Vintage-Gepäck ist das Symbol eines luxuriösen Zeitalters, einer anderen Welt.
Im Herbst 190, als sie von einem privaten Besuch bei ihrem Vater in Dänemark zurückkehrte, wurde das Gepäck der englischen Königin Alexandra an der belgischen Grenze von Zollbeamten festgehalten. Ihr speziell ausgewiesener „Gepäckzug“, der dem großen Royal Train folgte, transportierte neunundzwanzig „große“ Koffer. Nach modernen Maßstäben mag dies übertrieben wirken, doch war das Reisen mit so viel Gepäck für die reiche Oberschicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht ungewöhnlich.

„Vintage-Gepäck ist das Symbol eines luxuriösen Zeitalters, einer anderen Welt“, sagt Tim Bent, einer der führenden Händler für antikes und Vintage Louis Vuitton, „und das macht einen großen Teil seiner Attraktivität aus. Tims Geschäft Bentleys in der Lower Sloane Street in London bietet eine anspruchsvolle Auswahl an antiken und Vintage-Gepäckstücken, darunter Kabinen-, Übersee- und Garderobenkoffer, Hutschachteln aus Pergament sowie edle Koffer aus Leder und Krokodilhaut, von denen viele von den führenden französischen und englischen Herstellern jener Zeit stammen: Louis Vuitton, Goyard, Paul Romand, Au Départ, Finnigan’s, Asprey und Drew & Sons vom Piccadilly.
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Vintage-Gepäck ist auch bei Innenarchitekten beliebt. „Sie verleihen einem Raum Romantik“, sagt Bent. Überseekoffer dienen oft als dekorative Elemente am Fußende eines Bettes und seltenes antikes Reisegepäck wird von anspruchsvollen Kennern eifrig gesammelt. Das obere Ende des Marktes ist hart umkämpft mit Preisen für die älteren Stücke im Bereich von mehreren Tausend Pfund.

Was die kommerzielle Kreativität angeht, ist es von allen namhaften Gepäckherstellern vor allem Louis Vuitton, der den anderen haushoch überlegen ist. Der gleichnamige Gründer des Hauses erblickte 1821 in der Franche-Comté in bescheidenden Verhältnissen das Licht der Welt. Im zarten Alter von dreizehn Jahren machte er sich zu Fuß auf den Weg nach Paris – eine legendäre Reise, die zwei Jahre dauerte. Nach seiner Lehre beim führenden Kistenhersteller Monsieur Marachel, war Vuitton 1853 offizieller Koffermacher, der Aufträge für die führenden Modehäuser und Kaiserin Eugenie, Gemahlin Napoleons III., ausführte.
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Das 19. Jahrhundert war eine Ära der Gepäckinnovation und 1858 führte Louis Vuitton Überseekoffer mit flachem Deckel ein. Durch das neue Design konnten Koffer effizienter gestapelt werden. Früher waren Reisetruhen mit gerundeten Deckeln, von denen das Regenwasser abfließen konnte, üblich gewesen. Inspiriert von Harriet Cave of London (H.J. Cave), dem offiziellen Kofferlieferanten der britischen Königsfamilie, stattete Vuitton seine Koffer mit einem wasserdichten Baumwoll-Canvas aus, der langlebig und praktisch, aber dennoch exquisit verarbeitet war.

1872 brachte Vuitton eine neue Linie mit einem Design aus roten Streifen auf beigem Grund auf den Markt, 1889 folgte der Damier-Canvas (heute das seltenste der Louis-Vuitton-Muster, bestehen aus dezent-braunen Karos), entworfen von seinem Sohn Georges. Louis Vuitton war in vielerlei Hinsicht ein Marketinggenie, einer der ersten Einzelhändler, der eine erkennbare „Marke“ kreierte, und die Welt der Luxusgüter folgte seinem Beispiel. Vuittons besondere Fähigkeit war es, einem neuen Kunden ein Standardmodell zu verkaufen und ihn dann zu überreden, später für ein benutzerdefiniertes Upgrade zurückzukehren. Eine maßgeschneiderte Verkleidung oder zusätzliche Messinghalterungen waren gegen Aufpreis erhältlich. In den 1890er Jahren, nach vielen Jahren der Forschung, kam das innovative „einbruchsichere“ Schloss auf den Markt, bei dem jeder Käufer einen individuell nummerierten Schlüssel erhielt. 1905, bei einem großartigen Beispiel kommerzieller Eigenwerbung, beauftragte Vuitton den Illusionisten Harry Houdini, sich live auf der Bühne des Alhambra in London aus einem Louis Vuitton-Koffer zu befreien. Die Sporting Times berichtete: „Der kleine Mann, der sich von jeder Art Handschellen zu befreien weiß, hatte in zwanzig Minuten den Weg aus der Truhe gefunden.“

