig die öffentlichen Auftritte der Mächtigen. Seine Aufnahmen von Napoleon III. gelten als ein hervorragendes Beispiel für die Verbreitung des Bildes eine modernen Souveräns. Gustave Le Grey wurde daraufhin offizieller Fotograf der kaiserlichen Familie.
Lesen Sie auch: Julia Margaret Cameron: Die visionäre Viktorianerin
Das 1853 zwar ausgestellte, aber anschließend unveröffentlicht gebliebene Porträt seiner Frau Palmira zeugt von Le Grays unbestreitbarem Talent als Maler. Wie in seinen Fotografien vermochte Le Gray auch hier, unterschwellige Emotionen Ausdruck zu verleihen. Das Gemälde wurde innerhalb der – teilweise angeheirateten – Familie weitervererbt und befand sich zuletzt im Besitz der Nachfahren von Armand Fallières, der von 1906 bis 1913 Staatspräsident der Dritten Französischen Republik war.

Insgesamt ist über das gemalte Werk Gustave Le Grays heute relativ wenig bekannt und nur wenige Beispiele sind an die Öffentlichkeit oder gar auf den Kunstmarkt gelangt. Noch 2002 wies Sylvie Aubenas in ihrer Funktion als Chefkuratorin der Abteilung für Drucke und Fotografie der französischen Nationalbibliothek anlässlich einer Einzelausstellung zum Werk des Künstlers darauf hin, dass noch keines seiner Gemälde identifiziert wurde. Vier Jahre später kam dann ein Porträt der Kaiserin Eugénie zur Auktion, das Le Gray 1869 nach einer von ihm selbst dreizehn Jahre zuvor gemachten Fotografie ausgeführt hatte. Auftraggeber war der Pascha von Ägypten, der es wiederum der französischen Kaiserin schenkte, als diese der Eröffnung des Suezkanals beiwohnte. Gustave Le Gray hatte wegen finanzieller Schwierigkeiten Frankreich, und damit auch seiner Frau und seinen Kindern, 1860 den Rücken gekehrt und sich schließlich in Kairo niedergelassen. Kein schönes Ende jener Liebesgeschichte, die in Rom begonnen und das großartige Porträt de Madame GL hervorgebracht hatte.
Lesen Sie auch: Auf und neben der Leinwand: Künstler-Modelle und wie sie wirklich aussahen
Das Bildnis, das Le Gray von seiner Frau 1853 malte, ist ein typisches Porträt aus der Zeit des Zweiten Kaiserreichs. Wie präzise er den Ausdruck Palmiras einzufangen vermochte, wird durch eine Porträtfotografie, die er um 1858 machte, bestätigt. Vom ersten Moment an nimmt Palmiras sanfter, aber durchdringender Blick den Betrachter gefangen. Das Gesicht befindet sich genau in der Mitte der oberen Gemäldehälfte.

Die junge Frau trägt ein der damaligen Mode entsprechendes schwarzes Kleid mit ausladendem Rock und eng anliegendem Oberteil. Die Farbe Schwarz, die im 19. Jahrhundert dank der Erfindung synthetischer Farbstoffe leichter herzustellen war, zeugt von Anstand und Trauer und stellt hier einen effektvollen Kontrast zu den Farben des Dekors dar.
Lesen Sie auch: Lady in Black: 5 gemalte Damen in Schwarz
Das Blumenmuster und die Rot- und Rosatöne von Palmiras Fransenschal, der über die Sitzfläche und die Rückenlehne ihres Stuhl drapiert ist, entspricht dem damals aufkommenden Geschmack für den Orient wider. Insgesamt zeigen das Kleid, die Accessoires und die Frisur Palmira als eine Frau mit Sinn für Mode.
Insgesamt widerspiegelt das opulente Interieur, in dem sich Palmira befindet, die Opulenz des Zweiten Kaiserreichs, das 1852 seinen Anfang nahm, als Napoleon III. zum Kaiser ausgerufen wurde, nachdem er vier Jahre lang Staatspräsident gewesen war. Stühle, wie der mit Samt bezogene und mit Fransen dekorierte Polsterstuhl, auf dem Palmira posiert, waren damals hoch in Mode, als Teil eines ausschweifenden Dekorationsstils, der nach seiner Epoche „Napoléon III“ genannt wird.

Beenden wir diesen Bericht mit den Worten von Sylvie Aubenas: „Die Entdeckung dieses Gemäldes durch Me Marc Labarbe, das von den Nachkommen aufbewahrt wurde und heute der Öffentlichkeit präsentiert wird, enthüllt auf eindrucksvolle Weise einen intimen Teil des Lebens des Künstlers, die ersten Bindungen eines jungen Mannes, sowohl zur Malerei als auch zu seiner ersten Liebe.“
Weitere Neuigkeiten vom Auktionsmarkt finden Sie im Barnebys Magazin!




