1979 war durch eine Röntgenaufnahme entdeckt worden, dass die rückwärtige Wand in Johannes (Jan) Vermeers (1632-1675) Gemälde Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster ursprünglich gar nicht so leer und kahl gewesen ist, wie man bis dahin glaubte. Tatsächlich verbarg sich unter einer Schicht Farbe ein „Gemälde-im-Gemälde“, das einen siegreichen Amor zeigt, der die Masken der Verstellung mit seinen Füßen zertritt.
Da man jedoch annahm, dass es Vermeer selbst war, der die Veränderung seiner eigenen Komposition vorgenommen hatte, sah man von einer „Befreiung des Amor“ ab. Dann stellten die Expertinnen und Experten eines 2017 begonnenen Restaurierungs- und Forschungsprojekts jedoch fest, dass die überdeckende Farbschicht jedoch einige Jahrzehnte jünger als das eigentliche Gemälde ist.
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Für eine diese Ergebnisse bestätigende Röntgenfluoreszenzanalyse des Gemäldes, das sich seit 1742 in Dresden befindet, arbeiteten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit dem Rijksmuseums Amsterdam zusammen. 2018 entschloss man sich, die von anderer Hand aufgetragene Farbschicht zu entfernen und die von Vermeer erdachte Originalkomposition wieder freizulegen.
Die Restaurierungsarbeiten sind mittlerweile abgeschlossen, sodass Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster ab dem 10. September als Highlight der Ausstellung „Johannes Vermeer. Vom Innehalten“ in der Gemäldegalerie Alte Meister glänzen kann.
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„Das veränderte Aussehen des Brieflesenden Mädchens am offenen Fenster, übrigens auch an den von Übermalungen befreiten Bildrändern, ist ein Anlass, über die Art und Weise der Installation, über das visuelle ‚Funktionieren‘ des Gemäldes neu nachzudenken. Die Bildränder wirken merkwürdig unvollendet – vielleicht hat Vermeer sie durch einen tatsächlichen Holzrahmen und deshalb in diesem ‚offenen‘ Zustand belassen? Stellt man sich eine solche Konstruktion vor, dann denkt man gleich an die experimentellen Gemälde Delfter Kircheninterieurmaler mit ihren trompe-l’oeil-Vorhängen oder an die raffinierten Innenraumbilder Pieter de Hoochs“, sagt Uta Neidhardt, Oberkonservatorin und Kuratorin der Ausstellung.
Brieflesenden Mädchens am offenen Fenster von 1657-59 ist eines der frühesten Gemälde Vermeers, mit denen er den Wechsel von der Historien- zur Genremalerei vornahm.
Dazu Stephan Koja, Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister und Skulpturensammlung bis 1800: „Mit dem Brieflesenden Mädchen findet Vermeer seinen ganz eigenen Stil. Es steht am Beginn einer Reihe von Gemälden, in denen einzelne Personen, meist Frauen, bei einer Tätigkeit innehalten, zur Ruhe kommen, sich besinnen. Vermeer spricht darin Grundfragen unserer Existenz an. So auch in unserem Bild: Mit der Wiedergewinnung des Cupido im Hintergrund wird erst die eigentliche Intention des Delfter Malers erkennbar. Über den vordergründig amourösen Kontext hinaus geht es um eine grundsätzliche Aussage zum Wesen wahrer Liebe. Wir haben davor also nur ein Rudiment betrachtet. Jetzt verstehen wir es als ein Schlüsselbild in seinem Oeuvre.“
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In Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster tauchen viele Elemente und Objekte auf, die auch in den nachfolgenden Gemälden Vermeers Verwendung fanden.
Wie man anhand des Fensters erkennen kann, befindet sich die junge Frau in demselben Raum, in dem 1658 auch Der Soldat und das lachende Mädchen von 1658 entstand. Beide Protagonistinnen tragen zudem dasselbe schwarz-gelbe Mieder, das auch in den Gemälden Die Musikstunde (1662-65) und Das Konzert (1665/66) zum Einsatz kam. Auch der von zwei Löwenköpfen bekrönte Stuhl und der orientalische Teppich sind wiederkehrende Requisiten in Vermeers Kompositionen.
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Selbst der nun wieder sichtbare Amor ist kein unbekannter: Er ziert, in etwas abgewandelter Darstellung, die Rückwand des Gemäldes Stehende Virginalspielerin von 1673-75. Tatsächlich sind Gemälde und Landkarten in fast jedem Werk Vermeers abgebildet. Und sogar das Thema der Briefleserin wurde von Jan Vermeer mit dem Gemälde Briefleserin in Blau (1662-64) zu einem späteren Zeitpunkt nochmals aufgegriffen.
Briefleserin in Blau und Stehende Virginalspielerin werden ebenfalls Teil der Ausstellung „Johannes Vermeer. Vom Innehalten“ sein, die vom 10. September 2021 bis zum 2. Januar 2022 in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden besucht werden kann.
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