Den Winter 1505/1506 verbrachte Michelangelo Buonarroti in den Steinbrüchen von Carrara, um Marmorblöcke auszuwählen, die er für seinen neuesten Auftrag benötigte. Auftraggeber war niemand Geringeres als Papst Julius II., der den damals 30 Jahre alten Künstler auf Empfehlung seines Architekten Giuliano da Sangallo nach Rom berufen hatte. Denn er plante Großes, nämlich sein eigenes Grabmal, dessen Pracht alles bisher Dagewesene übertreffen sollte. Michelangelo, der in jungen Jahren bereits viel bewunderte Meisterwerke wie die Pietà und den gigantischen David geschaffen hatte, schien die richtige Wahl.
Als Michelangelo aus Carrara nach Rom zurückkehrte, war dort ein ganz außergewöhnlicher Fund das absolute Tagesgespräch: Am 14. Januar hatte Felice de Fredis in seinen Weingärten auf dem Esquilin in einer unterirdischen Kammer eine antike Statue entdeckt. Natürlich wurde die Kunde auch Papst Julius II. hinterbracht, der ein großer Bewunderer der antiken Kunst war und mit dem Apollo von Belvedere bereits ein Highlight sein Eigen nannte. Nun hatte man es jedoch mit keiner einzelnen Figur, sondern einer Gruppe zu tun, die aus einem athletisch gebauten Mann mit wildem Bart und zwei Knaben bestand, die sich im Todeskampf mit zwei gewaltigen Schlangen befanden. Julius II. beauftragte die beiden besten Künstler, die er zur Hand hatte, Giuliano da Sangallo und eben Michelangelo, den Fund zu begutachten. Und Sangallo wusste sofort, womit er es zu tun hatte: die Laokoon-Gruppe, die bereits von Plinius d. Ä. in seiner Naturalis historia lobend erwähnt und als Werk der drei aus Rhodos stammenden Künstler Hagesandros, Polydoros und Athanadoros bezeichnet worden war. Damals befand sich die 2,42 Meter hohe Marmorskulptur im Palast von Kaiser Titus, wie Plinius ebenfalls verriet.
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Der Mythos um Laokoon ist vor allem durch die Aeneis des römischen Dichters Vergil überliefert. Danach soll der mit dem trojanischen Königshaus Verwandte Laokoon, ein Priester des Apollon, seine Mitbürger vor dem Geschenk der Griechen, dem berühmten Trojanischen Pferd, gewarnt und sogar einen Speer darauf geschleudert haben. Doch es half nichts; die Trojaner nahmen das Pferd mit in ihre Stadt und feierten den (scheinbaren) Abzug der Griechen. Währenddessen traf Laokoon jedoch der Zorn der Götting Athene, die zwei gewaltige Schlangen über das Meer schickte, die Laokoon und dessen beiden Söhne töteten.
Papst Julius II. nahm die Skulptur selbstverständlich in seine Antikensammlung auf, aus der später die Vatikanischen Museen hervorgehen sollten, wo sich die Laokoon-Gruppe auch heute noch befindet. Als Künstler, der gerade damit beschäftigt war, einen bedeutenden Auftrag für den Pontifex auszuführen, standen Michelangelo die Türen zu Julius’ Sammlung natürlich offen und es scheint, als habe er sich sofort intensiv mit der sensationellen Gruppe, die allen klassischen Maßstäben, wie der symmetria oder auch dem Kontrapost (von Michelangelo selbst erst kurz zuvor beim David angewendet) abgeschworen hatte, beschäftigt. Statt mit kühler Schönheit und Harmonie hatte man es hier mit einem überaus athletischen Körper in verdrehter Pose und einem vom Schrecken gezeichneten Gesicht zu tun; kurzum, mit einer Darstellung, die nicht zu reiner ehrerbietiger Bewunderung, sondern ebenso zu einer emotionalen Wahrnehmung anregte.
