Als größtes Museum für Kunstgewerbe und Design der Welt beherbergt das Victoria and Albert Museum in London viele spannende, seltene, hochinteressante und manchmal auch kuriose historische Exponate. Ein Exponat, auf das all diese Adjektive zutreffen, ist im Raum 41 der South Asia Gallery des Museums zu finden, in der Objekte aus Indien, Pakistan und Bangladesch ausgestellt werden.
Tippoo’s Tiger (dt. „Tipus Tiger“) ist auf einem Schild in einer der gläsernen Vitrinen zu lesen, womit die große Holzfigur eines Tigers gemeint ist, der gerade dabei ist, einen am Boden liegenden Mann zu zerfleischen. Weiter im Text ist angegeben, dass es sich um eine mechanische Orgel handelt, worauf auch die Löcher im aufgemalten Streifenmuster der Raubkatze, eine Kurbel und hinter einer Klappe sichtbare Orgelpfeifen schließen lassen. Während der Hersteller unbekannt ist, ist als Herkunftsgebiet Mysore angegeben.

Mysore war ein Königreich, das zur Zeit seiner größten Ausdehnung einen Großteil Südindiens einnahm. Eigentlich seit 1399 von den Maharadschas der Wodeyar-Dynastie regiert, übernahm 1761 der General Haidar Ali die Macht, der ein erklärter Gegner der Britischen Ostindien-Kompanie und deren Expansionsbestrebungen auf dem indischen Subkontinent war. Während Haidar Alis Herrschaft begannen die Mysore-Kriege, in denen Mysore – zeitweilig verbündet mit Frankreich – gegen die Briten und deren indische Verbündete kämpfte.
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Inmitten des Zweiten Mysore-Kriegs übernahm 1782 nach Haidar Alis Tod dessen Sohn Tipu Sultan die Macht. Unbeirrt und noch verbissener setzte er den Kampf gegen die Briten fort, musste aber ab 1783 auf Frankreich als militärischen Verbündeten verzichten, da Frankreich und das Vereinigte Königreich mit dem Frieden von Paris ihren eigenen Konflikt, zu dem auch Frankreichs Unterstützung der nun ehemals britischen Kolonien in Nordamerika gehört hatte, beendet hatten.

Tipu Sultan war ein geschickter und leidenschaftlicher Militärführer, der eine prachtvolle Hofhaltung liebte. Noch heute wird ihm in Indien unter dem Namen „Tiger von Mysore“ voller Bewunderung gedacht. Der Tiger war Tipus persönliches Symbol, das er überall in seinen Palästen – unter anderem an seinem Thron – und auf persönlichen Gegenständen abbilden ließ.
Der berühmteste Tiger Tipu Sultans entstand um 1790 in Mysore, wo, wie an vielen indischen Fürstenhöfen, im späten 18. Jahrhundert eine Begeisterung für (Musik-)Automaten erwacht war. Diese erlebten in jenem Jahrhundert in Europa eine Blütezeit, mit dem sogenannten Schachtürken als berühmtestes Beispiel (das sich allerdings als Betrug entpuppte). Marie Antoinette besaß den Automaten La Joueuse de tympanon, der eine elegant gekleidete Dame an einem Hackbrett zeigt und acht Kompositionen von Christoph Willibald Gluck (Marie Antoinettes Lieblingskomponist) spielen kann (heute im Musée des Arts et Métiers in Paris). Möglicherweise waren an der Anfertigung von Tipus Tiger französische Handwerker und Mechaniker beteiligt, die am Hof des Herrschers von Mysore verkehrten.

Tipus Tiger verfügt über mehrere Funktionen: Ein Blasebalg lässt den am Boden liegenden Mann klagende Geräusche von sich geben sowie einen Arm heben. Ein weiterer Blasebalg entlockt dem Tiger ein Geräusch, das an das Gebrüll einer Raubkatze erinnern soll. Hinzu kommt eine Elfenbeintastatur mit Pfeifenorgel im Körper des Tigers, auf der Melodien gespielt werden können. Der obere Teil des hölzernen Tigerkörpers ist zudem abnehmbar – eine wichtige Funktion hinsichtlich der Instandhaltung.
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Und die Instandhaltung war von höchster Bedeutung, denn Tipu Sultan liebte seinen doch etwas makaberen Automaten, erinnerte das europäisch gekleidete Tigeropfer mit seinem roten Rock doch eindeutig an ein Mitglied der Britischen Ostindien-Kompanie und damit an Tipus ärgste Feinde.

