Neben Raffaels Sixtinischer Madonna, Giorgiones Schlummernder Venus und Canalettos berühmtem Blick auf Dresden ist Jean-Étienne Liotards Schokoladenmädchen das berühmteste Kunstwerke in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden. Der Schweizer Pastellmaler Liotard hielt sich im Entstehungsjahr des Bildes, 1744, auf Einladung Maria Theresias in Wien auf, wo er die Ehre hatte, die Kaiserin zu porträtieren. Im Jahr darauf zog es Liotard, der zuvor bereits bis Konstantinopel gereist war, wieder fort aus der Donaumetropole. Sein neues Ziel hieß Venedig, sein Schokoladenmädchen hatte er im Gepäck. In der Serenissima war man hingerissen von dem 82,5 x 52,5 cm messenden Werk und bezeichnete es als „das schönste Pastell, das man je gesehen hat“, wie Graf Algarotti, Kunstagent von Sachsens Kurfürst August III., zu berichten wusste. Er erwarb das Schokoladenmädchen für seinen Auftraggeber. Seitdem ist es an der Elbe zu Hause.
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Liotards äußerst realistisch wirkendes Pastell verdient nicht nur wegen seiner hohen Qualität Beachtung. Auch kulturhistorisch ist es interessant, greift es doch einen Trend auf, der im 18. Jahrhundert im eigentlichen wie auch im übertragenden Sinne in aller Munde war – zumindest bei denen, die sich diesen Trend leisten konnten: der Genuss von Schokolade.
Bis zur Erfindung weiterer Verarbeitungsverfahren der Kakaobohne im 19. Jahrhundert wurde die Schokolade ausschließlich in flüssiger Form genossen. In Europa geschah das Mitte des 16. Jahrhunderts zunächst am spanischen Königshof, wo die aus Amerika heimgekehrten Konquistadoren das von den Azteken, Maya und Inka bekannte Genussmittel eingeführt hatten. Ein Jahrhundert später entstanden die ersten Schokoladencafés in Europa und bald darauf war die flüssige Schokolade ein beliebtes Heißgetränk, das man vor allem zum Frühstück genoss. Das galt natürlich nur für jene wenigen Menschen, die sich den importierten Kakao leisten konnten. Und auch die Tatsache, dass selbiger nur durch das Hinzufügen durch den ebenfalls teueren Zucker genießbar war, trug zur Exklusivität bei.
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Ein so kostbares Elixir musste natürlich mit Vorsicht behandelt werden. Schaut man sich Das Schokoladenmädchen genauer an, sticht einem gewiss die Porzellantasse mit der Schokolade ins Auge, die sich neben einem Glas Wasser auf dem Tablett befindet, welches das Mädchen in Händen hält. Diese Tasse ist nicht einfach nur eine gewöhnliche Tasse, die lose auf ihrer Untertasse steht. Vielmehr befindet sich die Tasse in einer silbernen Konstruktion, die mit der ebenfalls silbernen Untertasse verbunden ist. Ja, Sie ahnen es sicherlich bereits: wir haben es hier mit einer Trembleuse zu tun.

Der Begriff Trembleuse („die Zitternde“) beschreibt in erster Linie diese spezielle Untertasse, die mittig über eine Halterung – Galerie genannt – verfügt, in die die Tasse zum sicheren Transport oder zur sicheren Ablage hineingestellt werden kann. Die Tasse kann keinen, einen oder auch zwei Henkel haben und mit einem Deckel ausgestattet sein. Das Vorbild für diese Trembleuse war die Mancerina, die Mitte des 17. Jahrhunderts am Hof des spanischen Vizekönigs von Peru in Mode gekommen war. Dort hatte man die Sitte der Einheimischen, Schokolade aus einem henkellosen Becher zu trinken, übernommen und kombinierte sie mit den meist muschelförmigen Untertassen aus Silber oder Keramik.
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Doch existierten auch andernorts ähnliche Konstruktionen, die im Zuge des weltweiten Handels nach Europa gelangten. Zum einen sind da Tassenhalter aus Keramik zu nennen, die in China seit der Song Dynastie bekannt sind. Zum anderen gab es bereits die türkischen Zarfs, die erfunden wurden, als im Osmanischen Reich ab dem 13. Jahrhundert der Genuss von Kaffee in Mode gekommen war. Um die Finger eines Kaffeetrinkenden vor der Hitze des Getränks zu schützen, wurden die henkellosen Tassen in metallene Halterungen gestellt. Auch der russische Teeglashalter, der Podstakannik, leitet sich davon ab.
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Wir möchten an dieser Stelle nicht unterschlagen, dass es noch andere Objekte gibt, die als Trembleuse bezeichnet werden. Zu finden sind diese im Bereich Schmuck. Dabei handelt es sich vor allem um Broschen, in der Regel Blumenbroschen (doch auch andere Formen wie Schmetterlinge und Libellen existieren), bei denen einzelne Elemente, allen voran die Blütenblätter, bei jeder Bewegung ihrer Trägerin erzittern.
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Frühe Exemplare dieser Broschen „à tremblant“ sollen bereits im 18. Jahrhundert existiert haben, doch so richtig in Mode kamen sie erst ein Jahrhundert später am Hof Napoleons III. Dessen Hofjuwelier Alexandre-Gabriel Lemonnier soll einen speziellen Federmechanismus erfunden haben, der entsprechende Broschen besonders effektvoll in Schwingung versetzte. Auch im 20. Jahrhundert widmeten sich einige namhafte Juweliere wie Cartier, Bulgari und Van Cleef & Arpels der Herstellung dieser bezaubernden Bouquets zum Anstecken.




