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Magazin/Kunst/Die provokative Kunst und der mysteriöse Tod der Ana Mendieta

Die provokative Kunst und der mysteriöse Tod der Ana Mendieta

Ana Mendieta verschrieb sich mit Leib und Seele der Kunst, bis sie bei einem mysteriösen Sturz aus dem Fenster mitten aus dem Leben gerissen wurde.

13. Oktober 2020Alice Invernizzi
Ana Mendieta, Untitled (Facial Hair Transplants), 1972. Foto © The Estate of Ana Mendieta LLC, Courtesy Galerie Lelong & Co (Detail)

Ana Mendieta, Untitled (Facial Hair Transplants), 1972. Foto © The Estate of Ana Mendieta LLC, Courtesy Galerie Lelong & Co (Detail)

8. September 1985: Die 36 Jahre alte Performancekünstlerin Ana Mendieta fällt aus einem Fenster im 34. Stockwerk eines Hochhauses in Greenwich Village, in dem sie mit ihrem Mann Carl Andre lebt. Andre, ein bekannter Maler und Bildhauer des Minimalismus, wählt den Notruf und sagt später über diesen Abend: "Meine Frau ist Künstlerin und ich bin Künstler, und wir hatten eine Auseinandersetzung über die Tatsache, dass ich, äh, in der Öffentlichkeit präsenter war als sie. Sie ging ins Schlafzimmer, ich ging hinterher und sie sprang aus dem Fenster." (The New York Times vom 13. Februar 2015)

Ana Mendieta, Untitled (Self-Portrait with Blood). Foto © The Estate of Ana Mendieta LLC, Courtesy Galerie Lelong & Co

Carl Andre, der sofort verhaftet worden war, wurde bei dem folgenden Prozess wegen "berechtigter Zweifel" freigesprochen. Das Gericht stufte Anas Tod als Unfall oder Selbstmord ein, obwohl sie und ihr Mann an jenem Abend viel getrunken hatten und Zeugen aussagten, sie hätten kurz vor Mendietas Tod eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen den beiden mit angehört. Viele hielten die Selbstmordthese für unwahrscheinlich: Mendieta sei in jener Phase ihres Lebens glücklich gewesen. Andere wiederum meinten, Andre wäre einfach nicht fähig, seiner Frau irgendetwas anzutun.

Der amerikanische Minimalist Carl Andre (Mitte) mit seinem Werk "Equivalent VIII" aus 120 Ziegelsteinen in der Whitechapel Gallery in London, 1978. Foto von Jeff Baynes / Chris Morphet / Getty Images

Wo ist Ana Mendieta?

Die merkwürdigen Umstände rund um den tragischen Tod der gebürtigen Kubanerin beschäftigen die Nachwelt nun schon seit Jahrzehnten und inspirierten einige Aktivisten zu einer Bewegung, die das Gedenken an die Künstlerin lebendig hält. "WHEREISANAMENDIETA" ("Wo ist Ana Mendieta") ist ein "internationales Kollektiv von Menschen, die gegen die Gleichgültigkeit kultureller Institutionen gegenüber Frauen/Women of Color/ethnischen Minderheiten/trans/unterdrückten und marginalisierten Gruppen kämpfen". Ziel ist es vor allem, Mendietas Tod mit Ausstellungen und Veranstaltungen zu beleuchten, die ihr gewidmet sind oder dem Künstlerkreis, dem sie angehört hatte.

