Kunst ist das Herzblut.
Obwohl er eine große Anzahl an Gemälden geschaffen hat, ist Edvard Munch vielen beinahe ausschließlich durch den berühmten Schrei von 1893 bekannt, ein Meisterwerk, dessen Farben bereits wie eine Aufschrei wirken, der durch die Figur im Vordergrund Gestalt annimmt. Das Gemälde, das zu einem Symbol einer Gesellschaft geworden ist, auf die die Umwelt zunehmend einschüchternd und beängstigend wirkt, ist eines der vielen Werke des norwegischen Künstlers, in denen dieser sein Hauptanliegen zum Ausdruck bringt: die menschliche Wahrheit auf die Leinwand bringen. Kunst war für Munch, der von dem Bestreben geleitet war, offen gegenüber sich selbst und anderen zu sein, das Herzblut, wie er einmal sagte.
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Geboren in Løten am 12. Dezember 1863, erlebte Edvard Munch eine qualvolle und schmerzliche Kindheit, die von Krankheit, Tod und Neurosen geprägt war. Seine Mutter starb 1868 an Tuberkulose, seine geliebte ältere Schwester Johanne Sophie folgte 1877. Mit seinem Gemälde Das kranke Kind von 1885/86, das als Wendepunkt in Munchs bis dahin vom Impressionismus geprägter Karriere betrachtet wird, brachte Munch seine Agonie über diesen Tod auf die Leinwand und fügte darin die Lehren seines Bohémien-Freundes Hans Jæger ein, der ihn dazu ermuntert hatte, seinen emotionalen und psychologischen Zustand in einer Art „Seelen-Malerei“ zum Ausdruck zu bringen.

Zu den bereits erwähnten Unglücksfällen kamen die psychologischen Krisen von Munchs Schwester Laura, das manisch-depressive Syndrom seines Vaters und der Tod seines Bruders Andreas hinzu. Die ökonomische Lage der Familie war prekär und Munchs früheste Werke widerspiegeln die Härte, die er in seiner Jugend erlebt hatte und stellen die kleinen und dunklen Räume dar, in denen der Künstler lebte.
Später entwickelte sich Munch zu einem begeisterten Reisenden, der bei der Erkundung fremder Länder mit neuen Einflüssen und den wichtigsten Neuerungen der europäischen Kunstszene in Kontakt kam. In Paris lernte er beispielsweise von prominenten Malern wie Paul Gauguin, Vincent van Gogh und Henri de Toulouse-Lautrec, vor allem, was den Einsatz von Farben betraf.
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Die Zeit von 1892 bis 1902 stellt die bedeutendste Periode in Munchs Schaffen dar, in der er seine Bildsprache definierte, die vom Symbolismus angereichert war und Einfluss auf den Expressionismus haben sollte. Wiederkehrende Themen sind Liebe, Tod und Existenzängste, dargestellt durch deformierte Bilder und grelle Farben. In dieser Periode entstand auch Munchs ikonischer Schrei, das als Beispiel für den Zustand des modernen Menschen herangezogen werden kann und dessen Sorgen, innere Einsamkeit und Lebensmüdigkeit versinnbildlicht. Der „große unendliche Schrei“, der, laut Munch, die Natur durchdringt, wurde zum Manifest seines Schaffens und zum Ausdruck des einsamen Aufschreis der gesamten Menschheit.

Die leuchtenden Töne und starken Farben von Der Schrei, vor allem der blutrote Sonnenuntergang, sind ebenfalls Bestandteil des Werks Madonna, in dem der Künstler das Heilige mit dem Profanen verband, in dem er eine barbusige Frau in einem Zustand malte, den viele als erotische Ekstase interpretiert haben. Die Zweifarbigkeit des Gemäldes (das Rot des Heiligenscheins und das Schwarz der Haare) scheint die Dichotomie von Liebe und Tod aufzugreifen.
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Eine ähnliche Zweifarbigkeit, immer durchdrungen von Munchs charakteristischer Unruhe, finden wir in dem Werk Vampir (von Munch ursprünglich mit Liebe und Schmerz betitelt), in dem der Künstler eine Frau als eine geheimnisvolle Person darstellt, die über einen beinahe dämonischen Charme verfügt, mit dem sie sich Männer zu Willen machen kann. Der Mann scheint sich in diese augenscheinlich liebevolle doch tödliche Umarmung zu ergeben, eingewickelt in das lange rote Haar des „Vampirs“, der ihm in den Nacken beißt. Mehr als jedes andere seiner Werke, reflektiert dieses Gemälde Munchs schwieriges Verhältnis mit den anderen Geschlecht: für Munch waren Frauen das Epizentrum turbulenter erotischer Mysterien, die unausweichlich mit dem Tod verbunden waren. Lieben bedeutete für ihn zu leiden, da er ihm unmöglich war, der Versuchung zu widerstehen.
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Das Gemälde Auge in Auge ist ein weiteres Beispiel für die Nicht-Kommunikation zwischen Mann und Frau (aber auch für die Nicht-Kommunikation der Menschheit im Allgemeinen), in dem sich die beiden Protagonisten zwar gegenüberstehen, aber nicht miteinander kommunizieren können, das ihnen die Münder fehlen.
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Munchs negativer Blick auf die Liebe führte zu seinen meist tragischen Liebesgeschichten, so wie jene mit Mathilde „Tulla“ Larsen, die 1902 zu einer heftigen Auseinandersetzung führte, in deren Verlauf den Maler ein Pistolenschuss in der linken Hand traf.
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In den 1930er und 1940er Jahren, während der deutschen Besatzung Norwegens, wurden Munchs Werke als „entartet“ eingestuft, woraufhin 82 seiner Arbeiten aus deutschen Museen entfernt wurden.

Edvard Munch starb am 23. Januar 1944 an seinem idyllischen Rückzugsort nahe Oslo, wo er den Großteil seiner späten Jahre verbracht hatte. Seitdem haben seine Werke auf dem Auktionsmarkt immer wieder für Aufsehen gesorgt: 2012 wurde eine Version von Der Schrei bei Sotheby’s für 120 Millionen USD verkauft, wodurch es zu dem bis dato teuersten Gemälde der Auktionsgeschichte wurde und Munchs Status als Künstler verstärkte. Heute kann Munchs Werk in dem großartigen neuen Munch Museum, das im Oktober 2021 in Oslo eröffnet wurde, bewundert werden. Umgeben von Gemälden, Zeichnungen, Fotografien, Briefen und persönlichen Gegenständen des Künstlers, vermeint man in die leidende Seele des komplexen Künstlers eindringen zu können.








