Umhüllt von kostbaren Stoffen, mit zartem Teint und glänzendem Haar, erscheinen die von Franz Xaver Winterhalter porträtierten Damen wie zauberhafte Wesen aus einer längst vergangenen Epoche, deren Ende auch das Ende des Interesses an Winterhalters Kunst bedeutet hatte. Nach Jahrzehnten des Vergessens haben zwei große Retrospektiven 1987/88 in London und Paris sowie 2015/16 in Houston, Freiburg und Compiègne dazu beigetragen, das Werk des Malers neu zu entdecken und zu bewerten – und nicht zuletzt die Frage zu erörtern, wie ein Bauernsohn aus dem Schwarzwald zum gefragtesten Porträtmaler Europas aufsteigen konnte.
Franz Xaver Winterhalter kam am 20. April 1805 als Sohn eines Bauern in Menzenschwand im Schwarzwald zur Welt. Durch sein früh erkanntes Talent erhielt er zunächst eine Ausbildung zum Zeichner und Lithographen in Freiburg, bevor er im Alter von 18 Jahren nach München ging. Dort war es der Hofmaler Joseph Karl Stieler, der Winterhalters Interesse an der Porträtmalerei weckte und ihn davon träumen ließ, zu einem bedeutenden Maler dieser Gattung aufzusteigen.
Lesen Sie auch: Lady in Black: 5 gemalte Damen in Schwarz

Den ersten Schritt in diese Richtung tat er, als er 1830 nach Karlsruhe ging, wo er den Auftrag erhielt, die großherzogliche Familie von Baden zu porträtieren. Auch wurde er der Zeichenlehrer der aus Schweden stammenden Großherzogin Sophie Wilhelmine.
Als besonders wichtig für den Karriereverlauf eines Malers galt damals ein Aufenthalt in Italien. Mit Unterstützung des Großherzogs von Baden, Karl Leopold I., war Winterhalter eine solche Reise 1832 möglich. In Italien malte er von der dortigen Bevölkerung belebte Genreszenen und hatte jede Menge Inspiration und Skizzen im Gepäck, als er 1834 nach Karlsruhe zurückkehrte. Dort wurde er auch sogleich zum Hofmaler ernannt, doch war ihm das Großherzogtum zu klein für seine Träume geworden. Es zog ihn nach Paris.

In Paris tat Winterhalter das, was ein Maler damals tat, um anerkannt zu werden: er reichte ein Werk beim Salon ein. Interessanterweise wählte er ein Porträt (Verbleib unbekannt), das jedoch nicht gut ankam. Für das folgende Jahr wählte er ein Thema, das auf seiner Italienreise basierte. Das Genrebild Il Dolce Farniente war ein voller Erfolg, auf dem er 1837 mit dem eingereichten Der Decamerone aufbaute.
Lesen Sie auch: Stille Zaungäste: Gemälde in anderen Gemälden

Nun hatte er die Anerkennung, nach der er gestrebt hatte, und bald auch die Aufmerksamkeit von Bürgerkönig Louis-Philippe, der bei Winterhalter offizielle Porträts der Mitglieder der königlichen Familie bestellte. Das Porträt des Königs in Uniform wurde 1839 im Salon gefeiert, auch wenn man sich ein wenig wunderte, weshalb kein französischer Maler den prestigeträchtigen Auftrag erhalten hatte.

Die Porträts der französischen Königsfamilie waren der Startschuss für Winterhalters folgende Karriere, die nicht zuletzt aufgrund der familiären Beziehungen, die die europäischen Herrscherfamilien miteinander verbanden, zustande kam. 1840 malte er Leopold I. von Belgien, der ihn seiner Nichte und seinem Neffen empfahl, bei denen es sich um die britische Königin Victoria und deren Prinzgemahl Albert handelte. Victoria wurde eine der besten Kundinnen Winterhalters, die im Laufe der Jahre viele offizielle und intimere Porträts von sich, Albert und ihrer wachsenden Kinderschar in Auftrag gab.
Lesen Sie auch: Königliche Künstler: Wenn das Schloss zum Atelier wird