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Protestaktion von WHEREISANAMENDIETA. Foto via Facebook (@Whereisanamendieta)

„Wir prangern die Welt der rassistischen und patriarchalischen Kunst an, die gegen sie gearbeitet hat, um ihren Mörder zu unterstützen. Andre ist nur ein Mann auf einer endlosen Liste von Namen von Männern, deren gewalttätige Vergangenheit systematisch durch ihren Status und ihre Privilegien überdeckt wird und die weiterhin gefeiert werden, während die Stimmen und Vermächtnisse ihrer Opfer systematisch zum Schweigen gebracht werden." – Aus Activism // The Art World is Complicit: An Interview with WHEREISANAMENDIETA - Berlinartlink.com

Während des Gerichtsverfahrens gegen Andre beteiligten sich mehrere Persönlichkeiten aus der Kunstwelt an seiner Verteidigung. Frank Stella bezahlte die Kaution in Höhe von 50.000 US-Dollar für seinen Freund, der seine vielversprechende und profitable Karriere 1988, dem Jahr seines Freispruchs, fortsetzen konnte. Während des Prozesses wurde Ana Mendietas Kunst als "Beweis" für ihre angebliche geistige Instabilität verwendet. Einige Menschen aus ihrer Umgebung äußerten sich über die Verleumdungskampagne, die sie wie eine "verrückte Kubanerin" aussehen lassen sollte.

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Ana Mendieta, Untitled (Facial Hair Transplants), 1972. Foto © The Estate of Ana Mendieta LLC, Courtesy Galerie Lelong & Co

Ana Mendietas Geschichte beginnt in den frühen 1960er Jahren auf Kuba. Damals wurden 14.000 kubanische Kinder von Pan Am nach Florida geflogen. Diese Operation Peter Pan genannte Mission war ein Versuch der Vereinigten Staaten, Kubas gesellschaftliche Struktur zu destabilisieren, indem man sich auf das konzentrierte, das jeder Familie am wichtigsten war: ihre Kinder.

Aufgrund des Versprechens, dass die Familien wieder zusammengeführt werden würden, der Verbreitung falscher Informationen und der Angst vor der neuen Castro-Regierung, schickten kubanische Eltern ihre Kinder mit Hilfe der Vereinigten Staaten und katholischer Wohltätigkeitsorganisationen nach Amerika. Eines dieser Kinder war die 12-jährige Ana Mendieta, die 1961 von ihrem Vater, der an der Schweinebucht-Invasion beteiligt gewesen war, zusammen mit ihrer Schwester Raquélin diese Reise antrat. Nach kurzen Aufenthalten in einem Aufnahmezentrum und bei verschiedenen Pflegefamilien, kamen die Schwestern nach Iowa, wo sie 1966 mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zusammengeführt wurden. Der Vater, der bis 1979 wegen seiner Untreue gegenüber Castro inhaftiert war, starb kurz nach seiner Ankunft in den USA.

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Ana Mendieta, Silueta Works in Iowa. Foto © The Estate of Ana Mendieta LLC, Courtesy Galerie Lelong

Das Thema Zugehörigkeit, Bindungen und Entwurzelung ist in Mendietas Werk sehr präsent, deren Schaffen als kontinuierlicher Dialog zwischen Land Art und Body Art, oft als "Erdkörper" bezeichnet, umrissen wird. Ihr visuelles Lexikon besteht aus den Elementen der Natur – Erde, Feuer, Luft, Wasser – und der Verwendung ihres Körpers für die Erforschung der Welt, auf der Suche nach einer Verbindung mit dem Universum.

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Ana begann sich an der Universität von Iowa der Kunst zu nähern und schloss ihr Studium der Malerei 1972 mit einem Master ab, ein weiterer Master-Abschluss folgte 1977 auf dem Gebiet der Intermedialität. Ihr Mentor war der deutschstämmige Künstler und Akademiker Hans Breder, der sie dazu brachte, den Begriff der interdisziplinären Praxis mit Bezug zu Künstlern wie Marcel Duchamp und Yves Klein für sich zu entdecken. Schon im College wurde Mendieta mit Diskriminierung konfrontiert, weshalb sie sich mit den Themen Gewalt und Blut auseinanderzusetzen begann. Nachdem die Studentin Sarah Ottens auf dem Campus vergewaltigt und ermordet worden war, lud Mendieta 1973 zu der Performance Rape Scene in ihre Wohnung ein, bei der sie sich mit Blut bedeckte und an den Tisch binden ließ.

