Als der schottische Entdecker Alexander Burns (1805-1841) auf einer seiner Reisen in den frühen 1830er Jahren durch das afghanische Bamiyan-Tal kam, wurde er zweier kolossaler Buddha-Statuen ansichtig, die in die Felswände der Umgebung geschlagen worden waren. Burnes hatte bereits in den Aufzeichnungen eines mongolischen Gelehrten des 14. Jahrhunderts über die Statuen gelesen, konnte ihnen jedoch nicht viel abgewinnen, einem Vergleich mit der Kunst der europäischen Antike konnten sie seiner Meinung nach niemals standhalten.

Burnes war kein Wissenschaftler, die Bedeutung der Statuen wurde erst nach ihm erkannt. Er war als Offizier der Armee der East India Company nach Indien gekommen. Es war Frühphase des Great Game („Großes Spiel“), in dem sowohl das British Empire als auch das Russische Kaiserreich ihre Macht in Zentralasien ausbauen wollten. Im Zuge dessen kam es zum Ersten Anglo-Afghanischen Krieg, der 1842 mit der Vernichtung der sich aus Kabul nach Indien zurückziehenden britischen Armee am Chaiber-Pass endete (der bei der Bevölkerung unbeliebte Alexander Burns war bereits in Kabul gelyncht worden, wobei eine Reihe betrogener Ehemänner beteiligt gewesen sein soll).

Die britische Armee war nicht die erste Armee aus Europa, die die Region am Hindukusch erreichte. Bereits 326-329 v. Chr. eroberte ein anderer Alexander, Alexander der Große (356-323 v. Chr.), das damals zum Persischen Großreich gehörende Gebiet. Nach Alexanders Tod teilten seine Feldherrn und deren Nachkommen, die Diadochen, die gewaltigen Eroberungen unter sich auf. Das größte der Diadochenreiche war das der Seleukiden, das von Kleinasien bis nach Baktrien im heutigen Afghanistan reichte und damit auch das westlich von Kabul gelegene Bamiyan-Tal mit einschloss. Auch die südlich des Hindukusch an den Ufern des Indus gelegene Region Gandhara im heutigen Pakistan stand unter dem Einfluss der griechisch-makedonischen Seleukiden, die ihre Kunst und Kultur im Gepäck hatten.
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Doch die Griechen waren nicht die einzigen, unter deren Einfluss Gandhara im späten 4. Jahrhundert v. Chr. geriet. Kurz nach Alexanders Feldzug hatte Chandragupta Maurya (350-295 v. Chr.) die Macht im nordwestlichen Teil des indischen Subkontinents an sich gerissen. Wenn man Plutarch glauben darf, sind sich Chandragupta Maurya und Alexander der Große sogar begegnet. Jedenfalls bekämpfte der Begründer des Maurya-Reichs die Seleukiden und wurde 305 v. Chr. Herr über Gandhara.
Als Chandragupta Mauryas Enkel Ashoka (304-232 v. Chr.) um 268 v. Chr. die Macht übernahm, nahm das Reich beinahe den gesamten Subkontinent ein. Ashoka führte für eine Erweiterung nach Osten viele blutige Kriege. Durch das Leid, das die Kriege verursacht hatten, soll er so erschüttert gewesen sein, dass er zum friedlichen Buddhismus konvertierte. Der Buddhismus hatte sein Zentrum im Norden von Ashokas Reich, vor allem in der Stadt Kushinagar, wo der Religionsstifter Siddhartha Gautama 483 v. Chr. verstorben sein soll, weshalb Kushinagar heute eine der vier großen Pilgerstätten des Buddhismus ist. Ashoka lebte fortan in Frieden mit seinen Nachbarn und schickte buddhistische Gesandtschaften in alle Himmelsrichtungen, im Westen bis nach Griechenland und Ägypten.
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In ihrer Frühzeit lehnte die buddhistische Kunst figürliche Darstellungen des Buddha ab. Stattdessen wählte man Symbole, wie die Lotosblüte oder den Fußabdruck des Buddha. Diese wurden mit weiteren Symbolen, darunter das Rad der Lehre, dem Bodhi-Baum oder dem Löwen, kombiniert. Als Bauwerke errichtete man kuppelförmige Stupas, die den Kosmos und das Nirwana darstellen sollten. Die ersten zehn Stupas sollen über Reliquien des Buddha errichtet worden sein.
Spätestens ab dem 1. Jahrhundert begann man, Buddha figürlich darzustellen. Dies ging von zwei Zentren aus, wobei umstritten ist, welche die erste war. Das eine Zentrum war die südlich vom heutigen Delhi gelegene Stadt Mathura, wo die figürliche Darstellung an hinduistische Traditionen Ankünfte. Das andere Zentrum war Gandhara, wo sich der Einfluss der hellenistischen und römischen Kunst bemerkbar machte und zum graeco-buddhistischen Stil führte.
