Eingeführt vom italienischen Schriftsteller Filippo Tommaso Marinetti zu Beginn des 20. Jahrhunderts, strebte die Futurismus-Bewegung nach der Befreiung von der Vergangenheit, um die dynamische Energie der Zukunft zu umarmen. Das Ziel war einfach: breche mit der Tradition und feiere die Moderne. Bis heute bleibt der Futurismus eine Zentrale Bewegung der Kunstgeschichte, die zahllose moderne Künstler inspiriert hat. Hier sind sechs Dinge, die man über den Futurismus wissen sollte.
1. Das Futuristische Manifest
Im Februar 1909 veröffentlichte Marinetti das zunächst in La Gazzetta dell'Emilia veröffentlichte und nun ins Französische übersetzte einflussreiche Futuristische Manifest in der Zeitung Le Figaro. Im dem Manifest sprach sich Marinetti für eine vehemente Zurückweisung von traditionellen Werten und Institutionen aus, um ein neues Italien zu formen. Für ihn bedeutete das die Förderung von Innovation und der modernen Welt und Technologie. Darüberhinaus proklamierte das Manifest die Vorteile von Geschwindigkeit, Gewalt und Technologie, während es die Nostalgie und die Romantik der vorangegangenen Generationen und ihrer Kunst zurückwies.
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Marinetti erklärte, dass das Ziel des Futurismus sei, "Italien von seinen unzähligen Museen zu befreien, die es wie zahllose Friedhöfe bedecken". Von der Vergangeneheit, schrieb er, "wollen [wir] kein Stück". Schon bald nach der Veröffentlichung schlossen sich die italienischen Maler Umberto Boccioni, Carlo Carrà, Giacomo Balla, Gino Severini und Luigi Russolo Marinetti an, die schnell zu Verfechtern der Bewegung wurden und ihre eigenen Manifeste über Kunst und Kultur publizierten.
Wir wollen kein Stück von ihr, der Vergangenheit.
2. Die futuristische Malerei
Die futuristischen Maler strebten danach, inspiriert von Marinettis Manifest, die Lebendigkeit und Bewegung der modernen Welt einzufangen, indem sie auf traditionelle Techniken und bildliche Traditionen verzichteten, um neue Ausdrucksformen zu präsentieren. Die Futuristen konzentrierten sich auf Bewegung, wobei es ihr Ziel war, die Essenz der sich schnell verändernden Gesellschaft zu vermitteln.

Inspiriert von Kubismus, zeigten Künstler wie Umberto Boccioni, Giacomo Balla und Gino Severini dynamische Szenen, fragmentierte Formen und abstrakte Perspektiven. Durch das Zerschneiden der Oberflächen und räumliche Wiederholungen fanden sie einen visuellen Ausdruck für die Dynamik von Bewegung, Geschwindigkeit und Veränderung.
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Dynamik eines Hundes an der Leine (1912) von Giacomo Balla ist eines der berühmtesten Beispiele der futuristischen Malerei. Es zeigt die Beine, den Schwanz und die Ohren eines Dackels, die durch den Effekt der schnellen Bewegung verschwimmen und sich vervielfältigen. Das Gemälde veranschaulicht die Prinzipien, die Umberto Boccioni 1910 in Technisches Manifest der futuristischen Maler umrissen hatte: "Aufgrund der Beständigkeit eines Bildes auf der Netzhaut vervielfachen sich bewegte Objekte ständig; Ihre Form verändert sich wie schnelle Vibrationen in ihrer verrückten Laufbahn. Ein laufendes Pferd hat also nicht vier, sondern zwanzig Beine, und ihre Bewegungen sind dreieckig."
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3. Die futuristische Skulptur
Die futuristische Bildhauerei zielte in erster Linie darauf ab, die Kunst von ihrer statischen Natur zu befreien und mit einem Sinn für Dynamik auszustatten. Umberto Boccioni, einer der bekanntesten Vertreter, wollte die dynamische Verbundenheit von Objekt und Raum darstellen. Sein berühmtestes Werk, Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum (1913), zeigt eine menschliche Figur, die aus vielen Ebenen geformt ist, wodurch der Eindruck einer Fortbewegung entsteht, die einen Gegensatz zu einer festen, statischen Form bildet.
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Andere futuristische Bildhauer experimentierten mit unkonventionellen Materialien wie Glas, Metall oder sogar Elektrizität, um Bewegung und Energie zu vermitteln. Mit der Verschmelzung von Skulptur und Technologie forderten sie die Wahrnehmung des Betrachters hinsichtlich Form und Raum heraus.
4. Die futuristische Architektur
Den futuristischen Architekten schwebte eine neue Welt vor, die den Geist des Industriezeitalters verkörperte. Architekten wie Antonio Sant'Elia und Mario Chiattone schlugen mutige futuristische Designs vor, die die Prinzipien von Funktionalität, Geschwindigkeit und Effektivität beinhalteten. Antonio Sant'Elia, der 1914 ein futuristisches Manifest über Architektur verfasste, stellte sich mechanisierte Städte vor, die von industriellen Designs bevölkert sein würden, die die ornamentalen Exzesse der Vergangenheit zurückwiesen.
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Sant'Elias Zeichnungen für La Città Nuova ("Die neue Stadt") (1912-14) skizzieren eine moderne, reduzierte Stadt, die einfache und skulpturale Gebäude gegenüber barocken Kurven und Dekorationen bevorzugt. Die visionären Skizzen und Manifeste der Futuristen ebneten den Weg für die Entwicklung der modernen Architektur und beeinflussten in hohem Maße spätere Bewegungen wie Art déco und Bauhaus.
5. Die futuristische Literatur
Auch die futuristische Literatur zielte darauf ab, konventionelle Normen zu überwinden. Zusammen mit anderen prominenten futuristischen Schriftstellern versuchte Marinetti, das Wesen der Moderne einzufangen, indem er fragmentierte Syntax, Lautmalerei und unkonventionelle typografische Anordnungen nutzte, um ein dynamisches und eindrucksvolles Leseerlebnis zu schaffen.

