Eine Königin, ein Kardinal, zwei Juweliere und eine Betrügerbande: Was klingt wie die perfekte Besetzung für einen spannenden Kinofilm, umschreibt die tatsächlichen Protagonisten einer wahren Krimikomödie, wie sie sich kein Drehbuchautor hätte ausdenken können. In seiner Marie Antoinette-Biografie nennt Stefan Zweig es sogar „die tollste Affenkomödie der Weltgeschichte“. Die berühmte Halsbandaffäre hat sich mit jedem noch so absurd erscheinenden Detail wirklich und wahrhaftig zugetragen und zog Folgen nach sich, die in ihrem Ausmaß niemand hätte voraussehen können.
Obwohl der Skandal rund um das „Halsband der Königin“ 1785/86 stattfand, nahm er in den frühen 1770er Jahren seinen Anfang. Besagte Königin, Marie Antoinette, war damals an der Seite des Thronfolgers noch Dauphine von Frankreich und machte noch nicht mit ihrer späteren Verschwendungssucht von sich reden. Zu jenem Zeitpunkt war das noch die „Aufgabe“ der offiziellen Mätresse des regierenden Königs Ludwig XV., Madame du Barry.
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Madame du Barry war bekannt für ihre Liebe zu Kunst, Mode und Schmuck und eine gute Kundin bei den Hoflieferanten in Paris. Zu diesen gehörten auch Paul Bassenge (1742-1812) und Carl August Böhmer (1735-1794), die gemeinsam ein luxuriöses Juweliergeschäft an der Place Louis le Grand (heute Place Vendôme) betrieben. Der deutsche Böhmer war als Diamantenagent des sächsischen Kurfürsten nach Paris gekommen. Er war also ein absoluter Fachmann für die funkelnden Edelsteine und gemeinsam mit Bassenge begann er auf eigene Faust, die größten und lupenreinsten Diamanten zu sammeln, die in Europa zu haben waren. Aus diesen 674 Steinen von zusammen 2.842 Karat schufen sie das sicherlich nicht schönste, aber auf jeden Fall diamantenreichste Schmuckstück der Geschichte. 1,8 Millionen Livres würde der Käufer dafür hinblättern müssen.
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Und dieser Käufer sollte Frankreichs König Ludwig XV. sein, der damit seiner schönen Geliebten (mal wieder) eine Freude bereiten könnte. Doch es kam anders. Der ehemals vom Volk geliebte, mittlerweile aber verhasste König starb im Mai 1774 an den Pocken, die von seinem ehemals guten Aussehen nicht mehr viel übrig ließen. Madame du Barry wurde vorübergehend in ein Kloster verbannt und der Enkelsohn des verblichenen Souveräns bestieg als Ludwig XVI. Frankreichs Thron. An seiner Seite Marie Antoinette, die nun als Königin alle Zwänge des strengen Versailler Hofprotokolls abschütteln wollte, um ein Leben zu leben, das ihr gefiel. Vor allem wollte sie aber gern das Ehebett meiden, denn dort geschah – nichts, sodass Marie Antoinette ihrer eigentlichen Aufgabe, für legitimen Nachwuchs zu sorgen, nicht nachkommen konnte. Stattdessen vergnügte sie sich auf den Maskenbällen in der Pariser Oper, verlor Unsummen am Spieltisch und gab noch höhere Beträge für Schmuck und Kleidung aus. Kurzum, sie begann ein Verhalten an den Tag zu legen, dass das französische Volk bis dahin nur von den Mätressen seiner Könige kannte, nicht von deren Ehefrauen.
