Der Geruchssinn ist einer der komplexesten unserer fünf Sinne und eng mit dem Gedächtnis verbunden. Für viele von uns bedeuten bestimmte Düfte, dass Erinnerungen lebendig werden, etwa wenn Weißdorn- und Fliederduft Bilder der letzten Sommerferien heraufbeschwören oder frisch gebackenes Brot uns ein Gefühl der Geborgenheit und Wärme vermittelt.
Heutzutage ist Parfüm ein weit verbreitetes Konsumgut und viele von uns nennen gleich mehrere Favoriten in ihr Eigen. Aber das war nicht immer so – Parfüm war lange Zeit dem Adel, der Oberschicht und den Königshäusern vorbehalten, denn nur deren Mitglieder konnten sich die kostbaren Tropfen überhaupt leisten.
Wonach rochen also die Parfüms vergangener Epochen? Folgen Sie unserer Duftspur in 10 Schritten!

1. Wacholder, Wein und Myrrhe im Alten Ägypten
Die Geschichte des Parfüms beginnt im Alten Ägypten, wo Überlieferungen zufolge bereits um 4.000 v. Chr. Duftstoffe im Alltag Verwendung fanden. Nicht selten wurde Harz von Pistazienbäumen bei Opfern und religiösen Riten verbrannt und viele fügten ihren Körperölen und -cremes diverse Duftstoffe hinzu. Der früheste greifbare Beweis für die Existenz eines Parfüms wurde jedoch in Mesopotamien, dem antiken Land zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris, gefunden, wo um 3.000 v. Chr. die ältesten bekannten Parfümflakons hergestellt wurden.
Einer der am häufigsten verwendeten Düfte im Alten Ägypten war Kyphi, der aus Wacholderbeeren, Zimt, getrockneten Rosinen, Myrrhe, Wein und Honig bestand. Diese Zutaten wurden in einem Gefäß zusammengegeben und dann erhitzt, um den Duft zu intensivieren.
Lesen Sie auch: Spiegel: Eine Betrachtung

2. Vom Kraut zum Drüsensekret
Von Honig einmal abgesehen, begann man in 3. Jahrhundert v. Chr. damit, Parfüms Substanzen tierischen Ursprungs hinzuzufügen, wodurch die Düfte intensiver wurden. Während man früher vor allem auf Kräuter, Blütenblätter und Samen setzte, wurden nun Sekrete aus Drüsen von diversen Tieren, darunter Moschustiere, Zibetkatzen und Bieber, beliebt. Auch Pottwal-Ambra wurde gern verwendet. Diese Duftnoten sind auch aus der heutigen Parfümherstellung nicht wegzudenken, werden jedoch in der Regel synthetisch hergestellt.
3. Ungarisches Wasser
Die Intensivierung und das Haltbarmachen der Düfte war eine der Hauptanliegen der Parfümeure. Im 12. Jahrhundert machte man dahingehend einen revolutionären Schritt, indem man begann, Duftstoffe mit reinem Alkohol zu kombinieren. Das älteste heute bekannte Parfüm auf Alkoholbasis wurde um 1370 im Auftrag der ungarischen Königin Elisabeth von Polen hergestellt. Das nach Rosmarin und Thymian duftende Parfüm soll die damals 65-jährige Königin so unwiderstehlich gemacht haben, dass so mancher Verehrer vor ihr auf die Knie ging. Kein Wunder, dass das "Ungarisches Wasser" genannte Elixir alsbald großer Beliebtheit erfreute.
Während das "Ungarische Wasser" auf altbewährte Kräuter setzte (möglicherweise hängt seine Entstehung auch mit den damals grassierenden Pestepidemien zusammen), hatten schwere Moschus- und Ambradüfte in der Epoche der Renaissance die Nase vorn. Da man Wasser als Hygienemittel zunehmend misstraute, nutzte die wohlhabende Elite lieber die teuren Parfüms, um unangenehme Gerüche zu überdecken – eine Taktik, die noch viele Jahrhunderte Bestand hatte.
Möchten Sie Artikel wie diesen direkt in Ihrem Posteingang entdecken? Dann melden Sie sich noch heute für unseren kostenlosen Newsletter an!

4. Wasser aus Köln – Eau de Cologne
Im frühen 18. Jahrhundert hatte der aus Italien stammende Parfümeur Johann Maria Farina damit begonnen, ein auf Zitrusnoten basiertes, leichtes Duftwasser herzustellen, dass er Eau de Cologne taufte. Während des Siebenjährigen Krieges wurde Köln zeitweise von den Franzosen besetzt, die sich sehr für dieses "Kölner Wasser" begeisterten und es, nachdem sie ihre Zelte wieder abgebrochen hatte, in ihre Heimat mitnahmen. Eau de Cologne wurde am Hof von Versailles beliebt und sogar König Ludwig XV. bestellte es nun regelmäßig. Weitere begeisterte Kunden waren etwa Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Wolfgang von Goethe und Voltaire.
Lesen Sie auch: Der Einfluss von Goethes Werther auf seine Zeitgenossen
5. Die Französische Revolution
Die europäische Parfümhauptstadt war jedoch Grasse im Süden Frankreichs, von wo aus der Markt dominiert wurde. Dem setzten die Französische Revolution von 1789 und die nachfolgende Schreckensherrschaft, die jeden Luxus ablehnte, ein vorübergehendes Ende. Doch so mancher Parfümeur bewies seinen Erfindungsreichtum, der sein Produkt mit der neuen staatlichen Linie in Einklang brachte. So ging ein Parfümeur sogar soweit, eine seiner Kreationen Guillotine zu taufen.