Die Futuristen führten neue Genre in die Literatur ein, mit der parole in libertà, bekannt als Poesie der freien Worte, als bekanntestes. Sie beinhaltete mathematische Zeichen, ließ jedoch eine Interpunktion sowie Adjektive und Verben weg. Zur Verbreitung dieser neuen literarischen Konzepte dienten Manifest-Flugblätter, Plakate und literarische Collagen.
6. Der russische Futurismus
In Italien entstanden, verbreitete sich der Futurismus schnell und stieß in mehreren Regionen der Welt auf Resonanz. Der russische Futurismus tauchte als klarer und lebendiger Zweig auf, der stark vom politischen und sozialen Klima jener Zeit geprägt war. Vertreter wie Wladimir Majakowski und Welimir Chlebnikow wollten mit ihren Werken nicht nur die Kunst, sondern die Gesellschaft an sich revolutionieren. Der russische Futurismus umspannte eine lange Reihe künstlerischer Ausdrucksweisen, darunter Lyrik, Malerei, Theater und sogar Musik. Er feierte die Dynamik der Russischen Revolution und rief zur Schaffung einer neuen Weltordnung auf.

In der Kunst wurde vor allem der Stil des Kubo-Futurismus adaptiert, dem man beispielsweise in den Gemälden von Natalja Gontscharowa begegnet, die die Formen des Kubismus mit futuristischen Themen kombinierte.
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Entwicklungen und Erbe
Die erste Ausstellung der Futuristen außerhalb Italiens fand 1912 in der Galerie Bernheim-Jeune in Paris statt und umfasste Werke von Umberto Boccioni, Gino Severini, Carlo Carrà, Luigi Russolo und Giacomo Balla. Doch bereits 1914, nur fünf Jahre nach der Veröffentlichung von Marinettis Manifest, entstanden die ersten Spannungen innerhalb der Gruppe. Carlo Carrà, Ardengo Soffici und Giovanni Papini entschieden, die Gruppe offiziell zu verlassen, da sie sie als zu sehr von Marinetti und Boccioni dominiert erachteten.

Von Beginn an zählten Gewalt, Patriotismus und Antifeminismus zu den zentralen Prinzipien der Futuristen, in deren Manifest zu lesen stand: "Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes". 1914 begann die Gruppe eine Kampagne gegen Österreich-Ungarn. Als Italien in den Ersten Weltkrieg eintrat, meldeten sich viele Futuristen zum Kriegsdienst und engagierten sich aktiv in der militaristischen Propaganda. Mit Beginn des Krieges, begann sich der italienische Futurismus aufzulösen.

In den 1920er und 1930er Jahren unterstützten viele der übriggebliebenen Futuristen den Faschismus, um einen neuen, modernen Staat zu gründen. 1918 rief Marinetti die Futuristische Partei, die dann Teil von Mussolinis Fasci Italiani di Combattimento wurde, was Marinetti zu einem der ersten Mitglieder der Faschistischen Partei Italiens machte. Später verließ er den Faschistischen Kongress, unterstützte die Bewegung jedoch bis zu seinem Tod im Jahr 1944.
Mit Marinetti starb auch der Futurismus als organisierte Bewegung. Sein Stil beeinflusste jedoch viele spätere Bewegungen, darunter Art déco, Vortizismus, Konstruktivismus, Surrealismus und Dada. Als Inspirationsquelle diente er auch noch in jüngerer Zeit, so etwa für Ridley Scotts Kultfilm Blade Runner (1982), der ganz offensichtlich Sant'Elias Entwürfe aufgreift, oder auch für das Album Futurista (1986) des japanischen Komponisten Ryuichi Sakamoto, das eine Rede Marinettis enthält.