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Um dem strengen und langweiligen Hofleben zu entkommen, zog sich Marie Antoinette des Öfteren in ihr Lustschlösschen Trianon im Park von Versailles zurück, das sie von ihrem Gemahl kurz nach dessen Thronbesteigung geschenkt bekommen hatte. Dort umgab sie sich ausschließlich mit unterhaltsamen Leuten, die ihr gefielen, womit sie all jene Höflinge, die sie mit ihrer permanenten Abwesenheit brüskierte, ihrer Aufgaben am Hof beraubte. Gerüchte kamen auf, dass sich die junge Königin in ihrem Privathaus mit Liebhabern vergnügte, anstatt für einen Thronfolger zu sorgen. Erst der mit vielen guten Ratschlägen bestückte Besuch von Marie Antoinettes großem Bruder, Kaiser Joseph II., im Jahr 1777 bewirkte eine Änderung im royalen Eheleben und im Jahr darauf wurde die Königin zum ersten Mal Mutter. Auf diese Tochter folgte 1781 der ersehnte Thronfolger und tatsächlich brachte die Mutterrolle Marie Antoinette dazu, ein ruhigeres Leben zu führen.
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Für die Juweliere Böhmer und Bassenge war die Geburt des Kronprinzen wie ein Silberstreif am Horizont. Seit dem Tod Ludwigs XV. hatten sie überall in Europa versucht, ihr prachtvolles Diamantcollier zu verkaufen. Doch jedem, sogar der russischen Zarin Katharina II., war es zu teuer. Erschwerend kam hinzu, dass man das Schmuckstück allgemein auch als nicht besonders schön empfand. Doch 1781 schöpfte man Hoffnung, denn Ludwig XVI. war ungemein stolz darauf, endlich Nachwuchs im Allgemeinen und einen Thronfolger im Besonderen in die Welt gesetzt zu haben. Tatsächlich zog er in Erwägung, das Collier für seine Gattin aus lauter Dankbarkeit zu kaufen, doch selbst sie, die schon so viel Geld für Schmuck ausgegeben hatte – nicht selten hatte Ludwig in seine eigene Schatulle greifen müssen, um Marie Antoinettes Schulden zu bezahlen – war der Preis zu hoch. Verzweifelt zogen Böhmer und Bassenge von dannen.
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Doch wie heißt es so schön: Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich ein Fenster. Im vorliegenden Fall stand vor diesem imaginären Fenster eine Frau mit dem wohlklingenden Namen Jeanne de Saint-Rémy de Valois, Gräfin de La Motte. Tatsächlich war in Jeannes Stammbaum Frankreichs König Heinrich II. zu finden, der mit einer seiner Mätressen Henri de Saint-Rémy gezeugt hatte. Doch waren dessen Nachfahren mittlerweile verarmt und Jeanne zudem bereits früh zur Waise geworden. Sie fand eine adelige Gönnerin sowie 1780 mit Nicolas de La Motte einen Ehemann. Da der jedoch genauso arm war wie sie selbst, musste man sich etwas einfallen lassen, um einen aufwendigen Lebensstil führen zu können. Die erste Maßnahme war der selbsternannte Aufstieg in den Grafenstand.
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Das Paar ließ sich in Paris nieder und wiederholt versuchte Jeanne in Versailles, die Aufmerksamkeit Marie Antoinettes zu erlangen – doch es klappte nicht. Dennoch schaffte es Jeanne, in Paris das Gerücht zu streuen, sie stünde in der Gunst der Königin. Das kam auch den beiden verzweifelten Juwelieren zu Ohren, die sich hilfesuchend an die „gute Freundin Ihrer Majestät“ wandten. Jeanne hörte aufmerksam zu und schon bald reifte in ihr ein Plan heran, bei dessen Umsetzung ihr eine tatsächlich existierende Bekanntschaft zu einer hochstehenden Persönlichkeit helfen sollte.

Dieser jemand war Kardinal Louis de Rohan, der nicht nur aus einer der ersten Familien Frankreichs stammte, sondern als Großalmosenier des Königreichs auch eine immens wichtige klerikale Position bekleidete – was er weniger seiner Reputation denn seiner Abstammung zu verdanken hatte. 1772 machte er einen Abstecher in diplomatische Kreise und wurde Botschafter in Wien, wo er sich bei der Mutter der damaligen Dauphine Marie Antoinette, Kaiserin Maria Theresia, durch sein pompöses Auftreten sehr unbeliebt machte. Das hatte auch die Abneigung der Kaisertochter zur Folge, die 1774 zu Frankreichs Königin wurde. Kardinal Rohan hätte nur allzu gerne Zugang zu Marie Antoinettes exklusivem Kreis erhalten, doch sie zeigte ihm die kalte Schulter.
