In der westlichen Welt bekommt man es, wenn es um Frauen geht, die Männer einen Kopf kürzer machen, mit der Bibel zu tun. Randvoll mit Mysterien und unglaublichen Geschichten, war die Bibel für viele Künstler eine niemals versiegende Quelle der Inspiration. Einige der Geschichten handeln von Frauen – wenn auch nur recht wenige, von denen so manche auch gerne übersehen werden. Doch waren es zwei Geschichten mit Frauen im Mittelpunkt, die Künstler im Laufe der Jahrhunderte immer wieder aufgegriffen haben: Judith und Holofernes sowie Salome und Johannes der Täufer.
Die erste Geschichte stammt aus dem apokryphen Buch Judit des Alten Testaments. Darin wird erzählt, wie der assyrische König Nebukadnezar seinen General Holofernes losschickte, um die judäische Stadt Betulia in die Knie zu zwingen. Eine schöne junge Witwe namens Judith nahm die Dinge schließlich in die Hand: Um ihr Volk zu schützen, brachte sie Holofernes ganz einfach um. Dafür zog sie ihre schönsten Kleider an und tat so, als wolle sie ihn verführen. Im Laufe des Abends sprach Holofernes dem ihm dargereichten Wein ordentlich zu, wodurch es Judith möglich wurde, ihn mit Hilfe ihrer Dienerin Abra zu enthaupten.
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Die zweite Geschichte stammt aus dem Neuen Testament und wird sowohl im Markus-, als auch im Matthäus-Evangeliums erzählt: Johannes der Täufer war von König Herodes in den Kerker geworfen worden, da er dessen angestrebte Ehe mit Herodias missbilligte. Zum einen war Herodes bereits verheiratet, zum anderen war Herodias zuvor die Frau von Herodes Bruder gewesen. Herodes’ fragwürdiges Verhalten erreichte seinen Höhepunkt, als er seine Stieftochter/Nichte aufforderte, für ihn während eines Gastmahls auf verführerische Weise zu tanzen. Zufrieden mit ihrer Vorstellung, gewährte Herodes Salome einen Wunsch. Deren Mutter Herodias sah ihre Stunde gekommen und flüsterte ihrer Tochter ins Ohr, sie solle den Kopf Johannes des Täufers verlangen, was Salome dann auch tat.

Die beiden Geschichten könnten unterschiedlicher nicht sein. Da ist die tapfere Judith, die ihr Volk beschützt und dann ist da die arme Salome, die zum Spielball einer Intrige wurde. Wie dem auch sei, wurden viele Darstellungen Judiths als Darstellungen von Salome gedeutet und andersrum. Künstler griffen die beiden Geschichten recht häufig auf und die besten unter ihnen vermochten es, den Originalgeschichten noch etwas hinzuzufügen.
Beide Episoden eigenen sich hervorragend, um Machtdynamiken und Geschlechtsidentitäten zu untersuchen und zu hinterfragen. Zwei Darstellungsweisen treten dabei auf: die femme forte (die fromme und starke Frau) und die femme fatale (die gefährliche Verführerin). Je nach Epoche und Zusammenhang, wird Judith mal als die eine und dann wieder als die andere dargestellt, während Salome durchweg als die femme fatale schlechthin betrachtet wird.

Aufgrund ihrer Frömmigkeit war Judith während des Mittelalters eine sehr beliebte Figur. Salome war das genaue Gegenteil und wurde als die böse Verführerin dargestellt, die Schuld am Martyrium Johannes des Täufers trug. In Das Gastmahl des Herodes und die Enthauptung Johannes des Täufers verwendet Benozzo Gozzoli die mittelalterliche Technik der Darstellung mehrerer Szenen in nur einem Gemälde, sodass man die Geschichte rund um Salome verfolgen kann: Ihr Tanz vor Herodes, die Enthauptung Johannes des Täufers und die Präsentation des abgeschlagenen Kopfes vor ihrer Mutter Herodias.

Mit Beginn der Renaissance fing die Darstellung Judiths an sich zu verändern. Sie wurde weniger als religiöses Beispiel wiedergegeben und erfuhr eine gewisse Politisierung. Sie wurde zur Symbolfigur des unterdrückten Volkes, das die Macht des Tyrannen überwindet. Künstler stellten dies mit den Moment unmittelbar vor und nach der Enthauptung dar.