Ein Vorfall, der als Vorbild für die Gestaltung des Automaten immer wieder genannt wird, ist jener, der sich im Dezember 1792 auf einer Insel in der Bucht von Bengalen abspielte. Dabei wurde der 17-jährige Hector Sutherland Munro, der älteste Sohn von Sir Hector Munro, dem Oberbefehlshaber von Indien, auf dem Weg zu seinem eigenen Dienstantritt in Indien von einem Tiger angefallen. Er starb am darauffolgenden Tag. Tragischerweise war dies nicht der einzige Vorfall, bei dem ein Sohn von Sir Hector durch ein wildes Tier in Indien aus dem Leben gerissen wurde. 1804 starb Alexander Munro, ebenfalls im Alter von 17 Jahren, bei einem Haiangriff vor Bombay (heute Mumbai). Ob die Tigerattacke mit Tipus Tiger tatsächlich in Verbindung steht, lässt sich nicht eindeutig feststellen.
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Exkurs: Eine andere Haiattacke, die sich im 18. Jahrhundert ereignete, diente später als Motiv für ein Gemälde, von dem drei Versionen existieren. Die Attacke ereignete sich 1749 im Hafen von Havanna, wo der damals 13-jährige Brook Watson aus England, der von seinem Onkel, einem Kaufmann aus Boston, in die Welt des Seehandels eingeführt wurde, meinte, schwimmen gehen zu müssen. Dabei verletzte ein Hai Watsons Bein durch zwei Bisse so schwer, dass es amputiert werden musste. Watson genas und wurde erfolgreicher Kaufmann und später sogar Oberbürgermeister von London. 1778 beauftrage er den Maler John Singleton Copley, ein Gemälde zu schaffen, das den Vorfall von 1749 zum Thema hatte. Die erste Version hängt heute in der National Gallery of Art in Washington, D.C., eine beinahe identische aus demselben Jahr im Museum of Fine Arts in Boston. Die dritte, im Format veränderte Version von 1782 hat ihr Zuhause im Detroit Institute of Arts gefunden.
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Für Tipu Sultans Reich spitzte sich die Lage indes immer mehr zu. 1788 schickte er drei Gesandte an den Hof von Versailles, um König Ludwig XVI. um erneute Unterstützung zu bitten. Frankreich war nach dem Krieg in Amerika jedoch endgültig pleite und konnte keine Zusagen machen.
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Im Jahr darauf begann der Dritte Mysore-Krieg, durch den Tipu Sultan die Hälfte seines Reichs an die Briten abtreten und diesen zeitweise zwei seiner Söhne als Geiseln überlassen musste, bis er den geforderten Zahlungen nachgekommen war.

Durch den durch die Revolution von 1789 vollzogenen Regierungswechsel in Frankreich konnte sich Tipu Sultan dort jedoch schon bald über einen neuen möglichen Verbündeten freuen. General Napoleon Bonaparte, der sich 1797 mit seinem erfolgreichen Italienfeldzug einen Namen gemacht hatte, nahm im Jahr darauf Ägypten ins Visier, um den Handel Großbritanniens mit Indien zu stören und den Einfluss der Britischen Ostindien-Kompanie zu untergraben. Doch Napoleon scheitere im alten Pharaonenreich am Nil und ein Brief, den er an Tipu Sultan verfasst hatte, wurde von den Briten abgefangen. Diese strebten nun danach, den Herrscher von Mysore endgültig zu besiegen. 1799 kam es zum Vierten Mysore-Krieg, der in der Belagerung und schließlich Eroberung der Hauptstadt Seringapatam gipfelte, bei der Tipu Sultan, der eine Flucht mit den Worten "Lieber einen Tag als Tiger leben als tausende Tage als Schaf" abgelehnt hatte, getötet wurde.
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Bei der anschließenden Plünderung des Palasts stießen die Soldaten im Musikzimmer auf die außergewöhnliche Tiger-Orgel, die bald darauf nach London verschifft wurde. Dort wurde diese im neu eingerichteten Museum im East India House, dem Hauptquartier des Ostindien-Kompanie ausgestellt und avancierte zum Publikumsliebling. Schließlich wurde das außergewöhnliche Stück Teil der Sammlung des 1852 eröffneten South Kensington Museum, das 1899 in Victoria and Albert Museum umbenannt wurde.
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Trotz oder gerade wegen des makaberen Motivs wurde Tipus Tiger in England schnell berühmt. Ebenso berühmt war dort die oben beschriebene tödliche Tigerattacke, bei der 1792 der junge Hector Sutherland Munro uns Leben gekommen war. In Englands führender Keramikregion Staffordshire, deren figürliche Produkte sich besonderer Beliebtheit erfreuten, entstand schließlich eine Keramikfigur, die den Angriff eines Tigers auf einen jungen Mann darstellt. An ihrem Sockel greift der Schriftzug „The Death of Munrow“ klar dessen tragisches Schicksal auf. Tipus Tiger hat bei Gestaltung aber sicherlich Pate gestanden und möglicherweise entstand die Verbindung, die zwischen Munros Tod und Tipus Tiger geknüpft wurde, erst durch diese Figur.
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Tipus Tiger ist ein wahrlich faszinierendes Objekt, das wie so viele historische Stücke Geschichte(n) und Geheimnisse in sich vereint.




