Im Frühjahr 1763 drohte ein diplomatischer Supergau das gerade erst geschlossene Bündnis zwischen Russland und Preußen zu zerstören. Hatten sich die beiden Länder zu Beginn des kurz zuvor zu Ende gegangenen Siebenjährigen Kriegs noch als Feinde gegenüber gestanden, waren sie durch den Tod der Zarin Elisabeth Petrowna (1709-1761) zu Verbündeten geworden, denn Elisabeths Neffe und Thronfolger Peter (1728-1762) war ein großer Bewunderer des Preußenkönigs Friedrichs II. (1712-1786). Doch Peters III. Zeit auf dem russischen Thron währte nicht lange: Nach nur wenigen Monaten wurde er durch einen Staatsstreich seiner eigenen Frau abgesetzt, die als Katharina die Große in die Geschichte eingehen sollte. Peter wurde im Gefängnis unter nie völlig geklärten Umständen ermordet. Welche Rolle Katharina, geborene Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst (1729-1796), dabei spielte, bleibt unklar.

Das drohende Ende des jungen Bündnisses war während des Krieges durch eine fehlgeschlagene Spekulation mit russischem Getreide durch den preußischen Unternehmer Johann Ernst Gotzkowsky (1710-1775) ausgelöst worden. Friedrich II. sah nur eine einzige Möglichkeit, um die Wogen zu glätten: Gotzkowsky, der auch der Gründer der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin war, musste der frischgebackenen Zarin Gemälde aus seiner Kunstsammlung zu einem günstigen Preis verkaufen. Diese Sammlung hatte Gotzkowsky im Auftrag Friedrichs II. zusammengetragen. Aufgrund der durch den Siebenjährigen Krieg nötigen Sparmaßnahmen war sie ihm jedoch nie wie vereinbart abgekauft worden. Katharina ließ sich die Chance jedoch nicht entgehen und erwarb Werke von Meistern wie Rembrandt, Tizian, Rubens und Raffael.
Welche beiden Ölgemälde von Leonardo da Vinci Teil der Eremitage-Sammlung sind, erfahren sie hier.
Um ihren Neuerwerbungen einen angemessenen Rahmen zu geben, ließ Katharina dem Winterpalast, der Zarenresidenz in Sankt Petersburg, ein kleineres Gebäude anfügen. In diese Eremitage (aus dem Altfranzösischen für "Einsiedelei"), heute die Kleine Eremitage, zog sie sich zurück, wenn sie sich von den Staatsgeschäften erholen wollte.

Katharina hatte Blut geleckt: Sie wollte ihre Kunstsammlung erweitern, um Russlands Anschluss an das kultivierte Europa, was bereits von Peter dem Großen angestrebt worden war, zu untermauern. Sie stellte Kunstagenten ein, die sich für sie umschauen wollten. Der wichtigste unter ihnen war der Diplomat Dmitri Alexejewitsch Golizyn (1734-1803), der eine Zeitlang russischer Botschafter in Frankreich gewesen war. Dort konnte Golizyn 1772 die umfangreiche Kunstsammlung des Finanziers Louis-Antoine Crozat (1700-1770) für seine Auftraggeberin erwerben, wobei ihn Madame du Barry, die Mätresse des französischen Königs, bei einigen Stücken allerdings überboten haben soll. Weitere Coups Golizyns waren der Erwerb der Sammlung des Genfer Schriftstellers und Mäzens François Tronchin (1704-1798) sowie bereits 1768 der Kauf der Sammlung des sächsischen Staatsmanns Heinrich von Brühl (1700-1763). Die Brühlsche Sammlung zählte zu den bedeutendsten in Europa. Rund 1.000 Gemälde stießen dadurch zu Katharinas Sammlung hinzu, die hauptsächlich Werke italiensicher und mitteleuropäischer Künstler umfasst. Auch Katharinas Botschafter in London machte sich verdient und erwarb 1779 die Sammlung des ehemaligen englischen Premierministers Robert Walpole (1676-1745).

Für die gewaltig angewachsene Sammlung reichte der Platz in der Kleinen Eremitage nicht mehr aus. Katharina ließ anbauen, wodurch in den 1780er Jahren das Eremitage-Theater und die Große Eremitage (heute Alte Eremitage) entstanden. In dieser Zeit wurde mit dem Erwerb der Sammlung von John Lyde-Browne (†1787), dem Direktor der Bank of England, der Grundstock für die Antikensammlung angelegt.

