Das New Yorker Museum of Modern Art existierte bereits seit 40 Jahren, bevor es sich dazu durchringen konnte, eine Ausstellung den Werken eines noch lebenden Künstler zu widmen. Am 8. Dezember 1969 war es dann soweit und The Graphic Constructions of Josef Albers wurde in der West 53rd Street in Manhattan eröffnet. In der Pressemitteilung wurde der geehrte Künstler, Josef Albers, als Professor, Dichter und Philosoph bezeichnet und die Bandbreite seiner Karriere zu veranschaulicht:
„Seine Arbeit umfasst Glasbilder aus der Bauhauszeit, Zeichnungen, Ölgemälde, Gouachen, Wandmalereien, Lithografien, Linolschnitte, Holzschnitte, Radierungen, Gravuren und Serigrafien. Seine Werke befinden sich in öffentlichen Sammlungen in mindestens einem Dutzend Länder und etwa der Hälfte davon in den Staaten dieses Landes, darunter etwa sechzig Werke in der Sammlung des Museum of Modern Art. Seine Werke befinden sich auch in Geschäftsgebäuden wie dem Corning Glass Building in New York.“
Josef Albers war zu jenem Zeitpunkt seit 30 Jahren amerikanischer Staatsbürger. Die Ausstellung im Museum of Modern Art sollte zu einem Meilenstein für ihn werden.

Josef Albers wurde 1888 im Ruhrgebiet, genauer gesagt in Bottrop, geboren. 88 Jahre später starb er in New Haven, Connecticut. Sein Leben war eine Reise zwischen Ländern und Epochen, kam er doch inmitten der wilhelminischen Ära im "Dreikaiserjahr" zur Welt, um diese, fünf Jahre bevor der Schauspieler Ronald Reagan als US-Präsident ins Weiße Haus einzog, wieder zu verlassen.
Josef Albers' Vater Lorenz war Malermeister. Von ihm lernte der zukünftige Künstler viel Praktisches, inklusive Klempnerei und Verkabelung. Statt jedoch zu verlangen, dass sein Sohn in seine Fußstapfen trat, ermunterte Lorenz Josef, eine Karriere als Künstler zu verfolgen. Trotz dieses Zuspruchs wurde Josef Albers jedoch zunächst Grundschullehrer, ab 1915, nachdem er sich an der Königlichen Kunstschule in Berlin dafür zertifiziert hatte, auch als Kunstlehrer. Auch im Privaten malte er, fertigte Linolschnitte und interessierte sich für Glasmalerei. Bereits 1918 erhielt er seinen ersten öffentlichen Auftrag: ein Buntglasfenster für eine Kirche in seiner Heimatstatt Bottrop, das heute leider nicht mehr existiert.

Nach weiteren Studien an der Kunstgewerbeschule in Essen und an der Akademie der Bildenden Künste in Berlin, schrieb sich Albers 1920 im Alter von 32 Jahren an einer neuen Schule ein, die im Jahr davor von Walter Gropius in Weimar eröffnet worden war: das Bauhaus, an dem Künstler wie Paul Klee und Wassily Kandinsky unterrichteten. Albers konzentrierte sich auf Glasmalerei, die er als Brücke zwischen Kunst und Architektur betrachtete. Es ist bezeichnend, dass sich seine frühe Arbeit mit Licht beschäftigte, das durch farbiges Glas strömt. Die Kraft der Farbe und die Energie, die durch das Nebeneinander von Farben erzeugt wird, sollten eine Konstante in seiner Arbeit bleiben und im Mittelpunkt seiner Lehre stehen.
Lesen Sie auch: 10 Dinge, die man über Wassily Kandinsky wissen sollte

