In den Annalen der Kunstgeschichte kann es geschehen, dass bestimmte Namen in der Versenkung verschwinden, überschattet vom Ruhm anderer. Camille Claudel, eine Bildhauerin von bemerkenswertem Können und Kreativität, war eine solche Künstlerin, die eine Zeit relativer Vernachlässigung erfuhr. Trotz ihres unbestreitbaren Talents und ihres signifikanten Beitrags zur Bildhauerei, geriet dieser wichtige Teil ihres Daseins in Vergessenheit, während sie vor allem als Geliebte und Muse Auguste Rodins betrachtet wurde.
Geboren am 8. Dezember 1864 in Fère-en-Tardenois, Aisne, zeigte Claudel eine frühe Befähigung zum künstlerischen Ausdruck und war bereits als Teenager eine kompetente Bildhauerin. Als ihre Familie 1881 nach Paris zog, wurde Claudel Schülerin an der Académie Colarossi und später an der École des Beaux-Arts.

Damals begegnete sie auch erstmals Auguste Rodin, der zugestimmt hatte, den Kurs des französischen Bildhauers Alfred Boucher während dessen Abwesenheit zu leiten. Rodin war zu jenem Zeitpunkt bereits ein etablierter Künstler, der mit verschiedenen Arbeiten, darunter L’Âge d’airain ("Das eherne Zeitalter") und Le Baiser ("Der Kuss"), Bekanntheit erlangt und seine Reputation als Bildhauer gefestigt hatte.
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Kurz nach dem ersten Treffen wurde die 18-jährige Claudel Rodins Schülerin, Mitarbeiterin, Modell und Geliebte. Unter Rodins Leitung verbesserte Claudel ihr Handwerk und entwickelte einen unverwechselbaren Stil aus fließenden Formen und emotionaler Tiefe.

Claudels Verhältnis zu Rodin war sowohl eine Quelle der Inspiration, als auch der Qual. Während die Zusammenarbeit einerseits ihren kreativen Geist beflügelte, sorgte sie andererseits auch für Herzschmerz und Unsicherheit. Die Komplexität der Partnerschaft sollte Claudels Privat- als auch Arbeitsleben in großen Teilen bestimmen.
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Zwischen 1882 und 1889 begann Camille Claudel, sich eigenständig als Künstlerin einen Namen zu machen und stellte ihre Büsten und Porträts regelmäßig im Salon des Artistes Français aus. In den 1890er Jahren wurde ihr noch mehr Aufmerksamkeit zuteil, als prestigeträchtige französische Museen viele ihrer Werke kauften. Um 1900 fertigte Claudel eine vielfältige Auswahl an Skulpturen an, die sowohl intime Studien der menschlichen Form, als auch monumentale Arbeiten zu mythologischen Themen umfassten.

Zu ihren am meisten bewunderten Arbeiten gehört La Valse ("Der Walzer") von 1883-1901, eine dynamische Komposition, die aus zwei miteinander verbundenen tanzenden Figuren besteht. Als Inspiration hatte ihr ihre aufkeimende Beziehung mit Rodin gedient. La Vague ("Die Welle") von 1897 stellt einen klaren stilistischen Bruch mit Rodins Einfluss dar. Die Skulptur aus Onyx und Marmor zeigt drei kniende weibliche Figuren, über die sich eine Welle drohend auftürmt.
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L'Âge mûr ("Das reife Alter") von 1892-95 sinniert über das Fortschreiten der Zeit und der menschlichen Erfahrungen. Zu sehen sind drei Figuren: eine junge Frau, der ein älterer Mann seine Hand entzieht, während er wiederum durch die Umarmung einer älteren Frau weggezogen wird. Die Skulptur dient als Allegorie des Alterns, indem sie die Entwicklung von der Jugend zur Reife und schließlich zum Tod symbolisiert. Sie kann aber auch als Reflexion der Kämpfe Claudels interpretiert werden, vor allem die Erfahrung des Verlassens durch Rodin. Tatsächlich reagierte Rodin, als er die Arbeit das erste Mal sah, verärgert und beendete seine Unterstützung für Claudel.
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Persée et la Gorgone ("Perseus und die Gorgone") von 1897 zählt zu Claudels ambitioniertesten Werken und behandelt den Mythos um Perseus' Sieg über die Medusa. Man sieht Perseus, der auf seinen Schild blickt. Diesen verwendet es als Spiegel, um den gefahrenvollen Kopf der Medusa, den Claudel nach sich selbst gestaltete, nur als Reflexion zu betrachten. Genau wie L'Âge mûr wurde auch diese Arbeit vom Ende ihrer Beziehung zu Rodin beeinflusst sowie von der Wut und dem Schmerz, die dieses Erlebnis in ihr auslösten.

Obwohl sie von vielen als führende Bildhauerin wahrgenommen wurde, war Claudels Karriere auch voller Rückschläge. 1893 beendete sie ihre oftmals stürmische Beziehung zu Rodin und brach 1898 jeglichen Kontakt ab. In den Jahren, die auf die Trennung folgten, arbeitete Claudel unermüdlich, doch obwohl sie weiterhin in verschiedenen Salons ausstellte, verarmte sie zusehends und wurde eigenbrötlerisch. Immer wieder zerstörte sie jede Arbeit, die sich in ihrem Atelier befand.
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Die Verschlechterung ihrer geistigen Gesundheit wurde immer deutlicher. So war sie davon überzeugt, dass Rodin sie ausspionieren ließ, ihr ihre Ideen klaute und ihre öffentlichen Aufträge vom französischen Staat zurückweisen ließ. 1913 wurde sie eingewiesen und verbrachte ihr restliches Leben in einer psychiatrischen Anstalt bis sie 1943 starb.
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Es sollte dreißig Jahre dauern, bis Camille Claudels Werk erneut auf Interesse stieß. In den 1970er Jahren begannen Wissenschaftler und Kunstfreunde, ihren Beitrag zur Kunstgeschichte neu zu bewerten und sie als Pionierin der Bildhauerei zu betrachten. In den 1980er Jahren waren Claudels Arbeiten der breiten Öffentlichkeit nicht länger vollkommen unbekannt, was vor allem den geschriebenen Werken von Anne Rivière (L’Interdite, 1983) und Anne Delbée, die 1982 die Monografie Une Femme über Claudel veröffentlichte, zu verdanken ist.
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1984 fanden im Musée Sainte Croix in Poitiers sowie im Musée Rodin in Paris Ausstellungen zu Claudels Werk statt. Doch schließlich war es der 1988 veröffentlichte Film Camille Claudel von Bruno Nuytten, der die Reputation der französischen Künstlerin wiederbelebte.
Heute sind es zwei Orte, die dem Werk Camille Claudels gewidmet sind: Das 2017 eröffnete Musée Camille Claudel in Nogent-sur-Seine, das die größte Sammlung von Werken der Künstlerin umfasst, sowie das ehemaligen Wohnhaus Claudels in Villeneuve-sur-Fère, das seine Pforten 2018 für das interessierte Publikum öffnete.
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