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Fasziniert und inspiriert, wollte Michelangelo das Neuentdeckte auch sogleich in sein aktuelles Monumentalprojekt einfließen lassen. Doch dann verlangte Julius II. von ihm plötzlich die Ausführung des Deckengemäldes in der Sixtinischen Kapelle und beendete den älteren Auftrag. Es kam zum Disput zwischen Papst und Künstler, sodass letzterer im April 1506 in seine Heimat Florenz zurückkehrte. Nachdem man sich versöhnt hatte, nahm Michelangelo die Arbeit an Grabmonument und Deckengemälde wieder auf, doch nur letzteres wurde noch zu Lebzeiten Julius II., der im April 1513 starb, vollendet. In der Folgezeit kam es zu einem sich über Jahrzehnte ausdehnenden Disput zwischen Michelangelo und den Della Rovere aus Urbino, der Familie des gewesenen Papstes, die verlangten, dass der Künstler das Grabmal, für dessen Erschaffung er schließlich schon viel Geld erhalten hatte, auch fertigstellte. Dies geschah schließlich 1545 in einer weitaus kleineren Version als ursprünglich geplant. Auch befindet sich das bescheidene Wandgrab in der Kirche San Pietro in Vincoli und nicht, wie von Julius II. eigentlich bestimmt, im neu errichteten Petersdom.
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Vom ursprünglichen Projekt hat es lediglich die beeindruckende Mosesskulptur in die endgültige Fassung geschafft. Weitere, teilweise nicht vollendete Figuren aus verworfenen Phasen des Projekts befinden sich heute in Florenz und im Louvre. Sie stellen hauptsächlich Sklaven dar, aber auch einen jugendlichen Sieger, der über einen älteren Gegner triumphiert. Beinahe allen dieser Marmorfiguren ist eine schwere athletische Ästhetik mit einer deutlichen Drehung des Torsos gemein, was auf einen direkten Einfluss der Laokoon-Gruppe schließen lässt. Auch in den Fresken der Sixtinischen Kapelle lässt sich dies bemerken und macht dabei auch nicht vor den Darstellungen weiblicher Körper halt.

Tatsächlich gilt die Veränderung in Michelangelos disegno als Vorbote einer neuen Epoche der Kunstgeschichte, die sich der Phase der Hochrenaissance anschloss und schließlich in den Barock überging: der Manierismus, der sich zwischen 1520 und 1590 und teilweise darüber hinaus von Italien ausgehend zu einem gesamteuropäischen Phänomen entwickelte, das in Frankreich in der Schule von Fontainebleau genauso zu finden war, wie bei den niederländischen Romanisten und den Künstlern am Hof Rudolfs II. in Prag. Hatte man den Begriff maniera bis dahin verwendet, um den Stil einer bestimmten Epoche zu beschreiben, bediente man sich seiner im 15. Jahrhundert als Bezeichnung für die Veränderungen in der Kunst, die sich von den klassischen Vorbildern der Renaissance allmählich zu lösen begann, indem die Maler und Bildhauer einen persönlichen Stil entwickelten. In seinen Vite verwendete Kunstgeschichtspionier Giorgio Vasari etwa die Bezeichnung maniera moderna, um Michelangelos neuartige Darstellungsweise zu beschreiben.
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Der Laokoon-Gruppe und Michelangelo die alleinige Verantwortung zur Entstehung des Manierismus zuzuschreiben, wäre jedoch zu einfach erklärt. Zwar ist die spiralförmig komponierte und sehr wahrscheinlich auf die wiederentdeckte Skulptur zurückzuführende Figura serpentinata ein wichtiges Stilmerkmal des Manierismus, jedoch nicht sein einziges.
