Juan Gris kam 1887 als José Victoriano Carmelo Carlos González-Pérez und als zweitjüngster von vierzehn Geschwistern in Madrid zur Welt. Nach einem Studium zum Industriedesigner an der Escuela de Artes y Manufacturas wurde er Schüler in der Werkstatt des akademischen Malers José Moreno Carbonero. 1906 zog er Paris, wo er sich im Bateau-Lavoir auf dem Montmartre häuslich niederließ. Dort verkehrte er mit Pablo Picasso, Georges Braque, Fernand Léger, Henri Matisse und Amedeo Modigliani. Paris wurde damals von der avantgardistischen Kunst der Fauves in Atem gehalten, mit deren Stil Gris jedoch nicht viel anfangen konnte. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Illustrator für verschiedene Magazine, darunter The Butter Plate, Charivari und Le cri de Paris.
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1907 hatte die Cézanne-Retrospektive im Grand Palais große Auswirkungen auf viele Künstler, die sie besuchten. Noch im selben Jahr malte Braque Le Grand Nu und Picasso Les Demoiselles d'Avignon. Dies war die Geburtsstunde des Kubismus. Gris wurde vor allem von Cézannes voluminösen Ansatz und dem neuen Stil von Braque und Picasso beeinflusst. Seine Karriere als Maler begann jedoch erst 1910.
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Seine ersten Arbeiten, darunter Le Livre von 1911, zeigten eine klare Ästhetik und eine Palette verschwommener Töne. Die scharf konturierten Zeichnungen erinnerten an eine Ausbildung zum Industriedesigner. Bereits jetzt war zu erkennen, dass das Licht ein wesentliches Element seiner Kunst sein sollte. Ermutigt von seinen Freunden (und vielleicht mit einem gewissen Neid auf seinen Landsmann Picasso) malte Gris vor allem Stillleben, sowohl polychrome als auch monochrome. Es war das Erbe der klassischen Meister, deren Werke er im Louvre studiert hatte. Einige seiner Kompositionen aus dieser Zeit kommen der futuristischen Ästhetik nahe, darunter Nature morte avec des bouteilles et des couteaux von 1912.
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In jenem Jahr stellte Juan Gris sein Porträt von Pablo Picasso im Salon des Indépendants aus. Der Kunstkritiker Guillaume Apollinaire erkannte darin den Ausdruck eines "integralen Kubismus". Gris' Gemälde zeugten mit ihren Dekonstruktionen und simultanen Blickpunkten von großer Reife und der Fähigkeit zur Analyse. Sein individueller Stil zeichnete sich durch ein regelmäßiges Brechen der Formen aus, wobei er die geometrischen Formen auf ein diagonales Gerüst beschränkte – ein Vorgehen, das fast kristalline Strukturen entstehen ließ. Das Zusammenspiel von Form und Substanz, zwischen Rhythmus und Raum diente einer poetischen Vorstellungskraft, die die zukünftige surrealistische Bewegung bereits ankündigte. Mit den Worten des Kritikers Stéphane Mallarmé ging es darum, „nicht das Objekt zu malen, sondern den Effekt, den es erzeugt“.
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Die Arbeiten von Juan Gris stachen in den Salons, in denen sie gezeigt wurden, hervor. Schon bald stellte der junge Künstler sie auch in Galerien in weiteren französischen Städten und in Spanien aus. Da Spanien im Ersten Weltkrieg neutral war, wurden Gris und Picasso nicht zum Militärdienst eingezogen. Dennoch zog es sie in ländlichere Gegenden. Gris ging nach Collioure, einem Ort an der Mittelmeerküste nahe der Grenze zu Spanien, wo er Zeit im Atelier von Henri Matisse verbrachte. Seine "Fenster-Serie" scheint direkt von Meister Matisse inspiriert worden zu sein. Ende der 1910er Jahre war Gris auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens. Es entstanden Meisterwerke und seine Serie mit Pierrots und Harlekinen. In seinen Stillleben explodierten damals Pastellfarben in Kompositionen, die eine seltene ästhetische Leistung widerspiegelten.
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Nach 1918, als Picasso und andere sich bereits vom Kubismus zugunsten anderer Stile abgewandt hatten, praktizierte Gris ihn noch immer. Zudem entwarf er Bühnenbilder für Sergei Djagilews Ballets Russes, porträtierte die Tänzer in Monaco und kehrte schließlich nach Paris zurück. Seine Bilder öffneten sich einem poetischen Geist, der auch in den Werken Giorgio de Chiricos zu finden ist. Schließlich wurde Juan Gris seine Rolle als wahrer Meister des Kubismus doch anerkannt. 1923 widmete ihm die Galerie Simon eine große Ausstellung. Eine weitere fand noch im selben Jahr in der Galerie Flechtheim in Berlin statt. Ein Jahr später schlüpfte er noch in die Rolle des Lehrers, indem er über seine Kunsttheorien an der Sorbonne dozierte, bevor er 1927 im Alter von nur vierzig Jahren an Nierenversagen starb. Er hinterließ eine Frau und einen kleinen Sohn. Juan Gris' früher Tod ließ neben seiner Kunst die Frage übrig, was noch alles hätte sein können, wie sich seine Kunst wohl noch weiterentwickelt hätte.
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Die Anerkennung, die Juan Gris heute für seine Kunst gezollt wird, spiegelt sich auch in den Preisen wider, die seine Arbeiten auf dem Auktionsmarkt erzielen. Der bislang höchste Preis für eines seiner Werke wurde 2014 bei Christie's in London für Nature morte à la nappe à carreaux von 1915 gezahlt: rund 42 Millionen Euro. 2018 kamen mehrere seiner Meisterwerke bei der Versteigerung der Rockefeller-Sammlung in New York unter den Hammer, darunter La table de musicien von 1914, das für ca. 26 Millionen Euro einen neuen Besitzer fand. Wem das nötige Kleingeld fehlt, um sich einen echten Juan Gris in die eigenen vier Wände zu holen, der kann die Werke auch in zahlreichen Museen genießen, darunter die Tate Modern in London, das Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía in Madrid, das K20 am Grabbeplatz in Düsseldorf und das MoMA in New York.




