Jeder Kuss ist ein Erdbeben.
Das Gefühl der Liebe fasziniert seit jeher und taucht in all seinen Formen in der Kunstgeschichte auf. Ob es sich um einen Flirt, eine ernste Emotion, einen intimen Moment oder eine leidenschaftliche Umarmung handelt, jede Darstellung eines Kusses lässt uns in eine vergangene Epoche eintauchen und enthüllt ein wenig mehr über die damaligen Sitten oder die Vision eines Künstlers. Zudem erinnern uns die Gemälde daran, wie lange sich die Menschheit schon mit Küssen beschäftigt.
Giotto, Begegnung an der Goldenen Pforte, 1303-05

In diesem Fresco präsentiert der Florentiner Maler, Bildhauer und Architekt des Trecento Giotto di Bondone (um 1267-1337) einen frühen Kuss der Kunstgeschichte. Jahrhunderte bevor Liebesbekundungen in der Malerei alltäglich wurden, zeigt Giotto Marias Eltern, Joachim und Anna, in der zärtlichsten Umarmung. Wie in einigen apokryphen Schriften zu lesen ist, war das Paar auch nach 20 Jahren Ehe noch immer kinderlos, doch während einer Reise in die Wüste begegnete Joachim einem Engel, der ihm die Ankunft seiner Tochter Maria verkündete. Die Szene des Freskos in der Cappella degli Scrovegni in Padua, zeigt das wiedervereinte und sich küssende Paar, welches feststellt, dass Anna auf wundersame Weise guter Hoffnung ist.
Jean-Honoré Fragonard, Der gestohlene Kuss, um 1780

Der französische Maler Jean-Honoré Fragonard (1732-1806) war das Kind einer recht frivolen Epoche. Doch auch im Zeitalter des sinnenfrohen Rokokos gab es Regeln, die selbstverständlich hauptsächlich für das weibliche Geschlecht galten. Da die Ehen in der Regel Zweckbündnisse waren, kam es oft zu außerehelichen Eskapaden. War der Ehemann tolerant, durfte sich auch eine Frau (sehr diskret) einen Liebhaber suchen, zumindest nachdem sie für einen Erben gesorgt hatte. Amouröse Abenteuer vor der Ehe waren Mädchen generell verboten. Eine heimliche Begegnung dieser Art hat Fragonard in Der gestohlene Kuss festgehalten.
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Francesco Hayez, Der Kuss, 1859

Auch Francesco Hayez (1791-1882), ein italienischer Maler der Romantik, präsentiert uns seine Vision eines leidenschaftlichen Kusses, aber in einem ganz anderen Stil. Der Kuss von 1859 gilt als Manifest der romantischen Kunst in Italien. Die Szene spielt in einer mittelalterlichen Umgebung, das Paar steht im Mittelpunkt der Komposition und ist ganz in sich selbst versunken. Im dunklen Torbogen am linken Bildrand ist schemenhaft eine weitere Person zu erkennen, bei der es sich bei näherer Betrachtung um eine Frau mit Haube handelt, die sich von dem Liebesglück abwendet. Vielleicht ist es eine Begleiterin der Protagonistin, die "Schmiere steht"?
Edvard Munch, Der Kuss am Fenster, 1892

Der Kuss am Fenster ist Teil von Edvard Munchs (1863-1944) Zyklus Der Fries des Lebens, an dem er über dreißig Jahre lang gearbeitet hat, um die Phasen einer Beziehung zwischen Mann und Frau darzustellen. Die Gesichter der beiden Liebenden sind fast nicht zu erkennen und die Umarmung nimmt nur einen kleinen Teil des Bildes ein. Vielmehr ist das Paar an den Rand des Gemäldes gedrängt, wodurch es dem Betrachter möglich ist, den Blick schweifen zu lassen, um die Nachtansicht zu genießen. Keine Zärtlichkeit geht von der Szene aus, die Umarmung ist sinnlich, aber freudlos und bezieht sich wahrscheinlich auf die Gefühle und die persönliche Geschichte des Künstlers.
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Henri de Toulouse-Lautrec, Im Bett: Der Kuss, 1892/93

Wenn es einen Künstler gibt, der mit seinem Werk das Leben der Pariser Bohème dokumentierte, dann ist es Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901). Bekannt als der Maler, der das Nachtleben der französischen Hauptstadt festhielt, zeichnete er sich auch als Schöpfer einiger der schönsten Plakate jener Epoche aus. In dieser liebevollen Umarmung offenbart er uns die Leidenschaft der weiblichen Liebe. Für Im Bett: Der Kuss saßen zwei Prostituierte Modell. Den Maler und die Damen des halbseidenen Gewerbes verband eine vertrauensvolle Beziehung, die auf gegenseitiger Achtung beruhte. Henri de Toulouse-Lautrec produzierte eine Reihe von Arbeiten zum Thema der gleichgeschlechtlichen Beziehungen zwischen diesen Frauen, die deren emotionale und die intime Ebene untersuchten.
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Gustav Klimt, Der Kuss, 1908/09

Kommen wir nun auf das wohl bekannteste Kuss-Bild der Kunstgeschichte zu sprechen, Der Kuss von Kusstav – pardon – Gustav Klimt (1862-1918). Entstanden 1908/09 in der Blütezeit des Malers, seiner "Goldenen Phase", ist das Gemälde eine wahre Hymne an die romantische Liebesidylle. Vor einem unbestimmten Hintergrund kniet ein Liebespaar, eingehüllt in eine Art goldenen Kokon und ganz versunken in seine innige Umarmung, auf einer Blumenwiese. Auch wenn es keine stichhaltigen Beweise dafür gibt, wird immer wieder vermutet, dass Klimt sich hier gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Emilie Flöge dargestellt hat. Der Kuss auf der Kunstschau Wien 1908 vom K.K. Ministerium für Cultus und Unterricht erworben und wird seitdem im Oberen Belvedere ausgestellt.
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Der Kuss hat längst seinen festen Platz im Kanon der Kunst gefunden, sei es in der Malerei, Bildhauerei oder auch Performance, bewegt die Gemüter und berührt unsere Herzen. In diesem Sinne möchten wir diesen Artikel mit den Worten Lord Byrons abschließen, der einmal bemerkte: "Jeder Kuss ist ein Erdbeben".