Winterhalter reiste daher oft nach London, aber auch an viele andere Orte in Europa. Das Zentrum seines Schaffens blieb jedoch Paris, wo 1852 ein neuer Herrscher den Thron bestieg: Kaiser Napoleon III., der im Jahr darauf die spanische Gräfin Eugénie de Montijo ehelichte. Die nunmehrige Kaiserin Eugénie, die für ihre Schönheit berühmt war, wurde die zweite bedeutende Kundin Franz Xaver Winterhalters, die sich unzählige Male von ihm porträtieren ließ.

Eine der besten Freundinnen von Kaiserin Eugénie war die tonangebende und stylische Frau des österreichischen Botschafters, Fürstin Pauline von Metternich, die aufgrund ihrer spitzen Zunge in ihrer Heimat bisweilen auch „Mauline Petternich“ genannt wurde. Die Fürstin machte die Kaiserin mit etwas vertraut, das für den Look des Zweiten Kaiserreichs und des damaligen Europa von enormer Bedeutung war: die Mode von Charles Frederick Worth, einem in England geborenen und in Paris ansässigen Modeschöpfer, der als Begründer der Haute Couture gilt.
Lesen Sie auch: Haute Couture: Wo Mode und Kunst aufeinandertreffen

In der Folge trugen Eugénie und viele weitere Damen auf so manchen Winterhalter-Porträts Kreationen von Worth. Eine von ihnen war jene hochstehende Person, deren Porträt im Abendkleid und mit Diamantsternen im prächtigen Haar heute zu den berühmtesten Werken des Malers zählt: Kaiserin Elisabeth von Österreich, die nicht minder für ihre Schönheit berühmt war als Eugénie.
Lesen Sie auch: Kaiserin Elisabeth von Österreich: Die ewig Schöne

Das berühmte Porträt, nebst einem offiziellen Porträt von Elisabeths Gemahl Kaiser Franz Joseph I., entstand 1865, doch hatte Elisabeth bereits 1864 für zwei andere Bildnisse posiert. Bei diesen beiden Arbeiten handelte es sich um intime Porträts mit gelöstem Haar und legerer Kleidung, die für die Privatgemächer des Kaisers bestimmt waren. Elisabeth war nicht die erste gekrönte Dame, die sich auf diese Weise von Winterhalter hatte auf die Leinwand bannen lassen. Bereits 1843 hatte Königin Victoria ein entsprechendes Porträt ihrem Albert zum Geburtstag geschenkt. Sowohl dieses Gemälde als auch das ovale Porträt Kaiserin Elisabeths wurden vor dem Schreibtisch des jeweiligen Ehemanns aufgestellt. Gleiches gilt auch für das nicht ganz so intime Porträt, das Winterhalter 1856 von der damaligen Kronprinzessin Olga von Württemberg geschaffen hat, das ebenfalls deren Gatten bei der Arbeit erfreuen sollte.
Lesen Sie auch: 6 Ikonen der deutschen Malerei

Wie diese Beispiele zeigen, brachten die adeligen Damen Europas Franz Xaver Winterhalter viel Vertrauen entgegen. Er war ruhig, respektvoll und bescheiden, eine angenehme Gesellschaft und vor allem wusste er, wie er seine Auftraggeberinnen am besten in Szene setzen konnte. Jede von ihnen erschien auf seinen Porträts wie ein makelloser Engel, wobei Winterhalter nie so weit ging, sich von der Wahrheit so weit zu entfernen, dass die Dargestellte unidentifizierbar wurde. Wer sich von Winterhalter porträtieren ließ, konnte davon ausgehen, ein Ergebnis zu erhalten, das dem entsprach, wie man sich selbst gerne sehen wollte. Man kann also davon ausgehen, dass der Maler über ein spezielles Feingefühl verfügte, mit dem er die Wünsche seiner hochgestellten Kundinnen erahnen konnte. Ein gutes Beispiel dafür ist das 1860 entstandene Porträt der bereits erwähnten Pauline von Metternich, die zwar stets gut gekleidet, aber nicht gerade eine klassische Schönheit war, auf ihrem Winterhalter-Porträt jedoch wie eine zarte Elfe erscheint.

