Nach mehreren Jahrzehnten kam eine von Henri Matisse 1938 angefertigte Zeichnung im südfranzösischen Manosque wieder zutage. Nachdem die Zeichnung als Erbstück in den Besitz ihrer jetzigen Eigentümerin gelangte, die keine Ahnung hatte, mit was für einem Schatz er es zu tun hatte, wurde sie vor einem Jahr Auktionatorin Jennifer Primpied-Rolland präsentiert. Nachdem sie viele Jahre aufgerollt auf einem Schrank zugebracht hat, kommt die Zeichnung nun mit einem sechsstelligen Schätzpreis zum Aufruf.
Lesen Sie auch: Zwei zufällig gefundene Matisse-Zeichnungen wurden versteigert
Eine so schöne Zeichnung haben wir auf dem Markt schon lange nicht mehr angetroffen.
Die große Skizze (65,5 x 50,5 cm) war zunächst von Matisse selbst angeboten worden, bevor sie in den Besitz einer Nonne des Couvent des Minimes gelangte und anschließend durch Erbschaft in die Hände der jetzigen Einlieferin gelangte. Nach Meinung der Experten beruht die Seltenheit der Zeichnung auf mehreren Faktoren: Zunächst einmal wäre da die dargestellte Hélène Mercier zu nennen, Tochter des russischen Fürsten Lew Galitzin und Helena Gagarina, die in den 1930er Jahren, neben Lydia Delectorskaya, das Lieblingsmodell von Henri Matisse gewesen war. Mercier saß dem Künstler für verschiedene Arbeiten Modell, vor allem als Odaliske, darunter Femme nue drapée (1936), Robe rouge et tulipes violettes (1937) und Le collier d’ambre (1938).
Lesen Sie auch: Auf und neben der Leinwand: Künstler-Modelle und wie sie wirklich aussahen

Außerdem ist Portrait d’Hélène Mercier, née Princesse Galitzine, assise eng mit der Geschichte des Milliardärs Rockefeller verbunden, der im Jahr 1938 die Ausstattung der zwei zusätzlichen Stockwerke seines Penthouses in Manhattan, dessen Renovierung er vier Jahre zuvor in die Hände von Architekt Wallace K. Harrison gelegt hatte, mit dem gewissen Etwas abschließen wollte. Als Rahmen der beiden Kamine im Wohnzimmer schwebten Rockefeller monumentale Gemälde vor und Harrison wandte sich mit diesem Auftrag an zwei Malergiganten jener Zeit: Fernand Léger und Henri Matisse.
Lesen Sie auch: Fernand Léger: Zwischen Kubismus und Naiver Kunst
Im Oktober 1938, kurz nachdem er in seine neue Wohnung mit Atelier im Hotel Regina in Nizza umgezogen war, begann Matisse mit der Arbeit an dem Projekt. Wie immer wenn er es mit einem wichtigen Auftrag zu tun hatte, fertigte er zunächst Vorstudien an. Insgesamt ging Matisse für den Rockefeller-Auftrag von Anfang an sehr akribisch vor, sowohl was die Organisation als auch die Ausführung betraf. Jede Farbe und jedes Detail wurde genau geprüft, bevor es in dem monumentalen Leinwandwerk zum Einsatz kam.
Die endgültige Komposition bestand schließlich aus vier weiblichen Figuren, deren Körper den Kamin umrahmen. Als Modelle für die unterschiedlichen Posen rief Matisse seine beiden aktuellen Musen Lydia Delectorskaya und Hélène Galitzina zu sich. Anfang des Jahres hatten die beiden jungen Frauen bereits für ein anderes Gemälde, Le Jardin d'Hiver, gemeinsam Modell gestanden. Für seine Vorstudien nutzte Matisse verschiedene Medien, einschließlich der Malerei, wie eine Ölstudie belegt, in der lediglich drei Frauen vorkommen. Das Werk sollte ursprünglich den Namen La Poésie tragen, wurde dann jedoch in La Chant ("Der Gesang") umgetauft, in Anlehnung an die linke Figur, die eine Melodie zum Besten zu geben scheint.

Wie es bereits bei anderen großformatigen Werken zuvor der Fall gewesen war, saß Lydia Matisse nicht nur Modell, sondern half ihm auch dabei, die Skizzen aufzuhängen und die Leinwand zu säubern, da der Künstler ständig die von ihm ausgewählte Farbwahl änderte. Insgesamt nahm die Fertigstellung des Rockefeller-Auftrags einen ganzen Monat in Anspruch.
Lesen Sie auch: 8 Förderer der Pariser Avantgarde, die man kennen sollte
"Diese Zeichnung ist nicht einfach nur eine Wiederentdeckung, sondern vor allem eine von seltener Qualität. Eine so schöne Zeichnung haben wir auf dem Markt schon lange nicht mehr angetroffen", teilte uns die Expertin Agnès Sevestre-Barbé mit. Ihrer Meinung nach könnte es sich bei der in Manosque wiederentdeckten Kohlezeichnung um die erste einer Reihe von Vorstudien handeln, da sich Matisse immer zunächst mit Holzkohle einer Arbeit annäherte. "Hélène Mercier, geborene Prinzessin Galitzina, war nicht nur ein großartiges Modell, sondern berührt uns mit der Tiefe ihres inneren Blicks", fügte Sevestre-Barbé hinzu.
Die Zeichnung erschien um 1939 auch in Les Cahiers d'art, einem von Christian Zervos 1926 gegründetem Kunst- und Literaturmagazin, zusammen mit einem weiteren Porträt von Hélène Galitzine-Mercier, das einen Tag später entstanden war und bereits eine Vereinfachung der Linien aufweist.

Die Zeichnung ist von hoher Qualität und zudem signiert und datiert. Im Frühjahr 1948 war sie Teil der großen Retrospektive, die Henri Matisse im Philadelphia Museum of Art gewidmet war und nach der sie als verloren gegolten hatte. Ihre Wiederentdeckung mach sie zu einer wahren Rarität auf dem Markt.
Lesen Sie auch: Die Eremitage: Märchenpaläste für die Kunst
"Das Spannendste an diesem Abenteuer ist die Ermittlungsarbeit à la Sherlock Holmes, die wir durchgeführt haben, seit die Eigentümerin die Arbeit vor einem Jahr zu uns gebracht hat", erzählt Auktionatorin Jennifer Primpied-Rolland. "Sie hatte während der Journées Nationales de l’Expertise, die wir von der Group Ivoire organisiert hatten, von unserem Auktionshaus gehört und wollte gerne mehr über die Papierrolle wissen, die seit Jahren auf ihrem Schrank schlummerte."
Die Zeichnung wird am 26. Juni im Zuge der IVOIRE MANOSQUE mit einem Schätzpreis von 300.000-400.000 Euro von Jennifer Primpied-Rolland versteigert werden. Eine "konservative" Schätzung, wenn man bedenkt, dass eine kleinere Zeichnung von geringerer historischer Bedeutung gerade für 1,39 Millionen Euro bei Christie's versteigert wurde. Portrait d’Hélène Mercier, née Princesse Galitzine, assise ist ein geschichtsträchtiges Werk und in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, sodass es gewiss viele Sammler anlocken wird.
Weitere Neuigkeiten vom Auktionsmarkt finden Sie im Barnebys Magazin.