Auch nach Katharinas Tod im Jahr 1796, die Sammlung umfasste zu diesem Zeitpunkt rund 4.000 Gemälde, ging die Sammelleidenschaft der Zaren weiter. Man blickte nun jedoch nicht mehr nur ins Ausland, sondern begann auch russische Kunst zu erwerben. Auch kam die Sammlung von Joséphine de Beauharnais (1763-1814), Napoleons erster Gemahlin, hinzu. Wieder war ein Anbau nötig: Die Neue Eremitage, für die Zar Nikolaus I. (1796-1855) den bayerischen Hofbaumeister Leo von Klenze (1784-1864), dessen klassizistische Bauwerke auch heute noch das Stadtbild von München prägen, nach Sankt Petersburg holte. Diese 1852 fertiggestellte Gebäude war dann auch das erste des Eremitage-Komplexes, das als Museum öffentlich zugänglich wurde.

1917 machte die Oktoberrevolution die Eremitage zu einem staatlichen Museum. Enteignete Kunstwerke der geflohenen Adelsfamilien fanden nun ebenfalls ihren Weg in die prachtvollen Räumlichkeiten an der Newa und die Eremitage entwickelte sich zu einem öffentlichen Zentrum für Kunst und Kultur. Doch die Zeiten blieben nicht so rosig: 1927 musste die Eremitage hunderte Bilder an das Puschkin-Museum in Moskau abtreten, dann wurden fast 3.000 weitere für die Sanierung der Staatsfinanzen ins Ausland verkauft, einige davon sind heute in anderen bedeutenden Museen ausgestellt.

Zu einer Unterbrechung der Ausstellungstätigkeit kam es während des Zweiten Weltkriegs, als Sankt Petersburg (oder vielmehr Leningrad, wie es damals hieß) von der Wehrmacht angegriffen und besetzt wurde. Die Kunstwerke der Eremitage wurden in den Kellergewölben des Gebäudekomplexes untergebracht oder aus der Stadt fortgebracht. Doch schon gleich nach Ende der Besatzung blickte man wieder nach vorn und zeigte eine erste Ausstellung im November 1944. Ein Jahr später wurde das gesamte Museum – inklusive Beutekunst – wiedereröffnet.
1948 kam es zu weiteren bedeutenden Neuzugängen zur Sammlung: 316 Werke aus dem Museum der Neuen Westlichen Kunst in Moskau. Dessen Sammlung setzte sich wiederum aus den Sammlungen der Textilfabrikanten Sergei Iwanowitsch Schtschukin (1854-1936) und Iwan Abramowitsch Morosow (1871-1921) zusammen, die die Meister der französischen Avantgarde des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts umfassten: Cézanne, Picasso, Matisse, Monet, Bonnard – um nur einige zu nennen.

1981 kam es nochmals zu einer Erweiterung der Ausstellungsfläche der Eremitage: Das Menschikow-Palais, das vom ersten Generalgouverneur von Sankt Petersburg, Alexander Danilowitsch Menschikow (1673-1729), in den 1710er Jahren in der noch jungen Stadt Sankt Petersburg errichtet worden war, und nun eine Ausstellung zu dieser Epoche zeigt.
Obwohl die Eremitage bereits seit fast 150 Jahren ein Museum von Weltrang war, erhielt es von Seiten des Westens erst 1990 nach dem Ende der Sowjetunion die Aufmerksamkeit, die sie verdient und zählt heute zu den wichtigsten Touristenzielen in Sankt Petersburg. Wer sich jedoch die Zeit nehmen möchte, sich wirklich alle der 3 Millionen Kunstwerke der Eremitage anzusehen, der sollte bequeme Schuhe anziehen, denn die Strecke, die man dafür zurück legen müsste, beträgt 24 Kilometer – von dem langen Warten in der Besucherschlange ganz zu schweigen.

Doch es lohnt sich, denn hier ist wirklich für jeden etwas dabei: Archäologische Schätze und Russische Kunst, Gemälde Alter Meister und der Avantgarde der Moderne sowie eine umfangreiche Grafiksammlung und vielfältiges Kunsthandwerk und Skulpturen.
Die Eremitage ist mittlerweile Teil der internationalen Museumsszene und präsentiert neben seinen eignen Stücken auch regelmäßig hervorragende Ausstellungen, wie die Prado-Ausstellung und die Ausstellung von Antiken aus dem 79 n. Chr. vom Vesuv verschluckten Herculaneum im Jahr 2011.
Zu den jüngsten Erwerbungen der Eremitage gehört das Porzellanservice, das die Sammlungsgründerin Katharina II. dem englischen Arzt Thomas Dimsdale (1712-1800) 1768 geschenkt hatte – eine Geste des Dankes, nachdem er sie und ihren Sohn Paul erfolgreich mit einer der damals neuen Pockenimpfungen behandelt hatte.
Weitere Artikel über Kunst und Auktionen finden Sie im Barnebys Magazin!




