Etwa gegen Ende des Jahres 1963 bemerkte man beim dänischen Möbelhersteller Fritz Hansen einen Anstieg der Nachfrage nach einem Stuhl, der dort seit acht Jahren produziert wurde: Modell 3107 aus Arne Jacobsens Serie 7, ein schlichter wie genialer Stuhl, der nur aus einer Sitzschale aus gebogenem Schichtholz und einem vierbeinigen Fuß aus Stahlrohr bestand. Die Serie 7 hatte sich aus dem dreibeinigen Vorgänger Die Ameise entwickelt, der drei Jahre zuvor einer der ersten Stühle gewesen war, dessen Sitzschale aus einem einzelnen Stück dampfgebogenem Schichtholz bestand. Modell 3107 verkaufte sich gut, doch nun plötzlich entwickelte es sich zu einem absoluten Verkaufsschlager in ganz Europa und den USA. Die Ereignisse, die zu diesem Phänomen geführt hatten, hatten rund zwei Jahre zuvor in England ihren Lauf genommen.
Lesen Sie auch: Arne Jacobsen: Der Vater des dänischen Funktionalismus

Man schrieb das Jahr 1963: Die Welt befand sich mitten im Kalten Krieg und im Vereinigten Königreich erhitzten sich die Gemüter über einen Skandal aus Spionage, Lügen und Affären in dessen Mittelpunkt sich das Model Christine Keeler und der britische Kriegsminister John Profumo befanden.
Lesen Sie auch: Ein Sommer im Look der 60er
Begonnen hatte alles im Juli 1961 auf dem Anwesen Cliveden in Buckinghamshire. Dort veranstaltete der Hausherr, William Waldorf Astor, 3. Viscount Astor, ein Mitglied der Conservative Party, die damals unter Premierminister Harold Macmillan die Regierung bildete, eine Gartenparty zu Ehren des pakistanischen Präsidenten Muhammed Ayub Khan. Unter den Gästen befanden sich auch John Profumo nebst Gattin, Schauspielerin Valerie Hobson, sowie der Londoner High Society-Osteopath Stephen Ward, der zeitweilig das Spring Cottage auf dem Anwesen bewohnte. Er hatte zwei junge Frauen dabei, die in London als Models und Tänzerinnen arbeiteten und die er unter seine Fittiche genommen hatte. Eine der beiden war die 19-jährige Christine Keeler, die er Profumo vorstellte (Ward wurde später wegen angeblicher Zuhälterei angeklagt und beging – trotz mangelnder Beweise – kurz vor der Urteilsverkündung Suizid).
Keeler und Profumo begannen eine Affäre, die allerdings nach nur wenigen Wochen wieder endete. Und sehr wahrscheinlich hätte sich nie irgendjemand dafür interessiert, wäre Keeler im Jahr darauf nicht in einen Vorfall verwickelt worden, der eingehende polizeiliche Ermittlungen und einen Gerichtsprozess nach sich zog (im Zusammenhang mit diesem Prozess wurde Keeler später wegen Meineid und Behinderung der Justiz angeklagt und verbüßte eine Freiheitsstrafe): Geplagt von Eifersucht, war im Dezember 1962 ein weiterer Liebhaber Keelers vor Stephen Wards Haus in London, wo auch Keeler zeitweilig wohnte, aufgetaucht und gab einige Schüsse auf das Gebäude ab. Die Ermittler wurden über Keeler auf Stephen Ward und seine Verbindung in höchste politische und diplomatische Kreise aufmerksam, darunter auch auf seine Freundschaft zu Jewgeni Iwanow, einem Militärattaché der sowjetischen Botschaft, mit dem Christine Keeler ebenfalls eine kurzlebige Affäre gehabt hatte.
Lesen Sie auch: 7 Gemälde von London, die man kennen sollte

In Zeiten des Kalten Krieges war ein solches Liebesdreieck natürlich eine absolute Katastrophe. Die Sorge, dass geheimes Regierungswissen über Keeler an die Sowjets gelangt sein könnte, war enorm und natürlich erfuhr auch die Presse davon, die – zunächst noch zurückhaltend – darüber berichtete. Im März 1963 musste sich John Profumo schließlich vor dem Parlament zu der Affäre äußern. Profumo erklärte, er habe nie ein sexuelles Verhältnis mit Christine Keeler gehabt. Doch die Presse recherchierte weiter und Zeugen tauchten auf, sodass Profumo im Juni zugab, bei seiner Aussage gelogen zu haben. Noch am selben Tag trat von seinem Amt als Kriegsminister zurück. Nun war der öffentliche Skandal da. Profumos Falschaussage führte zu einem gewaltigen Vertrauensverlust seitens der britischen Bevölkerung in die Regierung, sodass im Oktober 1963 auch Premierminister Macmillan zurücktrat.
Lesen Sie auch: Die 10 skandalösesten Werke der Kunstgeschichte

Möchten Sie Artikel wie diesen direkt in Ihrem Posteingang entdecken? Dann melden Sie sich noch heute für unseren kostenlosen Newsletter an!
Im besonderen Fokus der Presse stand Christine Keeler, die zu der zentralen Figur des Skandals wurde. Daher beteiligte sie sich an dem Film The Christine Keeler Story, der von August bis September mit vornehmlich amerikanischen und britischen Schauspielern in Dänemark gedreht wurde und die Story aus ihrer Sicht erzählte. Da der politische Skandal noch in vollem Gange war, musste die Produktion vorsichtig agieren, sodass John Profumo im Film nur indirekt eine Rolle spielt. Dennoch kam der Film nie offiziell in die Kinos des Vereinigten Königreichs. Um dem Film zu promoten, sollte Keeler bereits im Mai für Aufnahmen des Fotografen Lewis Morley nackt posieren. Doch sie zierte sich. Als Kompromiss platzierte Morley die entblätterte Keeler so auf einem Stuhl, dass sie teilweise von der Rückenlehne verdeckt wurde.
Lesen Sie auch: 9 weibliche Motive, die für Kontroversen sorgten
Diese Entscheidung hatte die eingangs erwähnten Folgen. Vor allem eine der Aufnahmen, die auch für das Filmplakat verwendet wurde, wurde zu einer Ikone der Fotografie (was auch dieses Objekt bestätigen mag) und der Stuhl zu einer Ikone des Designs. Wie wir bereits wissen geht es hier um das Modell 3107 aus der Serie 7 von Arne Jacobsen, denn diesen Stuhl meinten die Betrachter der Fotos auf selbigen zu erkennen. Doch dem war nicht so. Tatsächlich handelte es sich bei dem verwendeten Stuhl lediglich – und eigentlich auch recht offensichtlich – um eine Nachahmung des Jacobsen-Stuhls, verfügte er doch über eine Grifföffnung in der Rückenlehne, die beim Original überhaupt nicht vorkommt.
Von den Stühlen der Serie 7 wurden bis heute 5 Millionen Exemplare verkauft, natürlich angeführt vom Modell 3107, das so mancher vielleicht nur unter seinem inoffiziellen Spitznamen kennt: The Keeler Chair.










