Eine Landkarte hat mehr zu bieten, als man auf den ersten Blick erkennt. "Das erste, das man verstehen muss, ist, dass es so etwas wie den typischen Landkartensammler nicht gibt", sagt Tim Bryars, ein führender Händler für Landkarten und antiquarische Bücher. "Kartensammler kommen aus allen Gesellschaftsschichten." Bryars' stimmungsvoller und mit Büchern gefüllter Laden befindet sich im Londoner Cecil Court, eine Gasse, die St. Martin's Lane und Charing Cross Road verbindet und noch immer von Gaslaternen beleuchtet wird. Bryars erklärt, dass es zwei Wege des Sammelns gibt: Die meisten Menschen entscheiden sich dafür, ihre Kaufgewohnheiten zu verfeinern, indem sie entweder "vertikal" (zum Beispiel mit Karten, die denselben Ort über die Jahrhunderte hinweg zeigen) oder "horizontal" (mit Karten, die viele Teile der Welt abdecken, aber in derselben Ära gedruckt sind) sammeln.

Ein "vertikaler" Sammler könnte beispielsweise an Karten von London nach dem Großen Feuer von 1666 interessiert sein oder solchen, die die vom "Blitz" getroffenen Bereiche des Zweiten Weltkriegs zeigen – beides Zeugnisse von Zerstörungen, die Jahrhunderte auseinanderliegen. Jemand, der "horizontal" denkt, ist vielleicht ein Kenner der Napoleonischen Ära, der an Karten der Spanischen Halbinsel, von Russland oder auch des Schlachtfelds von Waterloo interessiert ist; vielleicht auch der Inseln St. Helena und Korsika, wo Napoleons Leben endete bzw. begann. Genauso wird jemand, der das Piratenzeitalter spannend findet, möglicherweise damit beginnen, Karten von verschiedenen karibischen Inseln aus dem 17. und 18. Jahrhundert zu sammeln – auch wenn die in Hollywood so beliebten "Schatzkarten" eine Erfindung des viktorianischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson sind. Und ein Architekt, Ingenieur oder Fan des Industriedesigns wird vielleicht damit beginnen, eine faszinierende Sammlung von Karten des U-Bahn-Netzes als Teil einer allgemeinen London-Sammlung aufzubauen.
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Betrachtet man Landkarten als etwas Geografisches, übersieht man das Wesentliche. Karten behandeln Themen wie Handel, Politik, Religion, Erforschung und sogar die Entwicklung des Straßennetzes. "Landkarten sind schön, ein Freudenfest der Geschichte", sagt Bryars, wobei auch die Preisspanne enorm ist. "Jemand kauft vielleicht eine Handvoll hübscher, bunter Landkarten als dekorative Souveniers, die ihn an einen fröhlichen Urlaub auf dem Lande erinnern. Plötzlich sind es fünf, und ehe er sich versieht, ist er zu einem ausgewachsenen Sammler mutiert."

John Speed (1551/2-1629) ist vermutlich Großbritanniens bekanntester Kartograph. Seine Landkarten wurden zwischen 1611 und 1770 in unterschiedlichen Auflagen veröffentlicht (die originalen Kupferplatten blieben bis ins 18. Jahrhundert erhalten). Verständlicherweise sind Speeds Karten beliebt: Mit ihren dekorativen heraldischen Umrahmungen, königlichen Porträts, Schauplätzen berühmter historischer Schlachten, engelhaften Putti, Galeonen, Seeungeheuern und den Himmelsrichtungen verfügen sie zweifellos über einen antiquarischen Charme. Doch nur wenigen Menschen ist bewusst, dass Speed seinen Atlas speziell dazu anfertigte, um sein Buch über die britische Geschichte, The Theatre of the Empire of Great Britaine (1611), zu illustrieren, welches der erste Atlas war, der alle einzelnen Grafschaften von England und Wales sowie Karten von Irland und eine allgemeine Karte von Schottland beinhaltete. Er zeigt die Städte, Dörfer und Grenzen zu Zeiten Shakespeares. Speed schuf zudem wunderschöne Karten von Frankreich, Italien, Spanien, Afrika und China. Auf dem Markt gibt es zahllose Reproduktionen und Neusammler müssen wissen, worauf sie achten sollten.
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So sollte beispielsweise eine originale Speed-Karte auf der Rückseite einen beschreibenden Text, Anzeichen einer Mittelfalte und Bindung sowie eine Plattenmarke aufweisen (da die Kupferplatte eine sichtbare Vertiefung auf dem Papier hinterlässt). Die Karte sollte außerdem auf geripptem Papier mit Struktur gedruckt sein. Modernes Papier ist dagegen flach und ohne besondere Merkmale. Originale Speed-Karten sind erschwinglich und ihr Preis richtet sich nach der Nachfrage und dem Hersteller. Die eleganten Karten von Robert Morden aus dem 17. Jahrhundert sind im Vergleich zu den Karten von Christopher Saxton oder niederländischen Kartografen wie Joannes Blaeu und Jan Janssonius immer noch preiswert. Dennoch wird eine Karte von Cornwall, Yorkshire oder Lancashire teurer sein als eine Karte von Rutland, der kleinsten Grafschaft Englands. Das heißt nicht, dass eine Karte von Rutland unbedingt eine gute Investition ist, nur weil sie günstig ist: Sie wird es wahrscheinlich nie werden. "Gute Karten von Singapur", sagt Tim Bryars, "sind aus mehreren Gründen eher selten. Das Klima begünstigt die Erhaltung von Papier nicht, und reiche Singapurer sind seit Jahren auf der Jagd nach den begrenzten Beständen. Dasselbe gilt für die Republik Texas (ein Land, das nur zehn Jahre lang, von 1836 bis 1846, von den Vereinigten Staaten unabhängig war). Wenn Sie plötzlich Interesse entwickeln, werden Sie feststellen, dass Ihnen unternehmungslustige Sammler bereits zuvorgekommen sind." Ebenso waren Karten von Indien vor 25 Jahren erschwinglicher, jetzt die Preise sind dank einer aufstrebenden südasiatischen Mittelschicht gestiegen.