Sandro Botticelli stellte Judith ohne stark wahrnehmbare Zeichen der Gewalt dar. Das Schwert verliert sich irgendwie in den Falten ihres Kleides und wird von dem Olivenzweig, dem Symbol des Friedens, ausgeglichen. Ihre Dienerin kümmert sich um den Transport des Kopfes, während Judith ihrem Volk, einer göttlichen Heldin gleich, den Frieden bringt. Bei Giorgione ist Judith weitgehend triumphaler. Während ihr Fuß auf Holofernes’ Kopf steht, bleibt ihr Gesichtsausdruck jedoch friedlich und gefasst.
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Im 16. Jahrhundert nahmen man Abstand von der Darstellung Salomes als sorglose Verführerin und zeigte sie stattdessen als reumütige junge Frau. Bernardino Luinis Salome ist ein Musterbeispiel für diesen Umschwung: Salome wendet sich von dem abgeschlagenen Kopf Johannes des Täufers ab. Während der Renaissance verstand man den auf einem Tablett präsentierten Kopf als Symbol für das bei der Eucharistie dargereichte Brot. Die Geschichte rund um Salome ist voll von misogyner Schlussfolgerungen: Frauen wie Salome und Herodias sind die rachsüchtigen Verführerinnen und Johannes der Täufer ist der Märtyrer. Doch nie wird König Herodes für die Geschehnisse verantwortlich gemacht. Schließlich hätte er der Enthauptung nicht zustimmen müssen.
In Die Tochter der Herodias stellt Sebastiano del Piombo Salome völlig vorurteilsfrei dar – weder ist sie die Verführerin, noch das reumütige Kind. Salome blickt den Betrachter direkt an und erduldet dessen Prüfung. Sie erscheint, als habe sie nichts Falsches getan, als habe sie ihre Gründe gehabt. Diese aufrührerische Darstellung macht aus Salome nicht mehr nur eine femme fatale, sondern eine femme forte.

Im Zeitalter des Barock hatte das blutige Gemetzel schließlich seinen Höhepunkt. Judith erschien nun als die kaltblütige Attentäterin, die mit der rechtschaffenen Frau der Renaissance nichts mehr gemeinsam hatte. Zuvor hatten Künstler stets den Moment vor oder nach der Enthauptung gewählt, so als würden sie dem Gesetz der griechischen Tragödie folgen, das Blut auf der Bühne verbot. Im Barock stellten Künstler jedoch nicht selten genau den Moment der Abtrennung des Kopfes dar. Judiths Geschichte eine der beliebtesten jener Epoche.
Caravaggio lieferte eine der realistischsten Darstellungen des Holofernes: Holofernes erwacht beim Ansetzen der Schwertklinge und Judith beginnt zu schneiden. Schock, Entsetzen und Schmerz sind in seinem Gesicht zu lesen, während Judith vor allem angeekelt wirkt.
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In der Familie Gentileschi war das Motiv mit Judith und Holofernes eines der beliebtesten. Vater und Tochter malten die Enthauptungsszene im selben Jahr. Während Orazio eine sehr an den Stil der Renaissance angelehnte Version malte, richtete seine Tochter ein wahres Blutbad an. Auch die Bildkomposition der beiden Gemälde ist gänzlich gegensätzlich.
Orazio Gentileschi malte das Geschehen nach der Tat in einer klassischen pyramidalen Komposition, mit dem Kopf als zentralen Punkt und der Verwendung der drei Primärfarben. Judith und Abra blicken jeweils in die entgegengesetzte Richtung. Man könnte meinen, dass sie den Anblick des Kopfes einfach nicht ertragen, doch tatsächlich halten sie Ausschau nach den Soldaten des soeben Enthaupteten.
Artemisia Gentileschi lieferte eine gänzlich andere Version, die genau den Moment der Enthauptung zeigt. Der von Schmerzen gequälte Holofernes unternimmt einen nur noch schwachen Versuch, Abra wegzustoßen. Judith konzentriert sich ganz auf ihre Aufgabe und hält mit ihrer linken Hand den Kopf, den sie mit dem Schwert in der rechten abtrennt. Blut ergießt sich über die Laken. Oft wurde und wird vermutet, dass Artemisias persönliches Leid, als sie von einem Kollegen ihres Vaters vergewaltigt wurde, eine bedeutende Rolle bei der Komposition des Gemäldes spielte.
