Der Beginn des 19. Jahrhunderts war in Europa geprägt von der Herrschaft Kaiser Napoleons I., der sein Reich und die Erklärung der Menschenrechte gerne über den Rest des Kontinents expandiert gesehen hätte. Doch nach anfänglichen Erfolgen musste er vor dem Widerstand der "alten Mächte" schließlich die Waffen strecken, die gar nicht daran dachten vor einem "Emporkömmling" zu weichen.
Widerstandslos angenommen wurde hingegen – wie bereits vor der Französischen Revolution üblich – das Modediktat, das aus der französischen Hauptstadt Paris kam, und das ab dem späten 18. Jahrhundert, vom neuen Freiheitsgedanken und den Idealen der Antike getragen, zunächst durchaus positiv für den weiblichen Teil der Bevölkerung ausfiel. Durch den Wegfall der aristokratischen Hierarchie und der höfischen Etikette in Frankreich, waren die seitlich weit ausladenden Reifröcke endgültig ad acta gelegt worden. Statt steifer Mieder wurden schlichte, locker fallende Kleider nun ganz einfach unter der Büste mit einem schmalen Band in Form gehalten und boten ihren Trägerinnen eine nie zuvor dagewesene Freiheit.
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Mit der neugewonnen Freiheit für die Frau war es aber schon bald wieder vorbei. Nach den aufreibenden Jahren des Krieges waren die Obrigkeiten in den Ländern Europas bemüht, die alte Ordnung wieder herzustellen. Jedes politische Mitspracherecht seitens der Bevölkerung wurde revidiert und so zog sich der "Biedermeier-Mensch" in sein Privatleben zurück. Vor allem auf die Frauen wurde diese ausgeprägte Häuslichkeit geradezu sprichwörtlich: Die drei Wörter "Kinder, Küche, Kirche" umfassten die Betätigungsfelder, mit denen sich eine Frau ausschließlich zu befassen hatte.
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Dieser Zustand wurde auch in der Mode deutlich. Frauen bekamen nun wieder eine Taille – und zwar eine möglichst schmale. Das fortschreitende 19. Jahrhundert war geprägt von der ungesündesten Miedermode, die es je gegeben hatte. Die meist mit Stäben aus Fischbein verstärkten Korsetts wurden im Laufe der Jahrzehnte immer enger geschnürt, um die gewünschte Silhouette zu erzielen. Das Bild der beständig in Ohnmacht fallenden feinen Dame dürfte eher auf diesen Umstand zurückzuführen sein, als auf ein etwaiges weibliches Zartgefühl.
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Umso ausladender wurde es nördlich und südlich der Taille. In den 1830er Jahren wurden überdimensionale Puffärmel en vogue, genauso wie weite Röcke, die zunächst mit mehreren Schichten Unterröcken in Form gebracht wurden, später unter Zuhilfenahme von – erneut – Reifröcken, den runden Krinolinen.
Auch die Haarmode wurde wieder auffälliger. Locken und Verzierungen aller Art erinnerten schon beinnahe an die höfischen, vorrevolutionären Turmfrisuren der 1770er Jahre. Eine wichtige Inspirationsquelle für die Haartrachten soll die Giraffe Zarafa gewesen sein, die 1827 als erste lebende Giraffe seit 300 Jahren europäischen Boden betrat. Zarafa war ein Geschenk des ägyptischen Gouverneurs Muhammad Ali Pascha an den französischen König Charles X. gewesen.
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Während die auffällige Haarmode ab den 1850er Jahren zunächst wieder flacher wurde und von einem Knoten im Nacken dominiert wurde, wurden die Kleider immer ausladender. Die Krinolinen nahmen die Form einer Glocke an, die so unpraktisch waren, dass sie wiederholt zur Zielscheibe von Karikaturen wurden. Ermöglicht wurde diese Dekadenz, die Unmengen an Stoff benötigte, durch die Erfindung von neuen Färbemethoden und der zunehmenden Verbreitung von Nähmaschinen.
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Waren die Krinolinen auch noch so unpraktisch durch ihren Umfang und ihr Gewicht, boten sie ihren Trägerinnen jedoch ein gewisses Maß an Bewegungsfreiheit. Dies änderte sich in den 1870er Jahren, als das Damenkleid allgemein enger wurde und sein repräsentatives Volumen nur noch auf der Rückseite zur Schau stellte. Eigentlich hieß diese Mode "Tournüre", wurde jedoch auch cul de Paris ("Paris Hintern") genannt. Die Tournüre kam 1870 auf (siehe Titelbild), verschwand dann nach wenigen Jahren aus der Mode, um 1880 ein letztes Revival zu erleben.
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Die neuen Kleider wurden schließlich so eng, dass man in den 1880er Jahren erstmals von "Humpelröcken" sprach. Nachdem man so "körperbetont" geworden war, wurde es umso wichtiger, möglichst wenig nackte Haut zu präsentieren. Tat frau dies nicht, konnte sie leicht in den Ruf geraten ein "loses Frauenzimmer" zu sein. Nackte Arme und Schultern sowie ein Dekolleté waren nur bei Abendveranstaltungen erlaubt.

Die 1880er Jahren waren jedoch nicht nur das Jahrzehnt der ersten "Humpelröcke", sondern auch – oder gerade deshalb – das Jahrzehnt des ersten Aufbegehrens gegen das unpraktische und ungesunde Modediktat. Diese Reformbewegung ging von England aus mit der Gründung der Rational Dress Society, die locker sitzende Kleider ohne die Gedärme quetschende Korsetts, leicht verkürzte Röcke und sogar Hosen für die Frau präsentierte. Letztere Idee fand jedoch nur wenig Anhänger. In Deutschland dauerte es etwas länger, bis solche Ideen diskutiert wurden. 1896 wurde der Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung gegründet.
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Eine Reform der Damenmode war dringend nötig und das Verlangen danach widerspiegelt die Veränderungen, die sich in der Gesellschaft ankündigten. Frauen wurden aktiver, waren immer häufiger erwerbstätig und begannen ihre Rechte und ihren Platz im öffentlichen Leben einzufordern. Fast erschient es wie ein letztes Aufbegehren der "guten alten Zeit", dass die Korsetts der klassischen Kleider in den 1890er Jahren enger geschnürt wurden als jemals zuvor.
Wie in keinem Jahrhundert zuvor reflektiert die Damenmode im 19. Jahrhundert die Entwicklungen, die die (Frauen-) Gesellschaft in diesem Zeitraum durchlebt hat. Auf die relative Freiheit zu Beginn des Jahrhunderts folgte eine Zeit der Unterdrückung und Einschränkung, die schließlich dem Wunsch nach Selbstbestimmung weichen musste.
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Aktualisierte Version eines Artikels vom 29. April 2019