Obwohl die Welt der antiken Karten faszinierend ist, kann sie für Anfänger ein entmutigendes Thema sein. Bryars rät neuen Sammlern, zumindest in der Anfangsphase ihrer Sammlerkarriere bei seriösen Fachhändlern zu kaufen. Ein guter Händler wird den genauen Zustand einer Karte angeben, ihre Mängel (falls vorhanden) auflisten und hilfreiche Informationen liefern, die auf jahrelanger Erfahrung und Wissen beruhen. Schnäppchenpreise bei Auktionen mögen für einen Neuling verlockend erscheinen, aber bevor sich eine gerahmte Karte als Flop herausstellt, gilt das alte Prinzip "Käufer sei aufmerksam".
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Wenn es um das heikle Thema Zustand geht, ist es wie bei allen Antiquitäten ratsam, das Beste zu kaufen, was man bekommen kann. In der Welt des Kartensammelns ist der Zustand entscheidend. Eine Karte in gutem Zustand lässt sich leichter weiterverkaufen, wenn Sie sich an ihr sattgesehen haben – eine kleine Sammlung von Karten in ausgezeichnetem Zustand ist begehrter als eine große in schlechtem Zustand. Experten raten davon ab, Karten in älteren Rahmen zu kaufen, die von den Auktionshäusern manchmal mit dem Vorbehalt "ohne Rahmen nicht geprüft" katalogisiert werden. Dies liegt daran, dass Rahmen eine Vielzahl von Mängeln verbergen können. Dank der Verbesserungen moderner Rahmentechniken können Sammler heute gerahmte Karten an der Wand ausstellen, ohne befürchten zu müssen, dass sie Flecken bekommen oder verblassen. Ein häufiges Problem bei Rahmen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts ist jedoch die "Sprühmontage". In der Vergangenheit wurden Karten oft mit säurehaltigem Klebstoff auf Karton (oder sogar Holz) geklebt, um sie zu glätten, und es ist für einen Restaurator vielleicht unmöglich, die Karte davon zu lösen, insbesondere wenn es sich um synthetischem Klebstoff handelt. Passepartouts können beschnittene Kanten verbergen. Eine perfekte Karte mit breiten Rändern ist akzeptabler als eine Karte mit abgeschnittenen Rändern. Passepartouts können auch schwerwiegende Mängel verbergen: Flecken, Risse oder, noch schlimmer, einen fehlenden Abschnitt.