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Das frühe 16. Jahrhundert war eine Zeit des Umbruchs mit Entwicklungen, die das von der klassischen Antike geprägte Weltbild der Europäer erschütterte. Es war die Zeit nach der Entdeckung Amerikas und der Beginn der Reformation mit den darauffolgenden Religionskriegen und der Gegenreformation. Auch veränderte sich das Selbstbild sowohl der Herrscher, als auch der Künstler, die sich nicht länger als reine Handwerker betrachteten, sondern als Künstler, denen ein schöpferischer Geist gegeben war. Wie auch in anderen Ländern, kam es nun auch in Norditalien, das eine Wiege der manieristischen Kunst war, zu Hofbildungen; sprich, die einstigen signori der Stadtstaaten waren zu Herzögen aufgestiegen und begannen, den Landadel an ihre Höfe zu binden. Um sie auch halten zu können, war es vonnöten, sie zu unterhalten und Codes zu entwickeln, die von Außenstehende nicht verstanden wurden (ein Prinzip, das im Zeitalter des Barocks, allen voran in Versailles, auf die Spitze getrieben werden sollte, während man den Manierismus interessanterweise bereits ablehnend gegenüberstand). Hier kamen die Künstler ins Spiel, die in ihrer jeweiligen maniera Werke schufen, die bisweilen unverständlich erscheinen.
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Es kamen viele Stilmerkmale ins Spiel, wie etwa eine unnatürlich erscheinende Kombination von Farben, Porträts mit außerordentlich kühler Farbwahl und neben den athletischen Körpern auch besonders solche mit stark verlängerten Gliedmaßen. Sehr eindrucksvolle Beispiele für den Stil der verlängerten Gliedmaßen stammen vom späten Manieristen El Greco, dessen Stil insgesamt so abstrakt sein konnte, dass er auf die Bewunderung der die klassischen Vorgaben ablehnenden Künstler der Moderne stieß. Es machte sich eine allgemeine Verfremdung bemerkbar, durch die auch logische Raumzusammenhänge aufgelöst wurden (so verzichtete Michelangelo beispielsweise beim 1541 vollendeten Jüngsten Gericht an der Altarwand der Sixtinischen Kapelle - mit dem überaus athletisch gebauten Christus als Weltrichter - auf jedwede räumliche Struktur. Alles wirkte überspitzt und künstlich, sodass sich nachfolgende Künstler und Kunstfreunde, die sich wieder der Klassik und dem Realismus verschrieben hatten, für den Manierismus nicht viel Verständnis aufbrachten.
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Als Beginn des Manierismus, ein Begriff, der erst 19./20. Jahrhundert geprägt und kunsthistorisch genauer eingeordnet wurde, gilt das Jahr 1520, das Todesjahr Raffaels. Der Tod des bereits zu Lebzeiten hochgelobten Malers im Alter von nur 37 Jahren rief eine allgemeine Trauer hervor, galt Raffael doch als begnadetster Maler überhaupt. Posthum wurde er als größter Vertreter der Hochrenaissance geehrt, doch finden sich auch in seinem Spätwerk manieristische Tendenzen und sogar frühe Boten der Epoche des Barocks. Vor allem muss hier auf sein letztes Gemälde, die zweigeteilte Transfiguration, die Verklärung Christi, hingewiesen werden. Während der obere Teil des Gemäldes den klassischen Stil des Meisters zeigt, zeugt der untere Teil mit der Vielzahl an Personen in unterschiedlichsten Körperhaltungen (vor allem die dem Betrachter in Rückenansicht präsentierte Frau), das Chiaroscuro und der emotionale Bildaufbau von der Hinwendung Raffaels zur maniera moderna. Unweigerlich fragt man sich, wie Raffaels weiterer Weg ausgesehen hätte, hätte ihn der Tod nicht so früh aus dem Leben gerissen.
Der Manierismus kann als Reflexion der Kunst auf ihre sich verändernde Umwelt betrachtet werden. Die Gesetze der Natur wurden mindestens infrage gestellt, oft sogar gänzlich überwunden. Auch das zunehmende Selbstverständnis der Künstler, die sich nicht zuletzt durch die Entdeckung des Individuums als Meister von schöpferischer Kraft betrachteten, trug zur Entwicklung spezifischer Stilmerkmale bei, die in deren Mittelpunkt die Kunst an sich stand. Dass an all dem die zufällige Entdeckung einer antiken Skulpturengruppe solchen Anteil hatte, macht diese Epoche zwischen Hochrenaissance und Barock umso faszinierender.