1925 wurde Albers als erster Bauhaus-Student gebeten, sich der Fakultät anzuschließen. Im selben Jahr heiratete er eine Kommilitonin, Annelise Elsa Frieda Fleischmann, die später als Anni Albers bekannt wurde. Obwohl beide Künstler waren (Anni konzentrierte sich hauptsächlich auf Textilkunst), waren ihre einzige Zusammenarbeit ihre jährlichen Weihnachtskarten, die sie an Freunde verschickten. Ihre Ehe sollte mehr als ein halbes Jahrhundert dauern.
In den frühen 1930er Jahren wurde das Bauhaus von seinem dritten (und letzten) Direktor, Ludwig Mies van der Rohe, geleitet, aber die kurze Geschichte der Institution neigte bereits sich ihrem Ende zu. Die Macht der Nazis wuchs und das Bauhaus wurde als Brutstätte entarteter Kunst angesehen. Bereits 1933 schloss das Bauhaus seine Tore. Noch im selben Jahr gingen Josef und Anni Albers in die Vereinigten Staaten.
Lesen Sie auch: Ludwig Mies van der Rohe: Von der Tradition zur Moderne
Albers war ein wunderbarer Lehrer, aber eine unmögliche Person. Seine Kritik war so verheerend, dass ich niemals um sie gebeten hätte. Doch 21 Jahre später lerne ich immer noch das, was er mir beigebracht hat.
Seine Auswanderung wurde vom Architekten Philip Johnson unterstützt, der damals Kurator am New Yorker Museum of Modern Art war. Er half Albers, einen Job an einer anderen brandneuen Schule zu finden - dem Black Mountain College in Asheville, North Carolina, an dem er 16 Jahre lang unterrichten sollte.
„Unter Josef Albers war das Black Mountain College in den 1950er Jahren eine außergewöhnliche Hochburg der kreativen Entwicklung“, erklärt Loretta Howard von der Loretta Howard Gallery in Chelsea, New York, die sich auf amerikanische abstrakte Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg konzentriert. "Albers unterrichtete neben Willem de Kooning, Franz Kline und Robert Motherwell. Zu seinen Schülern gehörten Cy Twombly, Robert Rauschenberg und Kenneth Noland."

Über seinen Lehrer sagte Robert Rauschenberg einmal: "Albers war ein wunderbarer Lehrer, aber eine unmögliche Person. Seine Kritik war so verheerend, dass ich niemals um sie gebeten hätte. Doch 21 Jahre später lerne ich immer noch das, was er mir beigebracht hat."
Nach dem Black Mountain Collage leitete Albers die Abteilung für Kunst in Yale, wo er eine weitere Generation bedeutender Künstler beeinflusste, bevor er 1958 im Alter von 70 Jahren in den Ruhestand ging. „Eine seiner Aufgaben bestand darin, Studenten mit einer Kamera loszuschicken und nach Mustern in der Natur zu suchen ", berichtet Howard. „Diese Übung wurde berühmt für ihren Einfluss auf die Fotografie in der Kunst. Es sind jedoch seine Vorlesungen zur Farbtheorie, die das wichtigste Erbe seiner Lehre sind.“
Albers bekannteste akademische Arbeit ist sein Buch Interaction of Color (Yale University Press, 1963). Es wurde in mehrere Sprachen übersetzt und ist für jeden ernsthaften Kunststudenten oder jeden, der die Bedeutung der Farbe verstehen möchte, eine wichtige Lektüre. Das Buch beginnt mit der Erklärung, wie der Name einer Farbe für verschiedene Menschen eine Vielzahl verschiedener Dinge bedeutet: „Selbst wenn eine bestimmte Farbe angegeben wird, die alle Hörer unzählige Male gesehen haben - wie das Rot der Coca-Cola-Zeichen, das überall im ganzen Land das gleiche Rot ist - wird jeder immer unterschiedliche Rottöne im Sinn haben.“
Lesen Sie auch: Wenn Farben für Furore sorgen

Die sich verändernde Natur der Farbe wurde von Josef Albers in seinen berühmtesten Kunstwerken untersucht - der Homage to the Square-Serie, die viele hundert Gemälde und Drucke umfasst. Ab 1950 arbeitete er 25 Jahre lang daran. Gewöhnlich bestehen diese Arbeiten jeweils aus drei Quadraten von abnehmender Größe, die Albers' Lehre über Farbe veranschaulichen. Durch das Nebeneinanderstellen bzw. Voreinanderstellen verschiedener Quadrate von unterschiedlicher Farbe wird der Betrachter aufgefordert, die Energie und das Zusammenspiel zwischen ihnen zu erspüren. Gemäß den Worten des Guggenheim Museums sind sie „entwaffnend einfach“.
Über Hommage to the Square: Apparition (Öl auf Masonite, 1959) schreibt das Guggenheim: „Die Serie zeichnet sich durch die uneingeschränkte Einhaltung einer Bildformel aus: des Quadrats. Die von Albers erzeugten optischen Effekte - schimmernde Farbkontraste und die Illusion von zurückweichenden und vorrückenden Ebenen - sollen das Auge nicht täuschen, sondern die visuellen Empfangsfähigkeiten des Betrachters herausfordern.“
Wenn ein 1 Million Dollar-Gemälde ein Schnäppchen ist.
Albers' eigene Erklärung für die Arbeiten war einfacher: „Allein das Zusammenfügen der Farben ist aufregend [...]. Die Art und Weise, wie sich Grün beispielsweise Blau unterwirft oder umgekehrt. Was mich interessiert, ist die Art und Weise, wie sie zusammenkommen, interagieren und ihr Baby, die Farbe, die ihr gemeinsames Produkt ist, zur Welt bringen.“
Lesen Sie auch: Franz Marc: Die schöpferische Kraft
Die kompositorische Ähnlichkeit der Werke soll das Bewusstsein für die Kraft der Farbe schärfen. „Sie haben alle unterschiedliche Paletten und daher sozusagen unterschiedliche Klimazonen“, schrieb Albers 1965. „Die Wahl der verwendeten Farben sowie deren Reihenfolge zielt auf eine Interaktion ab - gegenseitige Beeinflussung und Veränderung vor und zurück. So ändern sich Charakter und Gefühl von Gemälde zu Gemälde ohne zusätzliche „Handschrift“ oder sogenannte Textur. Obwohl die zugrunde liegende symmetrische und quasi-konzentrische Reihenfolge der Quadrate in allen Gemälden gleich bleibt - in Proportionen und Platzierung -, gruppieren und trennen sich dieselben Quadrate auf viele verschiedene Arten.“

