Ein guter Modedesigner muss ein Architekt für Muster, ein Bildhauer für Formen, ein Maler für Designs, ein Musiker für Harmonie und ein Philosoph für Passformen sein.
Cristóbal Balenciaga (1895-1972) gilt weithin als einer der größten Modedesigner. Aufgrund der einhelligen Anerkennung erhielt er die Spitznamen „maître“ und sogar „couturier des couturiers“. Seine Karriere begann er bei seiner Mutter, die ihr Know-how an ihn weitergab. Im Alter von zwölf Jahren erregte er die Aufmerksamkeit der Marquise de Casa Torres, die ihm aufgrund seines außergewöhnlichen Talents die Reproduktion eines ihrer Kleider anvertraute. Sie ermutigte ihn, sich dem Nähen zu widmen und weckte zudem sein Interesse für die Kunst. Zu den Gemälden, die der junge Mann im Haus der Marquise bewundert haben soll, gehörten Velázquez‘ Porträt eines Apostels, El Grecos Heiliger Sebastian und das Porträt des Kardinals Luis María de Borbón y Vallabriga von Goya.
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Cristóbal Balenciaga gab zu, dass er sich von diesen Künstlern inspirieren ließ und viele Parallelen gezogen werden können, wenn man die formaleren Kriterien betrachtet, von der Wahl der Schnitte bis zu den verwendeten Materialien. Tatsächlich ließ sich Balenciaga bei der Gestaltung seiner skulpturalen Kreationen ständig vom reichen spanischen Modeerbe inspirieren, sei es der düstere Stil des 16. Jahrhunderts oder die regionalen Volkstrachten. Davon zeugen nicht zuletzt die Stücke aus seiner persönlichen Sammlung.

Die Assoziationen zwischen Malerei und Mode manifestierten sich auch in Farben und Ornamenten und erzeugten eine Resonanz zwischen der Verwendung von Schwarz, floralen Mustern und Stickereien in beiden künstlerischen Bereichen. Balenciaga war auch ein gläubiger Katholik und in seinen Entwürfen finden sich viele Anspielungen.
Besonders bewunderte er die Malerei von El Greco, dem Vater der Spanischen Schule des 16. Jahrhunderts, der für seine extravaganten religiösen Darstellungen und seine Porträts bekannt war. Dies wird bei diesem Kleid aus Seidenkrepp deutlich, dessen extravagante Kapuze an die großen Kragen erinnert, die zu Zeiten El Grecos in Mode waren. Sein enormes Volumen verdankt das außergewöhnliche Kleidungsstück aber auch dem Einfluss verschiedener religiöser Ikonen.
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Obwohl seine Karriere weitgehend vor dem Zweiten Weltkrieg begann, revolutionierte er in den 1950er Jahren die weibliche Silhouette grundlegend und entwickelte sie in den frühen 1960er Jahren zu ihrem Höhepunkt. Sein klassischer und dennoch raffinierter Stil bescherte ihm eine treue Kundschaft, darunter auch die königliche Familie Familien aus Spanien, Belgien, Marokko und dem Vereinigten Königreich.Viele Modedesigner spürten seinen Einfluss, darunter Oscar de la Renta, André Courrèges (der in seinem Atelier arbeitete), Emanuel Ungaro und Hubert de Givenchy.
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Die Werke spanischer Hofmaler ähneln den Entwürfen des Designers vor allem in der Verwendung von Schwarz, das am Hofe Philipps II. ein Symbol für Macht und Eleganz war. Die Stickereien und Muster auf den Stoffen erinnern an Stillleben, aber auch an Porträts spanischer Damen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Goya beeinflusste die Vorstellungskraft und Bildsprache von Balenciaga sowohl ästhetisch als auch chromatisch entscheidend; so spricht man auch von einem „goyesken“ Stil des Couturiers.
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Doch nicht nur Goya oder El Greco, auch Gemälde aus dem 19. und 20. Jahrhundert spielten in Balencigas Schaffensprozess eine wichtige Rolle und Darstellungen des Alltagslebens und der modernen spanischen Kultur wurden in seine Entwürfe integriert. Diese besondere kulturelle Identität findet sich stark in der spanischen Malerei des 20. Jahrhunderts und in den Werken zeitgenössischer Maler wie dem baskischen Künstler Ignacio Zuloaga, der zu Balenciagas Bekanntenkreis gehörte.
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Das trägerlose Abendkleid einer eleganten Frau oder das lässige Outfit für zu Hause (siehe Titelbild) sind in Zuloagas Gemälde sichtbare Elemente, die Balenciaga selbst in sein Werk übertragen hat. Besonders spektakulär ist das voluminöse grüne trägerlose Abendkleid (siehe untern), ähnlich dem, das Prinzessin Sveva Colonna in Zuloagas Porträt trägt. Es erinnert auch an die Hoftrachten, die wir auf Velázquez' Porträts des 17. Jahrhunderts bewundern können.
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Balenciaga ist ein faszinierendes Rätsel in der Modewelt. Anders als Modehäuser wie Dior oder Chanel ist Balenciaga nicht mit einer bestimmten Epoche oder einem unverwechselbaren Stil verbunden. Cristóbal Balenciaga vermied Interviews und öffentliche Auftritte und wahrte seine Privatsphäre. Auch weigerte er sich, sich auf Werbung oder Kooperationen einzulassen, sondern konzentrierte sich lieber auf Schnitt und Design seiner Schöpfungen, wie ein echter Künstler.
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1968 ging Cristóbal Balenciaga, der vier Jahre später starb, in den Ruhestand. Heute gehört die Marke Balenciaga zur französischen Holdinggesellschaft Kering. Doch bleibt das Haus weiterhin von spanischer Folklore und Malerei inspiriert, wie dieses Kleid aus der Damenkollektion Frühjahr/Sommer 2022 uns eindrucksvoll vor Augen führt.
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Aktualisierte Version eines Artikels vom 1. Juli 2019