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Und nun präsentierte ihm seine Bekannte (und möglicherweise Geliebte) Jeanne de La Motte eine Möglichkeit, sich bei der Königin beliebt zu machen. Schon seit längerem präsentierte Jeanne dem naiven Kardinal regelmäßig „Briefe von der Königin“ (in Wahrheit von ihrem talentierten Sekretär geschrieben), um ihn von ihrer besonderen Freundschaft zu dieser zu überzeugen. Und Kardinal Rohan ließ sich nur allzu gern überzeugen. Ihm fiel nicht einmal auf, dass die Briefe irrtümlicherweise mit „Marie Antoinette de France“ statt dem eigentlich üblichen „Marie Antoinette“ unterschrieben waren. Tatsächlich war es nicht das erste Mal, dass er auf eine betrügerische Masche hereinfiel. Zuvor hatte er bereits dem berühmten Hochstapler Giuseppe Balsamo, selbsternannter Graf von Cagliostro, Tür und Portemonnaie geöffnet. Cagliostro trat überall in Europa als Okkultist und Alchimist auf, um einer wohlhabenden Klientel seine Elixiere und Beschwörungsformeln zu verkaufen, die Liebe, Lust und Reichtum bringen sollten. Doch eigentlich füllte sein Vorgehen vor allem seine eigenen Taschen.

So vielversprechend die angeblichen Briefe der Königin auch waren, in denen sie dem Kardinal anscheinend alle früheren Vergehen verzieh, so ganz überzeugt war Kardinal Rohan dann aber doch nicht. Auch dafür hatte Jeanne de La Motte jemanden zu Hand: Eine junge Frau namens Mademoiselle d’Oliva, die ihr in Paris wegen ihrer großen Ähnlichkeit zu Marie Antoinette aufgefallen war und die gegen eine entsprechende Bezahlung nur allzu gern bereit war, in einer nächtlichen Szene im Park von Versailles die Königin zu spielen. Gehüllt in ein weißes Kleid mit Strohhut, das dem Outfit glich, mit dem Marie Antoinette kurz zuvor im Pariser Salon für Unmut gesorgt hatte, trat Mademoiselle d’Oliva zu dem sehnsüchtig wartenden Kardinal und überreichte diesem mit den Worten „Ihr wisst, was das zu bedeuten hat“ eine Rose. Das Zusammentreffen wurde natürlich schnell gestört und die angebliche Königin zog sich zurück. Kardinal Rohan hatte den Köder jedenfalls geschluckt und war selig. Als dann Jeanne de La Motte zu ihm kam und ihm eröffnete, die Königin wünsche seine Hilfe beim Kauf eines Diamantencolliers im Wert von 1,8 Millionen Livres, hatte er keinerlei Zweifel am Wahrheitsgehalt des Anliegens, bei dem er als Bürge auftreten sollte. Der Preis wurde bei Böhmer und Bassenge, die froh waren, das teure Stück endlich verkaufen zu können, auf 1,6 Millionen Livres runtergehandelt und eine Ratenzahlung à 400.000 Livres vereinbart. Anfang des Jahres 1785 hatte Jeanne de La Motte das Collier endlich in Händen. Sie übergab es an ihren Mann Nicolas, der damit nach London fuhr, um die einzelnen Steine zu verkaufen.