Ana Mendieta, Untitled, Schwarzweiß-Fotografie auf Panel | Foto © The Estate of Ana Mendieta LLC, Courtesy Galerie Lelong & Co

Während einer Reise nach Mexiko Mitte der siebziger Jahre schuf Ana mit den Siluetas Arbeiten, bei denen ihr Körper einen Abdruck im Boden hinterließ, den sie dann mit Steinen, Blättern, Blumen und Hölzern dekorierte und manchmal mit roter Farbe füllte. Sie schrieb: "Meine Kunst basiert auf dem Glauben, dass es eine universelle Energie gibt, die alles durchläuft, vom Insekt zum Menschen, vom Menschen zur Seele, von der Seele zur Pflanze, von der Pflanze zur Galaxie."

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1978 kam sie nach New York. Sie freundete sich mit den großen feministischen Künstlerinnen jener Zeit an und wurde Teil der Artists in Residence Inc (A.I.R. Gallery), der ersten amerikanischen Kunstgalerie, die ausschließlich Frauen gewidmet war. Zwei Jahre später beendete sie ihre Zusammenarbeit mit A.I.R. mit den Worten: "Der amerikanische Feminismus, wie er jetzt ist, ist ausschließlich den Weißen der Mittelklasse vorbehalten." Von da an bestand ihre Arbeit darin, diese von der Gesellschaft festgelegten Grenzen in Frage zu stellen.

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Ana Mendieta, Untitled (Glass on Body Imprints). Foto © The Estate of Ana Mendieta LLC, Courtesy Galerie Lelong & Co

In New York lernte sie den minimalistischen Bildhauer Carl Andre kennen. Die beiden verliebten sich, obwohl hier zwei vollkommen gegensätzlichen Persönlichkeiten – auch in künstlerischer Hinsicht – zusammenkamen. Liliana Porter, eine argentinische Künstlerin, die mit dem Paar befreundet war, sagte: "Carl war in seinem täglichen Leben sehr methodisch, er folgte den Routinen, Ana war das Gegenteil. Sie mochte ihre starke Persönlichkeit [...] und irgendwie brauchte sie einen reiferen und konstanteren Bezugspunkt."

1983 zog Ana, mit einem Stipendium der American Academy in Rome in der Tasche, in die Hauptstadt Italiens. Der Aufenthalt erwies sich für sie als sehr positiv und fruchtbar: In Rom fühlte sie sich zudem vollkommen akzeptiert. In einer privaten Zeremonie heiratete sie Carl Andre im Januar 1985.

Meine Kunst basiert auf dem Glauben, dass es eine universelle Energie gibt, die alles durchläuft.

Einige Monate nach ihrer Rückkehr nach New York vertraute Ana einer Freundin gegenüber ihren Verdacht an, dass Carl, wenn er während ihres Aufenthaltes in Rom in Berlin beschäftigt gewesen war, etwas mit einer anderen gehabt hatte. Dennoch schien das Paar glücklich zu sein: Es widmete sich der Kunst und dem gesellschaftlichen Leben der Stadt. Ana und Carl wurden häufig zu Dinnerpartys bei berühmten Freunden eingeladen. Am Abend des 8. September 1985 beschlossen sie jedoch, zu Hause zu bleiben und zu einer Flasche Champagner chinesisches Essen zu bestellen.

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Ana Mendietas toter Körper wurde am nächsten Morgen auf dem Dach des benachbarten Hauses gefunden, wo er nach dem Sturz aus dem Fenster im 34. Stockwerk aufgekommen war. Es war das tragische Ende einer Künstlerin, die sich mit Leib und Seele der Kunst verschrieben hatte und die durch ihr Werk und die noch immer aktuelle Frage "Wo ist Ana Mendieta?" nach wie vor präsent ist.

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Über den Autor

Alice Invernizzi

Redakteurin, Italien

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