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Nachdem sie vom 18. Jahrhundert irgendwie vernachlässigt wurden, kehrten Judith und Salome umso stärker im 19. Jahrhundert zurück. Damals herrschte eine allgemeine Faszination für den Orient und wer könnte vor diesem Hintergrund besser als Motiv dienen, als zwei Heldinnen aus dem Nahen Osten?
Auch wurde Salomes Mutter Herodias nun öfter abgebildet. In Paul Delaroches Herodias mit dem Haupt Johannes des Täufers ist sie sogar die Hauptfigur, die prachtvoll gekleidet im Vordergrund steht, während Salome in ihrem Schatten nur schwach zu erkennen ist. August Riedel hat Judith ganz klar als Kämpferin dargestellt: Während sie den abgetrennten Schädel hinter ihrem Rock verbirgt, ist das Schwert repräsentativ im Vordergrund. Diese Frauen zu malen bedeutete für den europäischen Mann im Allgemeinen eine Frau zu malen, die seiner Vorstellung der schönen und durchsetzungsfähigen Orientalin entsprach (wobei so ziemlich alles, das östlich von Europa liegt, damals als Orient bezeichnet wurde), deren Kopf von prachtvollem dunklem Haar gekrönt und deren Körper in goldgesäumte Kleider gehüllt ist.
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Andere Maler des 19. Jahrhunderts wiederum setzten Salome stärker in den Fokus. Alfred Stevens malte sie mitsamt dem Messer und dem Tablett kurz vor der Hinrichtung: sie ist hier die ausführende Kraft, nicht länger nur das Instrument der Rache ihrer Mutter. Pierre Puvis de Chavannes ging sogar noch einen Schritt weiter: Der Untertitel seines Gemäldes Die Enthauptung Johannes des Täufers lautet Die Tochter der Herodias gibt das Signal zur Enthauptung Johannes des Täufers. Damit setzte der Maler Salome ganz klar als aktive Gestalterin des Geschehens in Szene.
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts machte Platz für eine mächtige Salome, die zur Protagonistin der Geschichte wurde.
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Was die Darstellung von Judith und Salome betrifft, gibt es ein klares Muster: entweder es ist die starke Frau oder die Verführerin. Auch das 20. Jahrhundert vernachlässigte keines dieser beiden Themen. 1901 malte Gustav Klimt eine nackte und sinnliche Judith. Holofernes tritt kaum in Erscheinung, sein Kopf ist vom Rahmen – ein zweites Mal – abgeschnitten. Die Protagonistin ist Judith als zufriedene Verführerin in einem Ausdruck sexueller Erfüllung.
Franz von Stuck folgte diesem Weg und lieferte eine weitere sinnliche Interpretation der Geschichte. Judith, nur mit einem Helm bekleidet, schwingt ein großes Schwert, als eine Art phallisches Symbol, über Holofernes, womit die klassischen Rollen vertauscht wurden. Sowohl Klimt als auch von Stuck stellten den sinnlichen Aspekt der Geschichte in den Vordergrund.
Zeitgenössische Interpretationen konzentrieren sich den politischen und sozialen Aspekt der Geschichten. Beispielsweise malte Kehinde Wiley Judith im Jahr 2012 als schwarze Frau, die den Kopf einer weißen Frau anstellte des Kopfes des Holofernes hochhält. Das Gemälde ist eine Manifestation der Notwendigkeit, die weiße Herrschaft endgültig zu überwinden.
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Basierend auf diesen Beispielen fangen die Geschichten um Judith und Salome der Darstellung der weiblichen Wut in der Kunstgeschichte und der Bewaffnung der Weiblichkeit ein. Sie schwingen zwischen Heldentum und roher Sinnlichkeit. Manchmal dienten diese Gemälde nur als Vorwand, den weiblichen Körper als sinnliches und sexuelles Objekt, doch gingen viele Maler einen Schritt weiter: sie übertragen Salome die Verantwortung und halten es Judith zugute, dass sie sich die Hände für die Rettung ihres Volkes schmutzig macht. Für den zeitgenössischen Betrachter sind die signifikantesten Werke jene, die den Moment der Enthauptung an sich zeigen.