Albers schuf die Bilder, indem er die Leinwand (oder häufiger eine Masonitplatte) auf eine horizontale Fläche legte und mit einem Spachtel eine glatte Farbschicht direkt aus der Tube auftrug. Weder mischte er die Farbe noch benutzte er ein Klebeband, um einen saubereren, geraden Rand eines jeden Quadrats zu gewährleisten.
2007 veröffentlichte Bloomberg einen Artikel über Josef Albers mit der Überschrift Wenn ein 1 Million Dollar-Gemälde ein Schnäppchen ist. Die Fragestellung dahinter lautete: "Die Preise für Werke von Josef Albers sind im Aufschwung, aber werden sie das bleiben?" Die Indikationen sind gut. Zu den bemerkenswerten Auktionsergebnissen zählen 1,5 Million USD im Jahr 2007 für Hommage to the Square: Joy (1964) und 1,22 Millionen USD im Jahr 2015 für Study for Hommage to the Square, R-III E.B (1970).
Möchten Sie Artikel wie diesen direkt in Ihrem Posteingang entdecken? Dann melden Sie sich noch heute für unseren kostenlosen Newsletter an!
Während viele von Josef Albers Meisterwerke in Privatsammlungen oder in führenden Museen aufbewahrt werden, gibt es einige Werke des Künstlers, die kostenlos genossen werden können. Albers war ein großer Befürworter der Kunst im Öffentlichen Raum. Ein bemerkenswertes Beispiel war ein vertrauter Anblick für Pendler, die zwischen dem New Yorker Grand Central Terminal und 200 Park Avenue (ursprünglich das PanAm Building, heute das MetLife Building) vorbeifuhren. Das Wandbild mit dem Titel Manhattan wurde von der New York Times beschrieben als "Hunderte von ineinandergreifenden Tafeln - schwarz, weiß und Coca-Cola-rot - ein Wandbild, in dem Geometrie und akribische Präzision auf modernistische Lebendigkeit treffen." Auch im westfälischen Münster darf man sich über eine frei zugängliche Arbeit von Josef Albers freuen: Strukturale Konstellation – Zwei Supraporten von 1972, das an einer Außenwand des LWL Museums für Kunst und Geschichte angebracht ist.

Doch zurück nach und zu Manhattan. Das damalige PanAm Building war von Walter Gropius, den Albers aus seiner Zeit am Bauhaus kannte und der 1937 ebenfalls in die USA ausgewandert war, mutgestaltet worden. Gropius vermittelte Albers den Auftrag zu dem Wandbild, das im Jahr 2000 jedoch entfernt und anschließend vernichtet worden war, als man feststellte, dass es Asbest enthielt. 2019 wurde schließlich eine Nachbildung angefertigt. Nicholas Fox Weber, Geschäftsführer der Josef and Anni Albers Foundation, sagte gegenüber der New York Times: „Das war Kunst für ihn: etwas, das Einfluss nimmt und den Menschen, die zu ihren Zügen eilen oder zu Beginn ihres Arbeitstags aus dem Bahnhof rennen, vielleicht ein wenig Freude bereiten könnte.“
Josef Albers Vermächtnis ist zweifach: Er hinterließ nicht nur ein Œuvre an Kunstwerken, sondern auch eine Reihe von Ideen. Betrachten wir seine Werke, zeigt er uns durch sie neue Sichtweisen.
"Kunst ist kein Objekt", sagte Josef Albers einmal, "Kunst ist eine Erfahrung."
Text: Stephen Whitlock