Nachahmer wurden bald zu einem Problem für die Vuittons. Das berühmte LV-Monogramm, das, mit japanisch inspirierten Blumen verziert, von Hand direkt auf den Canvas gemalt wurde, wurde 1896 von Georges Vuitton erfunden, um Fälschungen zu vereiteln. Heute ist es eines der bekanntesten Markenlogos der Welt.
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1954 stellte Louis Vuitton die Canvas-Produktion auf mit Polyvinylchlorid (PVC) ausgekleidete Baumwolle um. „Vuitton aus der Nachkriegszeit meide ich“, sagt Simon Khachadourian von der Pullman Gallery, „da die Lackierung keine wünschenswerte Patina auf der Oberfläche zulässt.“ Louis Vuitton produzierte auch verlockende Neuheiten, die von der eigenen Luxusgepäckserie inspiriert waren. The Pullman Gallery ist im Besitz einer seltenen Miniaturversion des klassischen Louis Vuitton-Reisekoffers. Bezogen mit einem von Hand schabloniertem Papier-„Canvas“ mit LV-Monogramm, ist das Innere mit marmoriertem Papier ausgekleidet. Ein Herr könnte darin seiner Liebsten Blumen überreichen. Natürlich wäre auch eine Umfunktionierung als Schmuckkästchen oder Zigarettenetui möglich. Aus verständlichen Gründen haben nur wenige dieser Schachteln in gutem Zustand bis heute überlebt, weshalb für die seltenen Stücke Galeriepreise aufgerufen werden, die die 20.000 Pfund-Marke übersteigen können.

Für Sammler, die Wert auf Diskretion legen, ist Goyard eine dezentere Alternative zu Louis Vuitton. Goyard wurde 1853 in Paris gegründet, die Wurzeln des Unternehmens reichen allerdings bis ins späte 18. Jahrhundert zurück. Zu den frühere Liebhabern und Liebhaberinnen der Marke zählen die Königinnen von Jugoslawien und Griechenland, Catherine Deneuve und Romy Schneider sowie der Maharadscha von Kapurthala.

Die „Goyardine“, eine beschichtete Leinwand mit Chevron-Muster aus Hanf, Leinen und Baumwolle, wurde erstmals auf der Weltausstellung von 1900 präsentiert und ist nach wie vor nahezu fälschungssicher. Im Gegensatz zu Louis Vuitton ist Goyard noch immer für eine gewisse Geheimhaltung seiner Produktion bekannt und die Geschichte des Goyard-Chevron-Musters bleibt bis zu einem gewissen Grad ein Rätsel. Bei Christie’s London erzielte 2019 ein Goyardine-Canvas-Wäsche-Koffer aus den 1920er Jahren 12.500 GBP (Schätzpreis 10.000-12.000 GBP). Bei Bentleys kann man einen außergewöhnlichen maßgeschneiderten Überseekoffer aus Leder von Goyard (ca. 1910) für 25.000 GBP erstehen. Die Qualität und Schönheit sind einfach unübertroffen.

