In wenigen Wochen ist es wieder soweit und die beliebte weihnachtliche Tradition der zum Naschen einladenden Lebkuchenhäuser hat wieder Saison. Doch sind Lebkuchenhäuser nicht nur ein dekoratives Weihnachtsgebäck – sie existieren auch im realen Leben als das Ergebnis einer besonders ornamentalen Periode der amerikanischen Architekturgeschichte.

Der Ursprung des Lebkuchenhauses (engl. "gingerbread house") ist im berühmten Märchen Hänsel und Gretel der Brüder Grimm zu finden, das 1812 veröffentlicht wurde. Darin entdeckt das im Wald ausgesetzte Geschwisterpaar ein köstlich aussehendes Lebkuchenhaus, von dem es beschließt zu essen, um dann von der Hausbesitzerin überrascht zu werden, die die Kinder hinein lockt. Hänsel wird eingesperrt, doch Gretel befreit ihren Bruder und gemeinsam können sie fliehen. Da mit Zuckerwerk dekorierte Hütten in Lebensgröße wohl nur im Märchen existieren, begann man im Viktorianischen Zeitalter Häuser zu entwerfen, die die Bilderbuchhäuser mit kunstvollem Gitterwerk, handgeschnitzten Details, steilen Dächern und eleganten Türmchen nachzuahmen.
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Zu Beginn des Viktorianischen Zeitalters, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gab es ein Revival der gotischen Architektur, dessen Ursprung auf das in jenem Stil errichtete Landhaus Strawberry Hill von Horace Walpole in England zurückzuführen war. In Amerika ließen sich Architekten ab den 1830er Jahren von diesem europäischen Trend inspirieren, der zu einer Bewegung uminterpretiert wurde, der Carpenter Gothic ("Zimmermannsgotik") genannt wird. Aufgrund der großen Menge an Holz, das in Amerika zur Verfügung stand, wurden diese Häuser daraus statt aus dem in Europa üblichen Stein errichtet. Die amerikanischen Architekten befolgten nicht jedes Gebot der neogotischen Architektur, sondern übernahmen vielmehr deren eklektische Elemente, um einen eigenen Stil zu erschaffen. Derartige Häuser sind überall in Amerika zu finden, von der Ostküste über den Mittleren Westen bis hin zu San Francisco in Kalifornien.
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Der Ideengeber dieser amerikanischen Adaption der Neogotik als Carpenter Gothic war Andrew Jackson Downing (1815-1852). Sein Buch Cottage Residences von 1842, das er gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Alexander Jackson Davis (1803-1892) verfasst hatte, trug dazu bei, das Konzept der Carpenter Gothic und des neogotischen Designs in Amerika zu verbreiten.

In dem berühmten Gemälde American Gothic von Grant Wood aus dem Jahr 1930 sind ein Mann und eine Frau vor einem Carpenter Gothic-Haus zu sehen, das tatsächlich in Eldon, Iowa, existiert. Von seinem Besitzer 1881/82 erbaut, gilt das Haus als eines der besten Beispiele für die Carpenter Gothic in Amerika. Einige Elemente des Hauses hatte Wood in seinem Gemälde jedoch etwas übertrieben.
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Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die zunächst einfachere Carpenter Gothic zu aufwändigeren Designs, die durch sogenannte „Gingerbread“-Verzierungen gekennzeichnet waren. Mit der Dekupiersäge, einer dampfbetriebenen Maschine, konnten Bauarbeiter schnell kunstvolle Muster in Holz schneiden und detaillierte Verzierungen an Veranden oder Fenstern anbringen, die den Häusern sowohl Charme als auch Einzigartigkeit verleihen sollten. Zu den weiteren charakteristischen Formen der Gingerbread-Architektur gehörten Satteldächer, Spitzbogenfenster, umlaufende Veranden, breite Mittelgiebel und farbenfrohe Fassaden.

Auch die Innenausstattung war von dieser neuen Designbewegung betroffen, indem man auf neogotische Möbel und ornamentalere Dekorationselemente setzte, darunter Tapeten, Täfelungen und Kassettendecken. Viktorianische Elemente wie Möbel aus dunklem Mahagoni, gesteppte Sofas (bekannt als Chesterfields) und üppige Wandteppiche wurden ebenfalls in diese eklektische Mischung integriert, die den amerikanischen Viktorianismus charakterisierte.
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Auch heute noch gibt es in vielen amerikanischen Gemeinden Carpenter Gothic-Häuser, insbesondere solche mit Gingerbread-Verzierungen. Besonders berühmt sind Sommerferienorte wie Cape May, New Jersey und Martha's Vineyard, Massachusetts, wo Hunderte von Gingerbread Cottages gebaut wurden. Eines der berühmtesten Beispiele für den amerikanischen viktorianischen Stil sind die Painted Ladies in San Francisco, eine Reihe von sieben Stadthäusern, die zwischen 1892 und 1896 erbaut wurden und heute durch das National Register of Historic Places geschützt sind.
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Mit Beginn der Edwardianischen Ära, die 1901 begann, hatte sich England von der neugotischen Architektur zur neobarocken Architektur entwickelt, und Amerika erlebte eine Wiederbelebung der Beaux-Arts-Architektur, vor allem in Städten wie New York und Washington, D.C.
Die Carpenter Gothic-Bewegung und insbesondere der Bau von Gingerbread Cottages hatten europäische Eleganz mit amerikanischer Kuriosität verbunden und so das amerikanische Viktorianische Zeitalter geprägt. Diese Häuser stehen emblematisch für eine vergangene Zeit und verleihen ihren Gemeinden viel Charme, was sie zu beliebten Touristenattraktionen macht. Aufgrund ihrer historischen und künstlerischen Bedeutung können sie auf dem Markt Preise in Millionenhöhe erzielen.