6. 120 Liter Eau de Cologne für den Hof
Viel Wert auf schöne Düfte legte auch Napoleon Bonaparte, der an seinem Hof einen eigenen Parfümeur namens Monsieur Tessière beschäftigte. Dennoch ließ sich der Kaiser jeden Monat über 120 Liter Eau de Cologne liefern, welches er allerdings bevorzugt trank. Tatsächlich war das "Kölnisch Wasser" des später unter dem Markennamen "4711" weltbekannt gewordenen Kölner Herstellers Wilhelm Mülhens zunächst für eine medizinische Trinkkur gedacht gewesen. Als Napoleon dann jedoch 1810, Köln war wieder einmal von Frankreich besetzt, alle Hersteller von derartigen medizinischen Produkten aufforderte, die Inhaltsstoffe ihrer Schöpfungen zu offenbaren, sah Mülhens, der seine Rezeptur keinesfalls preisgeben wollte, Handlungsbedarf. Kurzerhand machte er aus seiner Trinkkur ein Duftprodukt für die äußere Anwendung.
Im Gegensatz zu Napoleon bevorzugte seine erste Frau Joséphine sehr schwere Düfte, weshalb sie im Laufe der Jahre den Spitznamen la folle du musc, also „die nach Moschus Verrückte“ erhielt.
Lesen Sie auch: Kaschmir-Schals: Kaiserliche Favoriten aus dem Himalaya

7. Synthetische Substanzen und Sprühflakons
Im 19. Jahrhundert veränderte sich die Parfümherstellung erneut. Im Londoner Atelier des berühmten Parfümeurs Rimmel wurde der erste Sprühflakon hergestellt und diese neue Art, die duftenden Tropfen zu verkaufen, war gelinde gesagt revolutionär. Darüber hinaus produzierte Rimmel eigene Etiketten, die seine Flaschen von der Masse abhoben.
Ende des Jahrhunderts kam das erste Parfüm auf den Markt, das aus synthetischen Substanzen bestand, der von Houbigant signierte Duft Fougère Royale. Im Gegensatz zu den natürlichen Rohstoffen, die im Grunde mehrere hundert Jahre lang auf die gleiche Weise verwendet worden waren, waren die synthetischen Parfüme viel billiger in der Herstellung, sodass immer mehr Menschen begannen, Parfüm zu verwenden.
Lesen Sie auch: René Lalique: Wenn Parfümflakons zum Kunstwerk werden

8. Chanel No. 5
Im Jahr 1921 kam eines der legendärsten Parfums der Welt auf dem Markt – Chanel No. 5. Der Duft wurde von Ernest Beaux kreiert, einem Chemiker, der zuvor für das russische Kaiserhaus gearbeitet und durch die Revolution seine Arbeit verloren hatte. Seinen etwas langweiligen Namen erhielt das Parfüm gleich zu Beginn, als die legendäre Modedesignerin Coco Chanel zwischen mehreren verschiedenen Kompositionen von Beaux wählte. Die fünfte Komposition gefiel Chanel am besten – und der Rest ist Geschichte.
Lesen Sie auch: Chanel: Französische Mode par excellence

9. Für sie und ihn
Tatsächlich sollte es bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts dauern, bis reine Männerparfüms im Westen auf den Markt kamen. Davor waren Parfüms sowohl für Frauen als auch für Männer gedacht gewesen. In den 1960er Jahren kreierte Edmond Roudnitska für das Haus Dior Eau Sauvage, das auch heute noch zu den meistverkauften Herrendüften überhaupt zählt.
Lesen Sie auch: Christian Dior, das brillante Genie

10. Vom Signature-Duft zur Parfümkollektion
Von teuren Tropfen, die der Elite der Gesellschaft vorbehalten waren, bis hin zu beliebten Klassikern für die breite Masse – die Geschichte des Parfüms ist absolut faszinierend. Im 20. Jahrhundert sprachen viele Menschen von "ihrem" Signature-Duft, also einem Parfüm, das man sich einmal aussuchte und das dann ein Leben lang die eigene Persönlichkeit, den Stil und den Charakter ergänzte. Aber es muss nicht so einschränkend sein. Heute gibt es für Neugierige, die sich auf keinen einzelnen Duft festlegen wollen, viele kleinere Parfümhäuser mit spannenden Düften zu entdecken. Eine Tatsache hat aber dann doch noch immer Bestand: die Chemie zwischen einem Parfüm und seinem Träger muss einfach stimmen, damit der Duft zur richtigen Entfaltung kommen kann.