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Zu der Zeit, in der sich die figürliche Darstellung zu entwickeln begann, hatten in Gandhara und auch Baktrien neue Herrscher die Macht übernommen. Beide Regionen waren nun Teil des Kaiserreichs Kuschana. Die Kuschan stammten aus dem Gebiet des heutigen Westchina nördlich des Himalaya und der Wüste Taklamakan – ein Gebiet, in das Ashoka ebenfalls buddhistische Gesandtschaften geschickt hatte. Und das offenbar mit Erfolg, denn die Kuschan waren zwar keine ausgewiesenen Buddhisten, förderten diesen Glauben in ihrem neuen Herrschaftsgebiet jedoch nach Kräften.
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Die Kuschan übernahmen viel von der indo-griechischen Bevölkerung Baktriens, wie beispielsweise das griechische Alphabet und eine Münzprägung. Die relativ friedliche Herrschaft der Kuschan förderte den Handel über die Seidenstraße, wodurch Römerinnen in den Genuss kamen, Seide aus China zu tragen.
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Doch es kam auch etwas zurück: die hellenistisch-römische Kunst. Bis dahin waren Kunst und Architektur in der Gegend von Gandhara, wo bis zur Ankunft des Buddhismus der Brahmanismus vorgeherrscht hatte, von der Kunst Indiens beeinflusst gewesen. Dortige menschliche Darstellungen zeigten biegsame und sinnliche Körper, denen es an Individualität mangelte. Doch in Gandhara hielten an römische Toga- und Gewandtstatuen erinnernde Figuren – manchmal sogar im Kontrapost stehend – Einzug. Ebenso korinthische Kapitelle, nach römischen Vorbildern geschaffene Reliefs sowie Darstellungen von dionysischen Szenen. Allgemein zeichneten sich die menschlichen Darstellungen in Gandhara durch eine Individualität, aber auch durch eine kompositorische Strenge aus, wie man sie von den Statuen des Hellenismus her kennt.
Vor allem, was die Darstellung Buddhas betrifft, wird dies deutlich. Der Erleuchtete wurde in eine Art griechischen Himation bzw. römische Toga gehüllt, mit mediterran-gewelltem Haar und realistisch-sanftem Gesichtsausdruck. Dass man es dabei jedoch nie mit einer rein römisch-hellenistischen Kunst zu tun hatte, belegt der Umstand, dass frühe Buddha-Darstellungen oft mit einem Schnurrbart ausgestattet waren, eine Mode, die es im antiken Rom und Hellas nicht gegeben hatte.
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Dass man für die neuen Darstellungen Buddhas den hellenistischen Stil wählte, mag dem Zufall geschuldet sein, dass beides Gandhara etwa zur gleichen Zeit erreichte. Gandhara war aufgrund seiner Lage an alten Handelswegen seit jeher dichtbesiedelt und wohlhabend – das perfekte Ziel, um neue Gläubige anzulocken. Ein eigenes Bildprogramm war bei einem solchen Vorhaben durchaus sinnvoll und die aus dem Westen importierte Kunst bot sich dafür geradezu an, wenn auch die ursprüngliche Bedeutung der Bilder mit der Zeit verloren ging oder bewusst geändert wurde.
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Der graeco-buddhistische Gandhara-Stil erreichte auch das Bamiyan-Tal, wo um 600 die kolossalen Buddha-Statuen aus dem Fels geschlagen wurden, wie sich anhand von Reiseberichten chinesischer Pilger rekonstruieren lässt. Hinter den Statuen befanden sich mehrere hundert Höhlen, die buddhistischen Mönchen als Wohn- und Gebetsstätten dienten.
Die Blütezeit des Gandhara-Stils endete im 5. Jahrhundert und zweihundert Jahre später wurde dort mit dem Beginn der Islamisierung Zentralasiens in weiten Teilen auch das Ende des Buddhismus eingeläutet. Da der Islam menschliche Darstellungen ablehnt, waren die Stauen im Bamiyan-Tal immer wieder Angriffen ausgesetzt; bereits zu Zeiten Alexander Burns waren sie davon gezeichnet. Endgültig zerstört wurden sie 2001 durch von den Taliban durchgeführte Sprengungen.
Doch haben viele Kunstwerke die Zeiten überdauert und können heute in Museen bewundert werden, darunter das Peschawar Museum in Pakistan und das Museum für Asiatische Kunst in Berlin. Westliche Sammler der Kunstwerke aus der Region Baktrien/Gandhara fühlten sich schon früh von ihnen angezogen. Vielleicht weil diese zentralasiatischen Schätze ihnen durch ihr hellenistisches Erbe merkwürdig vertraut vorkamen. Wer sich heute dem Sammeln graeco-buddhistischer Kunst widmen möchte, sollte darauf achten, ausschließlich bei seriösen Händlern und Auktionshäusern Objekte zu kaufen, deren Herkunft sich durch Dokumente belegen lässt, um dem Handel mit Raubkunst vorzubeugen.
Die gegenseitige Beeinflussung von Hellenismus und Buddhismus verbreitete sich entlang der Seidenstraße in beide Richtungen – auch auf philosophischer Ebene. Die vom griechischen Erbe geprägte frühe Art der Darstellung Buddhas erreichte im Osten über China auch Japan und Korea, während Elemente des Buddhismus, wie Ablehnung von Gewalt und Mitleid mit den Schwachen, in den christlichen Lehren wiederzufinden sind.