Ein weiterer angesehener Kofferhersteller, Moynat aus Paris, wurde mit dem Automobil in Verbindung gebracht, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Reichen vorbehalten war. 1907 umfasste ihr „Automobilgepäck“ auch ein praktisches und dennoch elegantes Design für einen Koffer, in dem ein Ersatzrad samt Reifen aufbewahrt wurden. Damals verfügten die innovativen „Limousinen“-Koffer von Moyat über einen speziell entwickelten konkaven Boden, der damit die perfekte Passform zum Transport auf dem Dach eines Autos besaß.
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„Französisches Reisegepäck ist stylisch und chic, was seine Popularität erklärt“, schwärmt Simon Khachadourian. „Englisches Gepäck wurde jedoch nach den höchsten Standards konstruiert und ist meist von bester Qualität“, stimmt Tim Bent zu. Das mag auch der Grund sein, weshalb englisches Gepäck aus der Vorkriegszeit im Vergleich zu französischen Luxusmarken wie Louis Vuitton, Goyard, Moynat und Aux Etats-Unis relativ unterbewertet sind. „Englisches Gepäck ist dezenter, mit einer weniger offensichtlichen Marke… Es ist das komplette Gegenteil der Wegwerfgesellschaft von heute“, sagt Bent.

Alte Etiketten tragen zur Romantik bei und können den Wert steigern. Eine Reihe von Etiketten, die von einer mehrmonatigen Reise stammen, können „Einblick in eine bestimmte Reise bieten… die Geschichte einer bestimmten Reise durch Europa erzählen; zu einer Zeit, als das Reisen noch mehr Freude bereitet hat“. Doch mit der Einführung des Verkehrsflugzeugs in den 1950er Jahren wurden die großen Übersee- und Kabinenkoffer aus den Tagen der großen Ozeandampfer obsolet. Das Gepäck des späten 20. Jahrhunderts wurde für einen anderen Zweck hergestellt: Massenware, die leichter, aber robust genug ist, um den drucklosen Laderaum eines Flugzeugs zu überstehen. Auch den automatisierten Förderbandsystemen der internationalen Flughäfen muss modernes Reisegepäck standhalten können. Nachkriegskoffer sind in der Regel leichter und haben eine „harte Schale“ mit abgerundeten, stromlinienförmigen Kanten. Gepäckstücke von Samsonite aus den 1950er, 60er und 70er Jahren ist relativ erschwinglich, darunter das stylische Samsonite Vanity Case, das in der Regel für unter 100 GBP zu haben ist.

Wie bei jeder anderen Antiquität ist es auch für angehende Sammler von antikem und Vintage-Gepäck ratsam, bei einem angesehen Händler oder einem Auktionshaus mit einem sachkundigen Spezialisten zu kaufen. Authentizität und Zustand sind wichtig. Fälschungen sind jedoch selten, wenn nicht sogar völlig unbekannt. Bent und Khachadourian sind sich einige: Vintage-Gepäck ist schwer und teuer zu fälschen und würde auch schnell als Fälschung entlarvt werden. Das genaue Gegenteil der modernen Louis Vuitton-Handtasche.“ Und „um die Qualität antiker Gepäckstücke heute zu reproduzieren, müsste man Maßanfertigungen schaffen“.

Provenienz kann einen erheblichen Mehrwert schaffen. 1997 umfasste die berühmte Versteigerung der "Private and Public Collections of TRH the Duke and Duchess of Windsor“ bei Sotheby’s auch die Sammlung von Goyard-Koffern des ehemaligen Königs, darunter eine Hemdentasche und eine Schuhschachtel, einen Aktenkoffer aus hellbraunem Leder aus den 1950er Jahren von Davies of London und eine Gladstone-Tasche von T. Anthony aus New York. Eine Überseetruhe von Louis Vuitton aus der Sammlung von Douglas Fairbanks Jr. erzielte 2011 bei Doyle’s New York 5.937 USD (inkl. Aufgeld), während in der derselben Auktion eine doppelseitige schwarze Lederaktentasche von Dunhill mit Monogramm, an der noch ein Concorde-Etikett von British Airways angebracht war, für 687 USD (inkl. Aufgeld) den Besitzer wechselte. In jüngerer Zeit brachten drei Hermès Fleche D’Or-Koffer aus Krokodilleder aus dem Besitz von Yves Saint Laurent 29.000 Euro ein, obwohl sie zuvor auf nur 4.000-6.000 Euro geschätzt worden waren.
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