Allerdings stammen antike Karten aus verschiedenen Quellen, viele aus Atlanten und Reisebüchern, einige wurden separat veröffentlicht. Viele wurden auf robustem handgeschöpftem Hadernpapier gedruckt, sodass eine Restaurierung bei Bedarf möglich ist. Speeds Karten wurden fast immer unkoloriert verkauft (mit einigen Ausnahmen), und Exemplare mit originaler Handkolorierung erzielen einen erheblichen Aufpreis. Im Gegensatz zu anderen Antiquitäten kann eine spätere Handkolorierung für Sammler akzeptabel sein: "Eine moderne Kolorierung in hoher Qualität kann den Wert einer Karte steigern", sagt Paul Orssich, ein führender Experte für Hispanistik, antiquarische Bücher und Karten, "und sie attraktiver und verkaufbarer machen. Eine schlampige, amateurhafte Kolorierung kann den Wert einer Karte jedoch um bis zu 90 % mindern." Andererseits ist ein gewisses Maß an Abnutzung bei einem Broadsheet, einer separat veröffentlichten Karte, die nicht Teil eines Buches oder Atlas war, akzeptabler. In der Vergangenheit könnte ein Reisender ein Broadsheet als praktische Karte verwendet und für eine bestimmte Reise in einer Tasche verstaut haben, sodass erhaltene Broadsheets auf dem Markt in einem weniger perfekten Zustand erscheinen.
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Antike Karten können überraschend günstig sein. Sie können immer noch Karten aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert für ein paar hundert Pfund kaufen. Der Wert basiert auf Seltenheit und Zustand, aber auch auf der historischen Bedeutung einer Karte, insbesondere wenn es sich um eine bahnbrechende Veröffentlichung handelt und sie im Laufe der Geschichte von Kartographen kopiert wurde. "Frühe Karten sind oft völlig ungenau", sagt Orssich, "doch das ist Teil des Vergnügens. Kartographen stellten sich die Umrisse eines Landes oder einer Stadt vor, oft basierend auf den romantischen Geschichten von Seeleuten, die von einer Reise zurückkehrten."

Aber Moden kommen und gehen. "Das Interesse an Karten aus dem 20. Jahrhundert ist enorm gestiegen, da Sammler erkannt haben, wie wichtig und selten manche dieser Karten tatsächlich sind", sagt Tim Bryars. Originale und frühe Karten der Londoner U-Bahn, die von Harry Beck entworfen wurden, sind heute heiß begehrt, seit Händler sie vor nicht allzu langer Zeit noch in die Sammelkiste verbannten. "Ich war der erste Händler, der sie in einem Schaufenster im Londoner West End ausgestellt hat", erinnert sich Bryars. "Die Leute dachten, ich wäre verrückt, aber jetzt sind sie im Mainstream angekommen. Diese Karten waren nicht zum Aufbewahren gedacht und wurden daher oft weggeworfen. Ihre Überlebensrate ist gering." Eine vierhundert Jahre alte Karte hingegen ist zwar dekorativ, aber ihr Seltenheitsfaktor fehlt möglicherweise. Das Alter garantiert nicht unbedingt den Wert.
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Wie fängt man also damit an, eine Sammlung aufzubauen? "Konzentrieren Sie sich auf ein Gebiet, das eine bestimmte Bedeutung hat, halten Sie es jedoch klein", rät Paul Orssich. "Je mehr Sie suchen, desto mehr werden Sie finden." Wenig überraschend sind Karten von London bei Sammlern beliebt. Eine entzückende "Children's Map of London" von Leslie George Bullock aus den 1930er Jahren, illustriert mit Londons Zwillingsriesen Gog und Magog, kann man für nur 200 GBP kaufen, während eine faszinierende (und historisch wichtige) "Booth’s Poverty Map" (1889), die benachteiligte Gebiete des viktorianischen Londons identifiziert, für 3.750 GBP Ihnen gehören könnte.
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Wenn Sie sich für Karten eines bestimmten Gebiets interessieren, ist eine Bibliographie unabdingbar: Kataloge sind eine praktische Möglichkeit, von den Erfahrungen all derer zu profitieren, die vor Ihnen kamen. Außerdem vermitteln Sie Ihnen kaufmännisches Wissen sowie die "Nomenklatur" (d. h. die Sprache, die professionelle Händler zum Beschreiben und Katalogisieren von Karten verwenden), um Ihnen einen Vorsprung zu verschaffen. Bibliographien sind zwar teuer, können aber auch an sich eine faszinierende Lektüre sein. "Bibliographien sparen Geld und Ärger", erklärt Bryars, "sie helfen Ihnen, die Karten in ihren Kontext einzuordnen und das richtige Objekt zu kaufen, besonders da es im Internet viele falsche Informationen gibt." Neue Sammler könnten auch der International Map Collector's Society beitreten , die viermal im Jahr eine wissenschaftliche – und dennoch zugängliche – Zeitschrift herausgibt.
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Bryars & Bryars ist ein unabhängiger Händler für antiquarische Landkarten, Bücher und Drucke.
Paul Orssich ist spezialisiert auf spanische und hispanische Studien und verkauft seltene, alte und nicht mehr gedruckte Bücher und Landkarten.