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Als der Tag der ersten Ratenzahlung näher rückte, wurde der Kardinal zunehmend unruhig. Nach wie vor behandelte Marie Antoinette ihn wie Luft. Diese hatte unterdessen einen Brief vom Juwelier Böhmer erhalten, in dem dieser ihr für den Kauf des Colliers seinen Dank aussprach. Die Königin, die glaubte, der arme Böhmer habe nun endgültig seinen Verstand verloren, warf den Brief ins Feuer und kümmerte sich nicht weiter darum. Als Böhmer sich Anfang August 1785, die erste Ratenzahlung war bereits überfällig, an Marie Antoinettes Kammerfrau Madame Campan wandte, flog die ganze Geschichte auf. Marie Antoinette verlangte wütend die Festnahme des Kardinals Rohan und Ludwig XVI., der als Ehemann, König und gläubiger Christ mehr als entsetzt war, ließ diesen in die Bastille bringen, wo er auf die Gerichtsverhandlung vor dem Pariser Parlament warten sollte.

Nicht einen Moment hätte Marie Antoinette geglaubt, dass man Kardinal Rohan, der angab, auf eine Betrügerbande hereingefallen zu sein, freisprechen würde. Doch genau das geschah Ende Mai 1786. Während Jeanne de La Motte, die noch vor Prozessbeginn verhaftet worden war, ausgepeitscht, gebrandmarkt und zu einem Leben im Gefängnis verurteilt wurde, war Kardinal Louis Rohan ein freier Mann. Seit seiner Verhaftung hatte er die öffentliche Meinung auf seiner Seite gehabt, kaum jemand war der Ansicht, dass Marie Antoinette tatsächlich nichts von alledem gewusst hatte. Nun zeigte sich, dass die Hetzkampagne, der „die Österreicherin“ seit dem Tag ihrer Ankunft in Frankreich ausgesetzt war, Früchte trug. Sicherlich wäre es von Vorteil gewesen, hätte Marie Antoinette besonnener gelebt und auf exorbitante Ausgaben für ihr Vergnügen und die Schaffung eines intimen Freundeskreises verzichtet. Dadurch, dass sie sich von ihren königlichen Pflichten und dem damit verbundenen öffentlichen Leben so sehr abschirmte, ermöglichte es erst, ihr einen liederlichen Charakter anzudichten, der auch von einem fragwürdigen Schmuckkauf nicht zurückschreckte.
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Und Jeanne de La Motte? Die schüttete noch weiter Öl ins Feuer, nachdem ihr nach einem Jahr Haft auf mysteriöse Weise die Flucht aus dem Gefängnis gelungen war. Da sogar sie mittlerweile wegen ihres Schicksals bemitleidet wurde, dürften dafür genügend einflussreiche Helfer zur Verfügung gestanden haben. Sie ließ sich in London nieder, wo sie ihre angeblichen Memoiren schrieb, die Marie Antoinette als unersättliche „Königin der Lust“ darstellten – ja, nicht nur Kardinal Rohan, sondern auch sie selbst zählte demnach zum umfangreichen Kreis der Liebhaber und Liebhaberinnen der Königin.

Weder Jeanne de La Motte noch Marie Antoinette sollte noch viel Zeit bleiben. Jeanne starb im August 1791 nach einem Sprung oder Sturz aus dem Fenster. Ob Marie Antoinette jemals davon erfahren hat? Sie hatte in Zeiten der Revolution andere Sorgen. So war zwei Monate vor Jeannes Tod der Fluchtversuch der königlichen Familie ins Ausland gescheitert. Marie Antoinettes schlechter Ruf und die vielen Gerüchte über ihr angeblich so zügelloses Privatleben, die die Halsbandaffäre mit all ihren Unwahrscheinlichkeiten im Grunde erst möglich gemacht hatten, verfolgten sie bis vor das Revolutionstribunal, vor dem sie sich nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. im Januar 1793 ebenfalls verantworten musste.
Am 16. Oktober 1793 durchtrennte das Fallbeil der Guillotine Marie Antoinettes Hals, möglicherweise an jener Stelle, an der sie das berühmte Collier getragen hätte – wenn sie es denn tatsächlich hätte haben wollen.










