Das ganze Universum besteht aus Kurven.
Geschwungene Linien haben die Menschheit, vor allem Künstler, schon immer fasziniert. Ihre Anziehungskraft scheint auf mehreren Gründen zu beruhen, vor allem aber darauf, dass die geschwungene Linie ein Gefühl der Zartheit, Weiblichkeit und Bewegung vermittelt und sich in Harmonie mit der Natur und dem Universum befindet – ganz im Gegenteil zu der geraden Linie, die weniger frei, starr und künstlicher erscheint.
Der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer erklärte seine Neigung zur geschwungenen Linie so: „Es ist nicht der rechte Winkel, der mich anzieht, oder die gerade Linie, die hart und unflexibel ist und vom Menschen erschaffen wurde. Was mich anzieht ist die freie und sinnliche Kurve – die Kurve, die ich in den Bergen meiner Heimat entdecke, in den gewundenen Verläufen ihrer Flüsse, im Körper einer geliebten Frau.“ Die Sinnlichkeit der Kurven wurde zum Markenzeichen des Architekten, der einige der berühmtesten Gebäude Brasiliens entwarf und auch als „Bildhauer der Monumente“ bezeichnet wurde.

Viele Jahrhunderte vor Niemeyer, im Zeitalter des Barock, bevorzugten Architekten die plastische und sinnliche Natur der geschwungenen Linie bei der Errichtung von Gebäuden und Monumenten. Im Bereich der Malerei setzte Peter Paul Rubens die Kurven seiner Modelle in Szene, wofür er noch heute bekannt ist. Rubens feierte die üppigen, weichen und sinnlichen Formen und gab damit echten und unverfälschten Körpern eine Bühne, auf der Überfluss etwas unbedingt Positives darstellte.
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Doch auch moderne Gemälde, wie Gustav Klimts Danaë, faszinieren mit ihren „zauberhaften Kurven“. Für dieses Gemälde bediente sich der österreichische Maler beim Symbolismus der griechischen Mythologie, um sich dem Konzept der Mutterschaft zu nähern, aber gleichzeitig ein Werk von unverkennbarer Sinnlichkeit zu schaffen.

Weibliche Formen waren auch für den Fotografen Man Ray von großem Reiz und eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Für seine berühmtes Werk Le Violon d’Ingres nutzte er die natürlichen Formen seines Modells Kiki de Montparnasse (alias Alice Prin, die auch seine Muse und Geliebte war), um eine Violine darzustellen – ein perfekte Symphonie und Wiedergabe einer schlichten und natürlichen Sinnlichkeit.

In der Vergangenheit waren es männliche Fotografen und Maler, die die weibliche Sinnlichkeit mit einem verzauberten und manchmal auch erotischen Blick einfingen. Am Ende des 20. Jahrhunderts nutzte die britische Künstlerin Jenny Saville diese Formen auf provokativere Art und Weise. Als Gegengewicht zu dem zeitgenössischen Schönheitsideal und der allgemeinen Fokussierung auf das äußere Erscheinungsbild porträtiert Saville „kurvige“ Frauen.
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Eine Zeit lang verfolgte Saville die Arbeit eines plastischen Chirurgen und studierte die Psyche von Frauen, die sich verschiedenen Retuchierungs- und Fettabsaugungsverfahren unterzogen, um ihr künstliches Selbst zu erschaffen. Im Gegensatz zu diesen chirurgischen Eingriffen, die darauf abzielen, Schönheit zu „begradigen“, hat sich Saville dafür entschieden, Körper mit einer überschäumenden Weiblichkeit – und eben entsprechenden Kurven – zu betonen.

