Als geistiger Sohn Gustav Klimt im Licht des Wiener Expressionismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts - dessen dunkle Seite er verkörperte - steht Schieles Werk heute dem Œuvre Jean-Michel Basquiats nahe, teilen beide Künstler doch dieselbe schmerzhafte, von existenzieller Unruhe genährte Kunsterfahrung. Wie Brooklyns "strahlendes Kind" war auch Egon Schiele ein leuchtender Komet, dessen Leben und Karriere viel zu schnell erlosch. Der Wiedererkennungswert seiner genialen Arbeiten zieht heute jedoch ein stetig wachsendes Publikum an.
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Auch wenn er zu Lebzeiten keinen wirklichen Erfolg gehabt hatte und er hin und wieder in einen Skandal verwickelt war, könnte man sagen, dass Egon Schiele dem romantischen und freudianischen Wien des frühen 20. Jahrhunderts einen Schritt voraus war.
Nur wenige Künstler haben wie er in so kurzer Zeit so viele Selbstporträts angefertigt, die Schiele zudem gerne mit einer Prise Selbstironie würzte, indem er sich blinzelnd - in Anspielung auf seinen Nachnamen - darstellte. Beinahe 100 Selbstporträts finden sich in Schieles insgesamt 300 Gemälde, mehr als 3000 Zeichnungen, rund 20 Stiche und Lithografien sowie zahlreiche Skulpturen umfassenden Œuvre.

Egon Schiele kam am 12. Juni 1890 als Sohn des Bahnhofsvorstehers Adolf Eugen Schiele in Tulln an der Donau zur Welt. Sein Vater starb als Egon 15 Jahre alt war und die Erziehung wurde vom Onkel Leopold Czihaczek übernommen, der als Inspektor und Ingenieure ebenfalls für die Eisenbahn tätig war.
Da auch Egons Großvater väterlicherseits in dieser Branche tätig gewesen war, schienen die Weichen für Egons weiteren Lebensweg bereits gestellt, seinem Onkel schwebte eine Ausbildung an der Polytechnischen Hochschule vor. Dank der Unterstützung seiner Mutter Marie, die aus einer böhmischen Handwerkerfamilie stammte, und seines Zeichenlehrers am Gymnasium in Klosterneuburg besuchte er stattdessen ab 1906 die Wiener Akademie der bildenden Künste, wo er seinem schon früh entwickelten Interesse für die Kunst nachgehen konnte.
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Der frühe Tod seines Vaters und seiner ältesten Schwester, die mit nur 10 Jahren verstorben war, hatten tiefgreifende Auswirkung auf den jungen Künstler, dessen Blick auf die Welt immer dunkler wurde und der eine zunehmende Abneigung gegen Autoritäten und Konservatismus entwickelte.
Egon Schiele verließ die Akademie bereits nach zwei Jahren und gründete gemeinsam mit Studienkollegen wie Anton Peschka, der später sein Schwager werden sollte, Anton Faistauer und Robin Christian Andersen die Neukunstgruppe, die von Anfang an vom Kunstkritiker und Schriftsteller Arthur Roessler unterstützt wurde.
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Den größten Einfluss auf Schieles zukünftiges Wirken dürfte jedoch 1907 die Begegnung mit Gustav Klimt gehabt haben. Der berühmte Maler und Leitstern der Wiener Secession war damals 45 Jahre als. Der 17-jährige Egon Schiele fand in ihm seinen Vater im Geiste. Fünf Jahre später würde er ihm gegenüber mit Der Kardinal und die Nonne symbolisch seine unerschütterliche Bewunderung offenlegen.
1909 stellte Egon Schiele seine Arbeiten in Klosterneuburg zum ersten Mal öffentlich aus, wobei sie bereits die Aufmerksamkeit der Kritiker erregten. Anschließend folgte die Teilnahme an der Internationalen Kunstausstellung in Wien, wo Schiele erste Kontakte zu Sammlern und Verlegern knüpfte. Bald darauf gehörte er zu den Künstlern der Wiener Werkstätte um Josef Hoffmann, was ihm eine Reihe von Aufträgen einbrachte, die er jedoch nicht alle erfüllte.
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1911 begann er nämlich, sich von den ihn umgebenen Strömungen, vor allem vom Jugendstil, mehr und mehr zu distanzieren und einen eigenen Stil zu entwickeln. Dieser war vor allem durch Porträts und Selbstportraits mit abgemagerten Gesichtern und Körpern geprägt, die auf brutale Weise seinen Hunger nach Leben und Schöpfung ausdrückten und zugleich sein existenzielles Unbehagen offenbarten. Oft waren sie reine Provokation, nicht selten grenzten sie an Pornografie.
Die Stimmung, die Schiele und seinen Werken bei Ausstellungen in Budapest, München und Köln entgegenschlug, war gemischt. Einige seiner Kritiker meinten in seinen Arbeiten Anzeichen einer psychischen Störung entdecken zu können.
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Mit Wally Neuzil, seiner Partnerin und bevorzugtem Modell, die zuvor vermutlich auch Gustav Klimts Modell gewesen war, siedelte er in den Geburtsort seiner Mutter, Krumau in Südböhmen, über, wo er in einem geeigneten Atelier an seinen großformatigen Bildern arbeiten konnte.
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In Krumau wurde Schiele jedoch mit der Feindseligkeit der Anwohner konfrontiert, die an seinen erotischen Arbeiten Anstoß nahmen. Es folgte die Rückkehr nach Wien. Doch auch hier sah sich Egon Schiele mit Anschuldigungen konfrontiert. In der Kritik standen seine gequält wirkenden Akte, zudem wurde ihm vorgeworfen, sich minderjährigen Modellen auf unangebrachte Weise genähert zu haben. Egon Schiele musste ins Gefängnis, wurde letztendlich jedoch von jeder Schuld freigesprochen. Einige seiner Werke wurden dennoch vom Gericht konfisziert.

Trotz aller Vorkommnisse ging Schieles Ruf als Künstler am Vorabend des Ersten Weltkriegs weit über die Grenzen der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie hinaus. In Deutschland, Brüssel, Paris und Rom wurden seine Arbeiten mit Begeisterung aufgenommen und gefeiert.
Am 17. Juni 1915 heiratete Egon Schiele Edith Harms, die eine Nachbarin seines Ateliers in Hietzing gewesen war. Schieles Werk war fortan von ruhigeren Tönen geprägt. Ab 1916 diente er zudem als Soldat, konnte in dieser Funktion jedoch weiterhin in Wien leben und arbeiten.
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Als sein geistiges Vorbild Gustav Klimt im Februar 1918 starb, malte Schiele ihn auf dessen Totenbett und führte dessen begonnene Organisation der 49. Secessions-Ausstellung fort, die nun zu einer posthumen Ehrung Klimts wurde.
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Egon Schiele starb am 31. Oktober desselben Jahres an der Spanischen Grippe, die drei Tage zuvor seiner Frau Edith das Leben gekostet hatte.

Egon Schiele hinterließ ein umfangreiches Œuvre mit Porträts und Selbstporträts, die seinen unnachahmlichen Zeichenstil von zeitloser Schärfe zur Geltung brachten. Obwohl sein eigentliches Talent in der Ausführung von gezeichneten Personendarstellungen lag, ist es ein Landschaftsbild, Häuser mit bunter Wäsche von 1914, das den aktuellen Verkaufsrekord für ein Werk Egon Schieles hält: 27,6 Millionen Euro.
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Aktualisierte Version eines Artikels vom 14. Dezember 2018










