Das viktorianische England war geprägt von enormen gesellschaftlichen Veränderungen durch die Industrialisierung sowie von strengen Moralvorstellungen, die in der Lebenswirklichkeit jedoch oft keinen Bestand hatten. All diese Umbrüche und Widersprüche boten Autorinnen und Autoren wie Charles Dickens, George Eliot und Thomas Hardy jede Menge Stoff, den sie zu atmosphärisch dichten Romanen verarbeiteten, die eine immer größer werdende Lesergemeinde faszinierten. Buchillustrationen spielten eine wichtige Rolle, denn sie machten einen Roman noch anziehender und ergänzten die Texte durch ihren visuellen Aspekt.
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Das erzählende Bild war „in“ und beschränkte sich nicht nur auf Buchseiten, sondern fand sich auch auf der Leinwand wieder, wobei sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine spezielle Form entwickelte, die sehr populär wurde: das Problem Picture.
Allgemein ist das Problem Picture der Genremalerei zuzuordnen, die sich mit der Darstellung von Alltagssituationen befasst. Wie der Name Problem picture jedoch bereits verrät, kam bei ihm noch ein wichtiges Detail hinzu: ein Problem. Dieses wurde jedoch nicht einfach selbsterklärend dargestellt. Vielmehr präsentierten die Maler eine Szene auf mehrdeutige Weise, sodass es am Betrachter war, das Dargestellte einzuordnen und über den möglichen Ausgang nachzusinnen. Als Motive wurden meist gesellschaftskritische und moralische Themen gewählt. Bisweilen lieferten die Schöpfer dieser Werke einen Titel dazu, doch auch dieser blieb ohne klare Aussage. Ein frühes Beispiel ist John Everett Millais’ Trust Me (1860-62), das einen älteren Herrn und eine junge Dame zeigt. Die Dame verbirgt einen Brief hinter ihrem Rücken, während der Herr eine Hand in ihre Richtung ausstreckt. Wer von den beiden Trust me („Vertrau mir“) sagt und warum, bleibt offen, ebenso in welchem Verhältnis die beiden Personen zueinander stehen. Sind es Vater und Tochter? Ehemann und Ehefrau? Und was steht bloß in dem Brief?
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Eines der ersten Problem Pictures war The Awakening Conscience (1853) von William Holman Hunt. Es zeigt eine junge Frau, die sich, mit einem von einer neuen Erkenntnis erhellten Gesicht, vom Schoß eines Mannes erhebt. Offenbar ist sie es, deren Gewissen soeben erwacht ist. Worum es dabei geht, darauf deuten verschiedene Hinweise hin, die Hunt in sein Werk „eingebaut“ hat. So macht der fehlende Ehering an ihrer Hand deutlich, dass sie mit dem Mann nicht verheiratet ist; die Katze unter dem Tisch darf sogar als Symbol für Prostitution gedeutet werden. Das und mehr galt es zu entschlüsseln. Ob sich die junge Frau von ihrem bisherigen, unmoralischen Leben jedoch wirklich wird lösen können, blieb dahingestellt.
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Ein moralisches Dilemma behandelt auch Augustus Leopold Eggs dreiteiliges Werk Past and Present (1858) von Augustus Egg. Klar als Problem Picture einzuordnen ist vor allem das zentrale Gemälde, in dem die eheliche Untreue der auf dem Boden liegenden Frau aufgedeckt wird. Die beiden anderen Bilder zeigen die Folgen ihrer Tat: ihre beiden nun schon älteren Töchter, die bereits im ersten Gemälde zu sehen waren, sind einsam, die Frau selbst ist gesellschaftlich geächtet und möglicherweise obdachlos.
Hier sind einige weitere Beispiele:



Das Rätselraten war überaus populär. Als William Frederick Yeames 1895 sein Werk Defendant and Counsel präsentierte, rief sogar eine Zeitung zum Mitraten auf, welches Verbrechen die dargestellte Frau denn wohl begangen haben könnte.
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Das Problem Picture blieb bis ins ins frühe 20. Jahrhundert beliebt, kam jedoch schließlich aus der Mode, als sich der Kunstgeschmack zunehmend wandelte und andere Medien, wie illustrierte Zeitschriften und schließlich der Film, dem Publikum neue Geschichten und Rätsel präsentierten.