In der Welt der Keramik ist es die in Kenia geborene britische Künstlerin Dame Magdalene Odundo, die sinnlichen Formen und geschwungenen Linien eine große Bedeutung zukommen lässt. Ihre Arbeiten vermitteln ein Gefühl des Friedens, der Ruhe und der mütterlichen Liebe. Der Blick des Betrachters streichelt sie und macht die Finger glauben, dasselbe zu tun, indem er den sanften Linien folgt, sie umhüllt und sich wiederum von ihnen einhüllen lässt, um sich der Berührung ganz hinzugeben.
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Doch warum lösen solche Werke derartige Empfindungen in uns aus? Tatsächlich gibt es dafür eine wissenschaftliche Erklärung. Die Neigung zu Kurven ist gewissermaßen „angeboren“ und mit einem Urtrieb verbunden.

Neue Studien in der Neuroästhetik haben bestätigt, dass Menschen eher dazu neigen, einen Raum als schön zu empfinden, wenn dieser voller Kurven, anstatt gerader Linien ist. Eine weitere große Neuroimaging-Studie, die an der Harvard Medical School durchgeführt wurde, ergab, das das Betrachen von Objekten mit geraden und spitzen Linien die Amygdala aktiviert, also den Bereich des Gehirns, der Angst verarbeitet und als „Alarmsystem des Geistes“ dient. Diese Reaktion wird vermutlich ausgelöst, weil wir scharfe Objekte in erster Linie mit einer potenziellen Bedrohung in Verbindung bringen.
So symbolisieren gerade Linien auf neurologischer Ebene starren und geometrischen Rationalismus und werden als bedrohlich empfunden, während Kurven eine beruhigende Erleichterungsreaktion auslösen. Verlängerte Sessel, geschwungene Stühle, kreisförmige Motive und weiche Linien scheinen in unseren ästhetischen Motoren starke Reaktionen hervorzurufen. Vielleicht ist dies einer der Gründe für den Erfolg der Bugholzmöbel von Michael Thonet, der als Vater des geschwungenen Innendesign gilt.
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Designbewegungen, die sich Kurven und Wellen verschreiben, versorgen jedes Möbelstück mit einem ästhetischem Wert von großer Bedeutung. Einem Ausdruck, der über die bloße Funktion hinausgeht. Immer häufiger setzen (Innen-) Architekten bei ihrer Arbeit darauf. Der berühmte Bubble Palace von Antti Lovag ist ein ganz wunderbares Beispiel dafür.
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Doch war Lovag bei weitem nicht der einzige Architekt des 20. Jahrhunderts, dem es geschwungene angetan hatten. Alvar Aalto, Frank Lloyd Wright und Eero Saarinen nutzten eine organische Architektur, um ihrem Wunsch nach einer kompositorischen Freiheit Ausdruck zu verleihen. Die fließenden Formen und die Plastizität dieser zeitgenössischen Gebäude harmonieren perfekt mit der Natur und verschmelzen beinahe mit ihrer Umgebung.
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Eines der besten und bekanntesten Beispiele für diese Art der Architektur aus jüngerer Zeit ist das Guggenheim Museum in Bilbao, entworfen von Frank Gehry. Als dessen Kollege, der Architekt Philip Johnson, dessen erstmals ansichtig wurde, fing er, von seinen Emotionen überwältigt, an zu weinen. Ein Aspekt des ungewöhnlichen Gebäudes schien sein Innerstes stark berührt zu haben. „Bei der Architektur geht es nicht um Worte. Es geht um Tränen“, kommentierte Johnson später.
Jedenfalls scheinen Kurven einen starken Einfluss auf die menschliche Psyche zu haben und unsere Urinstinkte anzusprechen. Wir lieben sie, weil sie anthropomorph und phytomorph sind und an altbekannte Formen erinnern. Darunter das Profil des Mondes, die Wellen des Meeres, die sanften Erhebungen der Hügel oder eben auch der gewölbte Bauch einer Schwangeren.
Mit diesem neuen Wissen über alte Vertrautheiten im Hinterkopf, wird es in Zukunft sicher noch viel mehr „kurvige“ Häuser, Möbel und Kunstwerke geben.