Ein weiteres besonderes Talent Winterhalters war seine Fähigkeit, edle oder auch hauchzarte Stoffe hervorragend wiedergeben zu können. Das wusste auch Kaiserin Eugénie zu schätzen. Ihre Porträts waren daher auch immer Werbebilder für die französische Textilindustrie, deren Unterstützung eine der Aufgaben der eleganten Landesmutter war. Als eines der besten Beispiele für Winterhalters diesbezügliche Fähigkeiten gilt jedoch das Porträt der Prinzessin Anna von Hessen, die in eine Wolke aus Tüll gehüllt ist. Nebenbei: Anna, eine geborene Prinzessin von Preußen, war Kaiser Franz Josephs erste große Liebe, in die er sich bei einem Besuch in Berlin verguckte. Doch machte ihm die Politik einen Strich durch die Rechnung. Anna heiratete schließlich den späteren Landgrafen Friedrich Wilhelm von Hessen-Kassel und Franz Joseph seine Sisi.

Seine Darstellungsweise brachte Winterhalter oft die Kritik ein, ein Modemaler zu sein, dessen Porträts es an Tiefgang fehle. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass von den hochgestellten Damen, die er malte, nicht unbedingt Tiefgang erwartet wurde – auch wenn sie durchaus über einen solchen verfügten. Winterhalters Porträts zeigten seine Kundinnen so, wie sie sich selbst sehen wollten und zum anderen, wie andere sie sehen sollten, nämlich als prachtvoll ausgestattete Aushängeschilder ihrer bedeutenden und einflussreichen Ehemänner (eine diesbezügliche Ausnahme war natürlich Queen Victoria).
Lesen Sie auch: Die Zierde des Hauses: Damenmode im 19. Jahrhundert

Zu seiner Glanzzeit war Franz Xaver Winterhalter so gefragt, dass er jedes Jahr kreuz und quer durch Europa reiste, um zu arbeiten. Er suchte seine Kundinnen an den verschiedenen Fürstenhöfen auf oder traf sie in den eleganten Kurorten an. Auf letztere Weise einstanden 1857/58 die Porträts des russischen Zarenpaares Alexander II. (der Verbleib des Bildnisses ist unbekannt) und Maria Alexandrowna, die in Bad Kissingen kurten. Auch suchte so manche Kundin Winterhalter in seinem Pariser Atelier auf, um dort zu posieren. Das Arbeitspensum war hoch und nur mit fähigen Mitarbeitern zu bewältigen, allen voran Hermann Fidel Winterhalter, der seinen älteren Bruder zeitlebens unterstützte.
Lesen Sie auch: Von der Truhe zum Koffer: Eine Reise durch die Geschichte des Gepäcks

Mit dem Ende des Zweiten Kaiserreichs in Frankreich endete auch die Glanzzeit Franz Xaver Winterhalters. Wegen des Deutsch-Französischen Kriegs war er 1870 gezwungen, Paris zu verlassen. Er kehrte in seine badische Heimat zurück, in die er auch während seiner geschäftigsten Jahre regelmäßig gereist war, um seine Familie zu besuchen. Letzte Aufträge führten ihn wiederholt nach Frankfurt am Main, wo er am 8. Juli 1873 an der Folgen einer Typhuserkrankung starb. Franz Xaver Winterhalters Kunst geriet anschließend und vor allem durch den Zusammenbruch vieler europäischer Monarchien nach dem Ersten Weltkrieg weithin in Vergessenheit und wurde erst in jüngerer Zeit als Zeugnis einer untergegangenen Epoche und Beispiel vollendeter Porträtkunst wiederentdeckt.
Entdecken Sie weitere Künstlerbiografien im Barnebys Magazin!




